INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Pressevorführung zu `Millions` von Danny Boyle – Düsseldorf, 27.07.2005

Immer wieder etwas neues…




„Trainspotting“, „The Beach“, „28 Days later“, diese Filmographie lässt cinephile Kinoherzen höher schlagen. Doch nicht nur regelmäßige Kinogänger freuen sich auf den Kinobesuch, wenn der Name Danny Boyle fällt. Stets erwartet den Filmfreund etwas Ungewöhnliches in einem Danny Boyle-Film, etwas Noch-Nie-Dagewesenes, dieses Versprechen hat der englische Regisseur sehr oft erfüllt.

Und nicht nur aus diesem Grund durfte man auf das neue Werk des Vorzeige-Regisseurs gespannt sein. In der Geschichte, die aus der Feder des Drehbuchautoren Frank Cotrell Boyce („Hillary und Jackie“) stammt, geht es um zwei Brüder. Der 7-jährige Damian und sein zwei Jahre älterer Bruder Anthony ziehen mit ihrem alleinerziehenden Vater in eine Neubausiedlung. Was für Vater Ronnie ein vielsversprechender Anfang, ist für die Kinder zunächst ein schwieriger Prozess. Die Mutter der beiden Brüder ist erst vor wenigen Wochen gestorben. Während dem älteren, Anthony, die Eingewöhnungsphase sowohl in der neuen Siedlung als auch in der Schule leicht fällt, versucht der jüngere, Damian, seine Trauer mit einer ungewöhnlichen Neugierde und einem Wissensdurst nach Heiligengeschichten zu kompensieren. Sein Wissen über Geburts- und Sterbedaten von Heiligenfiguren ist beängstigend, nicht nur für seine Mitschüler. Sofort nach der Ankunft verkriecht sich Damian in ein Versteck, das er sich aus zahlreichen Kartons neben der naheliegenden Eisenbahnstrecke aufbaut. Als er sich eines Tages dort versteckt, fällt plötzlich eine Sporttasche vom Himmel und zerstört seine Kartonburg. In der Tasche befinden sich Banknoten im Wert von über 230.000 Pfund. Damian hält die Tasche für ein Geschenk Gottes und trägt sie nach Hause. Als er seinem älteren Bruder von seinem Fund erzählt, beschließen beide, die Tasche zu behalten und niemandem etwas von ihrem Glück zu erzählen – nicht einmal dem Vater. Doch was tun mit so viel Taschengeld?

Was für viele sicherlich ein oft gewähltes Gesprächsthema und für die meisten ein zu häufig geträumter Kindertraum, ist für Drehbuchautor Cotrell Boyce und Regisseur Boyle der Aufhänger für einen gleichsam berührenden wie belustigenden Kinderfilm, der gar kein Kinderfilm sein will. Aber genau das macht die Umsetzung der Geschichte um die beiden Brüder und ihr großes Geldgeschenk so interessant. Die gesamte Handlung erfährt der Zuschauer aus Sicht der Kinderaugen. Hier aber von einem Kinderfilm zu reden, würde dem Film nicht gerecht. Mit einer erwachsenen Behutsamkeit geht er die beiden Leitmotiv-bildenden Themen „Verlust der Mutter“ und „die Rolle des Geldes in unserer Gesellschaft“ an, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken oder kindliches Mitleid zu heischen. Stets streut Regisseur Danny Boyle eine seiner unnachahmlichen filmischen Einfälle ein, wie beispielsweise der Aufbau des neuen Heimes am Stadtrand, der im Zeitraffer abläuft, ähnlich eines hier zu Lande bekannten „Sendung mit der Maus“-TV-Beitrages. Oder ein weiterer Einfall ist die sehr amüsant dargestellte Erscheinung einer Heiligenfigur, die dem jungen Damian im Verlauf der Handlung des öfteren erscheinen. Eine Klara von Assisi (1193 bis 1253) beispielsweise, aufgrund ihrer Entrückung und Visionen 1958 von Papst Pius XII. zur Patronin des Fernsehens erklärt, darf sich im Gespräch mit Damian genüßlich einen Joint anzünden.

Nein, es ist nicht einfach, diesen Film einzuordnen. Während sich am Anfang die überzeugenden Kinderdarsteller, allen voran der bei einem Schulcasting entdeckte Alex Etel in die Herzen der Zuschauer spielen, versuchen Regisseur und Drehbuchautor dem Film im weiteren Verlauf eine gewisse Ernsthaftigkeit mit auf den Weg zu geben. Während der junge Damian beispielsweise die Rolle des helfenden Samariters übernimmt, wird der ältere Anthony von materialistischen Glüsten geleitet und sucht mithilfe von teuren Geldgeschenken um Anerkennung bei seinen neuen Schulkollegen. Ein weiterer Spannungseffekt wird mit einem fiktiven Stichtag aufgebaut, der besagt, dass englische Pfund in wenigen Tagen wertlos seien. Auch hieraus ergeben sich zahlreiche Comedy-Elemente, nicht zuletzt ein weiterer Danny-Boyle-Einfall, indem er einen weißbärtigen Weihnachtsmann samt vollbusiger Begleitung zeigt, die zum Tausch der letzten Pfund aufrufen.

„Drehe niemals mit Kindern oder Hunden“, lautet eine alte Regel im Filmgeschäft. Danny Boyle ist dieses Wagnis eingegangen und sein Mut wurde belohnt. Auch wenn viele Einfälle sehr britisch sind und der oft verpöhnte Werbeslogan „Ein Film für die ganze Familie“ treffender kaum sein könnte, ist dem englischen Regisseur mit „Millions“ erneut ein Film gelungen, der abseits von Drogenproblemen und Endzeitstimmung auf seine ganz eigene Art unterhält.

Der Film startet am 25.08.2005 in den deutschen Kinos.



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