KRITIK

The Killing of a Sacred Deer

Plakat zum Film The Killing of a Sacred Deer mit Colin Farrell und Nicole Kidman.

Bild (c) Alamode Film.

Nach dem großen Erfolg mit „The Lobster“ (2015) kehrt der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos mit einem Film zurück, der von einer ähnlich bedrückenden Grundstimmung geprägt ist. Obwohl „The Killing of a Sacred Deer“ unverkennbar stilistische Elemente mit Lanthimos´ vorherigem Film teilt (2017 in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ für den Oscar  nominiert), ist der Thriller weit davon entfernt, sich auf der gleichen Formel von extrem nüchternem Spiel der Darsteller kombiniert mit einem völlig irrwitzigem Plot zu wiederholen. Wo sich bei „The Lobster“ durch diesen Kontrast ein skurriler Unterhaltungswert entwickelte, setzt „The Killing…“ auf eine Inszenierung, die ganz präzise Beunruhigung beim Zuschauer auslöst. Dies geschieht fast so klinisch genau wie sein Protagonist, ein Herzchirurg, arbeitet.

Colin Farrell spielt den Chirurgen Steven Murphy, der sich eines Klassenkameraden seiner Tochter annimmt und seine Ambitionen, selber einmal Arzt zu werden, unterstützt. Der Junge namens Martin (Barry Keoghan) vertraut sich Steven mehr und mehr an. Verbunden sind die beiden Charaktere durch den tragischen Umstand, dass Martins Vater einige Jahre zuvor auf dem Operationstisch von Steven starb. Schnell wird klar, dass Martin nicht nur aus beruflichem Interesse die Beziehung zu Steven intensivieren will, sondern in ihm auch einen Ersatzvater sieht. Als Steven sich weigert, in diese Rolle gedrängt zu werden, zeigt sich, dass Martin nicht nur ihm sondern auch seiner scheinbar perfekten Familie mit Frau Anna (Nicole Kidman) und seinen beiden Kindern gefährlich werden kann.

Diese Ausgangssituation liest sich wie das Grundgerüst zu einem recht handelsüblichen Thriller um Rache und Vergeltung. Tatsächlich schimmert jedoch in dem jungen Martin immer wieder die bedrohliche Natur von beispielsweise De Niros Max Cady aus „Kap der Angst“ durch. Interessanterweise baut auch Martin eine besondere Beziehung zu Stevens Tochter Kim auf, die trotz des Terrors, den er verursacht, eine merkwürdige Faszination für den Jungen entwickelt.

Wer mit Lanthimos Schaffen vertraut ist, der weiß von vornherein, dass die Geschichte nicht bereits Vertrautes wiederkauen wird. Jene Zuschauer, die unbedarfter ins Kino gehen, um einen spannenden Film mit den Hollywoodgrößen Farrell und Kidman zu sehen, werden kalt erwischt. Angefangen mit der allerersten Szene, die wie ein Blitzschlag aus der Dunkelheit kommt und sofort für Unwohlsein sorgen dürfte, das sich durch den ganzen Film zieht. Gezeigt wird das pochende Herz während einer Operation. An der Schraube zum Unwohlseins wird behutsam weitergedreht. In den einführenden Szenen, die Steven bei der Arbeit zeigen oder in denen er über Luxusuhren redet oder die Familie in ihrem elegantem, aber sterilen Haus zeigen, hält man das Ganze noch für eine bitterböse Satire auf die Upperclass und ihre Entfremdung von fundamentalen zwischenmenschlichen Emotionen durch Wohlstand und materiellen Besitz. Doch ganz unmerklich kippt der Film wenig später in eine ganz andere Richtung. Und bevor es zu spät ist, wird der Zuschauer genauso überrumpelt wie Stevens Familie, die plötzlich von einer mysteriösen Krankheit heimgesucht wird.

Szene aus dem Film The Killing of a Sacred Deer mit Nicole Kidman. Zu einem Gefühl der permanenten Unruhe tragen verschiedene Faktoren bei: Zum Beispiel lockert Lanthimos nur langsam das enge Korsett von kaum wahrnehmbaren Emotionen, die er seinen Darstellern erlaubt. Funktionieren die nüchternen Performances am Anfang noch als Marker eines völlig monotonen Alltags, kommen im Laufe des Films natürlichere Empfindungen auf den Gesichtern zum Vorschein. Vor allem Nicole Kidman sticht hier heraus. Sie versteht es hervorragend, ihren Charakter von Sekunde zu Sekunde mehr Verletzbarkeit und Verzweiflung zeigen zu lassen. Ihr Gegenüber Colin Farrell wiederum scheint auf merkwürdige Weise in der Welt von „The Lobster“, in der er auch eine tragende Rolle spielte, festzustecken. Bis zuletzt lässt er nicht von seinem emotional distanzierten Spiel ab.

Wie bereits in der vorherigen Zusammenarbeit mit Nicole Kidman – in Sofia Coppolas „Die Verführten“ – bleibt Farrell eher blass, was aber auch an dem Skript liegt, das so träge ist wie die Südstaatenhitze. In „The Killing…“ wiederum hat er es mit einem sehr ausgefeilten Drehbuch zu tun, das nichts dem Zufall überlässt (und dafür schon mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde).

Szene aus dem Film The Killing of a Sacred Deer mit Barry Keoghan.Ebenso auf den Punkt ist auch der Soundtrack, der wie die Bilder dem Zuschauer einiges abverlangt. In bester Hitchcock-Tradition werden prägnante Bewegungen der Charaktere von eindringlichen disharmonischen Streicherakzenten begleitet. Immer dann, wenn man denkt kurz durchatmen zu können, schießt ein Ton durch den Kinosaal, der fast wie ein Warnsignal klingt, immer wenn man meint, die Spannung könnte abfallen. Sonst bleiben die meist klassischen Stücke auch mal im Hintergrund, verschanzen sich hinter den Dialogen, nur um im unerwarteten Moment wieder hervorzuschnellen.

Lanthimos gönnt sich und seinen Zuschauern kaum ein Auszeit von dem Klammergriff, der sich immer weiter um den Zuschauer zuzieht. In einer erfrischend ungeschliffenen Szene singt Stevens Tochter einen Popsong von Ellie Goulding. Ehrgeizig aber doch ohne Talent. Solch eine simple, im Vergleich leichtfüßige Szene verdeutlicht, wie sonst jedes Element nur scheinbar unverrückbar an seinem Platz ist.

Die zentralen Fragen, die ein konventioneller Thriller beantworten müsste, werden in „The Killing of a Sacred Deer“ offen gelassen. Das intensiviert nicht nur das Mysterium um Martin und seine Taten, es lenkt auch das Augenmerk auf bedeutend größere Themenkomplexe wie Schuld und Moral. Diese Themen sind das pochende Herz des Films, das Lanthimos‘ eiskalten, distanzierten Charakteren zu fehlen scheint.

 

Kritikerspiegel The Killing Of A Sacred Deer



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
Nadann ... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Sascha Westphal
WAZ, epd film
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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