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OSCARVERLEIHUNG 2001 – Anmerkungen zur Oscarverleihung 2001

„And the oscar goes to …“

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Das Objekt der Begierde

Sie zittern, schwitzen, kauen vielleicht sogar unauffällig Fingernägel. Das Herz schlägt ihnen bis zum Hals. Adrenalin schießt durch ihre Adern. Am 25. März werden sich die Nominierte der 23 Kategorien auf der 73. Oscar-Verleihung wieder wie vor ihren Examensprüfungen fühlen – so sie denn je eine Uni besuchten. Doch in dieser Nacht ist akademische Bildung im Shrine-Auditorium zu L.A. reine Nebensache.

Außergewöhnliche Leistungen vor und hinter der Kamera werden gewürdigt. Hollywood verneigt sich vor Ausnahmetalenten, die die Magie des Kinos am Leben erhalten. Wenn die Laudatoren auf der Bühne die versiegelten Umschläge aufbrechen, verschmitzt lächeln und die Worte „And the oscar goes to…“ sprechen, werden die Gewinner in den ewigen Film-Olymp aufsteigen. Dann weicht die innere Anspannung. Glück, Stolz und Euphorie übernehmen die Regie – oder maßlose Enttäuschung. Bei der Oscar-Verleihung liegen Freud und Leid näher beieinander als sonst jemals in Hollywood. Doch wie sich die aufgewühlten Gefühle legen, so verfliegen auch die Erinnerungen an eine Nacht Ende März – an die Nacht der Nächte. Kurzfristig bleibt wohl ein ausgewachsener Kater. Mittelfristig ergeben sich geschäftliche Erfolge, kann der Preisträger der Kategorie „Bester Film“ seine Einnahmen doch durchschnittlich verdoppeln, ebenso wie siegreiche Schauspieler ihre Gagen. Langfristig aber meisseln sich die Bilder engagierter Aktionisten ins Hirn, die die Oscar-Verleihung zur Bühne persönlicher Interessen machen. Die wahren „Magic Moments“ des Oscars sind meist so spontan wie spektakulär, und geben der durchschnittlich vierstündigen Zeremonie erst die nötige skandalöse Würze.

Einer jener denkwürdigen Momente trug sich am 2. April 1974 zu. Präsentator David Niven kommentierte ihn trocken mit: „Das musste ja mal passieren!“ Kurz zuvor war ein splitternackter „Flitzer“ über die Bühne gestürmt. Der 33-jährige Robert Opal trug das 70er-Zeitgeist-Phänomen des „Flitzens“, Ausdruck individueller Freiheit, auf die Oscar-Verleihung. Niven ließ sich nicht sonderlich beeindrucken: „Ist es nicht merkwürdig?! Der einzige Lacher, den dieser Mann in seinem Leben erntet, rührt daher, dass er sich entblößt und der Welt zeigt, wie sehr ihn die Natur benachteiligt hat.“ Opal nutzte seine Sekunden des Ruhms für eine kurze Karriere als Stand-Up-Comedian, bevor er 1979 in einem Sex-Shop in San Francisco ermordet wurde.

In den Siebzigern liessen es sich auch Schauspieler nicht nehmen die Oscar-Idylle immer wieder durch Provokationen aufzumischen – allen voran Marlon Brando. 1972 gewann der Mime für „Der Pate“. Doch anstatt brav den Goldjungen in Empfang zu nehmen, schickte Brando die Apachin Sasheen Littlefeather, Vorsitzende des „Kommitees für ein positives Image der Ureinwohner Amerikas“. Sie wies den Oscar aus den Händen Roger Moores zurück – mit der Begründung, Brando könne in einem Land, in dem Indianer in Film und Fernsehen als tölpelhafte Trunkenbolde oder gar als das personifizierte Böse dargestellt würden, nicht ruhigen Gewissens einen Filmpreis akzeptieren.

Brando setzte damit die unsägliche Tradition, den Oscar zurückzuweisen, fort, die George C. Scott im Jahr zuvor begründete. Der Vollblut-Mime wetterte nach seiner Nominierung für „Patton“ gegen Vetternwirtschaft und Selbstherrlichkeit der Filmbranche. Er kündigte an, bevor er sich auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten begäbe, sähe er sich in der Oscar-Nacht lieber ein Eishockey-Spiel im TV an. Als Goldie Hawn dann während der Verleihung den Gewinner der Kategorie „Beste männliche Hauptrolle“ ausrief, war der Skandal perfekt: „Oh, mein Gott. Ausgerechnet George C. Scott!“, japste sie. Eine bissige Dankesrede blieb Hollywood auch 1972 erspart. Man fürchtete die scharfe Zunge der für ihre politisch-radikale Einstellung bekannten Preisträgerin Jane Fonda. Doch ihr Vater Henry hatte sie bekniet, auf politische Statements zu verzichten, und so verkündete sie – ganz Daddys Girl – lediglich: „Es gäbe viel zu sagen, aber heute lasse ich es!“ Weniger Zurückhaltuung legte Dustin Hoffman an den Tag. Der 1975 Nominierte bezeichnete die Oscars in einem Interview als „abartig, pervers und nicht viel besser als ein Schönheitswettbewerb.“ Frank Sinatra, Oscar-Gastgeber jenes Jahres, ließ es sich nicht nehmen, während der Show eine Schimpftirade in Richtung Hoffman loszulassen.

1979 stand Hoffman mit dem Drama „Kramer gegen Kramer“ trotzdem erneut auf der Nominierungsliste – und gewann. Artig bedankte er sich, wies aber noch einmal auf die Berechtigung seiner damaligen Kritik hin und erinnerte an das Schicksal tausender mies entlohnter Schauspiel-Kollegen, die am Existenzminimum schrammen würden. Das Publikum schluckte, spendete dann aber Applaus. Ganz anders 1978: Als Vanessa Redgrave ihren Oscar für „Julia“ entgegennahm, stand der Saal Kopf. Redgrave zog in einer flammenden Dankesrede über Israel her und schlug sich auf die Seite Palästinas. Amerika war fassungslos über derart provokante Worte. 1979 machte dann Richard Gere gegen China und für Tibet Stimmung. Die Konsequenz folgte auf dem Fusse: Gere erhielt für die Oscar-Verleihung 1980 kurzerhand Hausverbot. Geschickter ging da schon Eddie Murphy vor: 1988 verhüllte er seine Kritik an der Behandlung farbiger Mimen in Hollywood in einem höchst amüsanten Plädoyer. So manchem Film-Urgestein mögen dabei Szenen der 1940er Zeremonie durch den Kopf gegangen sein: Hattie McDaniel erhielt für ihre Nebenrolle in „Vom Winde verweht“ als erste schwarze Aktrice den Oscar. Sie wurde genötigt, eine vom Studio vorformulierte Rede zu halten, in der sie sich „im Namen meiner Rasse“ bedankte. Anschließend brach McDaniel in einem Weinkrampf zusammen.

Weit weniger tragisch, wenn auch nicht weniger überraschend, gestaltete sich die Oscar-Prämierung 1948. Keiner zweifelte an einem Sieg der Diva Rosalind Russell für die Thater-Adaption „Morning Becomes Electra“. Sie war Liebling aller Kritiker, bereits mehrfach nominiert worden und hatte für die Rolle schon den Golden Globe eingeheimst. Teile des Publikums verliessen noch vor der Verkündigung der Siegerin in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ die Veranstaltung. Die „L.A.Times“ hatte gar ihre Ausgabe mit der Schlagzeile von Russells Triumph bereits gedruckt. Doch dann kam der Pauckenschlag: Loretta Young wurde für „Die Farmerstochter“ ausgezeichnet. Eine leichenblasse Russell bewahrte Haltung, machte später auf Oscar-Parties gute Miene zu dem für sie bösen Spiel. Sie sollte auch in den Folgejahren nie einen regulären Oscar gewinnen. Auch sehr knapp daneben, ist eben… Ähnlich überraschend wie Loretta Young traf der Sieg auch Geraldine Page. Nach acht erfolglosen Nominierungen glaubte die Schauspielerin 1986 nicht mehr daran, je eine Statue mit nach Hause nehmen zu können. Als man dann ihren Namen aus dem Umschlag zauberte, dauerte es Minuten bis sie auf der Bühne erschien. Page hatte es sich gemütlich gemacht, die Schuhe ausgezogen und konnte sie in der plötzlichen Hektik nicht wiederfinden.

Leinwand-Ikonen werden im Angesicht der Academy-Awards ganz Mensch – mit allen Konsequenzen. Sie werden überwältigt von ihren Emotionen und kein Drehbuch der Welt gibt ihnen vor, wie sie sich zu verhalten haben. Freude treibt bemerkenswerte Blüten in der Nacht der Nächte: Da legen zwei Herren ein Tänzchen aufs Parkett – so wie Regisseur Istvan Szabo und Mime Klaus Maria Brandauer 1982 nach der Ehrung von „Mephisto“. Da machen Greise Liegestütze – so wie der 73jährige Jack Palance 1992, um zu beweisen, dass er noch nicht zum alten Eisen zählt. Und da turnen quirlige Italiener über alle Sitzreihen – so wie Roberto Benigni 1992 nach dem Gewinn von drei Oscars für „Das Leben ist schön“. Verständlicherweise: Benigni ist neben Sophia Loren der einzige Akteur, der je für eine nicht-englischsprachige Rolle den Hauptdarsteller-Preis erhielt.




So lassen sich Kino-Helden in der Oscar-Nacht für Momente in die Seele blicken. Sie verstecken sich nicht länger hinter Rollen. In der Oscar-Nacht sind sie ganz sie selbst. Im Augenblick der größten Freude fällt auch die letzte Maske. Dann weint Gwyneth Paltrow ungehemmt und James Cameron ruft sich für kurze Zeit zum „König der Welt“ aus. Vielleicht rinnen dieses Jahr die Tränen von Julia Roberts, wenn sie für „Erin Brockovich“ erstmals zu Oscar-Ehren kommt. Vielleicht sprintet Tom Hanks vor Begeisterung nackt umher, wenn er mit einem dritten Hauptdarsteller-Oscar für „Cast Away – Verschollen“ zum erfolgreichsten Schauspieler in der 73jährigen Award-Geschichte wird. Vielleicht passiert Präsentator Steve Martin aber auch ein ähnliches Malheur wie seinem Kollegen Jack Lemmon 1972: Nach einem Show-Act zeigte die TV-Kamera plötzlich eine leere Bühne – bis Lemmon schnaufend ins Bild gelaufen kam und ausstieß: „Raten sie mal, wo ich war!“ Egal, was die Stars sich an Pleiten und Peinlichkeiten leisten werden, wir werden sie für ihre Menschlichkeit lieben. Ähnlicher als in der Oscar-Nacht sind sie uns nie.



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