INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

„Lieben heißt, sich nicht entschuldigen zu müssen.“ Matthias Glasner und Jürgen Vogel im Interview zu ihrem neuen Film „Gnade“.

Matthis Glasner in Münster

Matthis Glasner in Münster (Photo: Ralf Emmerich)

Es ist ihr viertes gemeinsames Projekt. Sie sind befreundet und haben eine gemeinsame Produktionsfirma. Wenn Regisseur Matthias Glasner und Schauspieler Jürgen Vogel 14 Städte in acht Tagen bereisen, stimmt die Chemie. Das merken auch die Zuschauer in den voll besetzten Kinosälen, die das Duo nach dem Abspann ihres neuen Films „Gnade“ mit frenetischem Applaus empfängt. Auch in Münster. Nach der Vorstellung, am nächsten Tag, hatten wir die Gelegenheit, den beiden ein paar Fragen zu stellen. Bei Sonnenschein, über 20 Grad im Oktober und einem leckeren Kaffee war die Stimmung locker und herzlich.

 

Mehrfilm: Herr Glasner, „Gnade“ ist im Gegensatz zu ihren vorherigen Filmtiteln wie „Sexy Sadie“ oder „Der freie Wille“ ein sehr schwerer Titel. Das erinnert an Filme von Imgmar Bergman oder Tarkowskiy. War das Absicht oder was steckt hinter dieser Wahl?

Matthias Glasner: Zunächst einmal, ich mag die Filme von Bergman und Tarkowskiy. Und Filmtitel sind Wegzeichen. Vielleicht Versprechen. „Gnade“ ist sicherlich ein mutiger Filmtitel. Ich weiß es nicht. Aber er drückt auch in einem Wort aus, um was es geht. Ich hoffe nicht, dass er für viele Zuschauer eine Provokation darstellt. Ich kann es mir aber durchaus vorstellen, dass das passiert. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass der Titel provoziert.

Mehrfilm: Was bedeutet für Sie Gnade? Persönlich.

Matthias Glasner: Da ich in meinem Leben schon so viel Scheiße gebaut habe, bin ich froh, dass mir Gnade schon oft widerfahren ist (lacht). Nein, Scherz beiseite. Es gibt sicherlich auch das Unverzeihliche. Aber gnädig sein, verzeihen können, das ist wichtig im Leben. Das gehört zum Leben dazu.

Jürgen Vogel: Es gibt sicherlich keinen Menschen, der sich nicht täglich damit auseinandersetzt. Verzeihen heißt gnädig sein. Das müssen wir bei schlechter Presse, Sie bei schlechter Kunst. Wir alle müssen irgendwann einmal gnädig sein. Verzeihen können.

Matthias Glasner: Gnädig sein heißt ja nicht, sich andauernd entschuldigen zu müssen. Lieben heißt, sich nicht entschuldigen zu müssen. Für Maria in unserem Film ist es ein Zeichen der Liebe, dass sie ihrem Mann verzeiht. Es ist wichtig, dass man sich immer verzeihen kann.

Mehrfilm: In so vielen Filmen von ihnen beiden geht es um Einsamkeit. Egal ob Serienkiller Edgar in „Sexy Sadie“, Vergewaltiger Theo Stoer in „Der freie Wille“ oder jetzt Familienvater Niels in „Gnade“. Warum geht es bei Ihnen so oft um einsame Menschen?

Matthias Glasner (schmunzelt): Ich erzähle gerne Geschichten, die auch etwas mit mir zu tun haben. Vielleicht bin ich ja auch ein einsamer Mensch? Nein, meine Filme sind nicht für die Masse. Ich ziehe keine Register und befehle: Bitte jetzt mal alle lachen oder bitte jetzt weinen oder wütend sein! Solche Filme mag ich nicht und mache ich auch nicht. Meine Filme sind für den Einzelnen. Ich stelle mir den leeren Saal vor und denke, den oder die musst Du jetzt erreichen. Das geht natürlich mit Figuren, die auch etwas von mir haben sehr viel leichter. Zudem brauche ich bei einsamen Personen nicht so viel Dialog (schmunzelt).

Mehrfilm: Das Zwischenmenschliche vermittelt sich in „Gnade“ nicht in erster Linie über den Dialog, sondern über die wenigen, sparsamen aber sehr intensiven Gesten und Mimiken. Wie eng arbeiten sie mit ihren Schauspielern zusammen? Wie viel Freiraum haben ihre Darsteller am Set?

Matthias Glasner: Schauspieler müssen gegenseitig offen sein. Ich bin ein Situationsmensch. Ich bespreche mit den Darstellern die Szene, mache eine Leseprobe und hoffe, dass die Atmosphäre stimmt, die Situation. Alles andere müssen die Schauspieler einbringen. Ich bin da ganz offen. Zum Glück habe ich bisher immer ganz hervorragende Darsteller gewinnen können, die das auch umsetzen. Vor allem Jürgen ist so ein Glücksfall. Wir liegen mit der Interpretation einer Szene meistens auf einer Welle. Wenn man sich versteht, dann musst Du als Regisseur nicht mehr viel tun. Ich sage dann nur noch, ob ich das stimmig fand.

Mehrfilm: Herr Vogel, bei dieser stimmigen Chemie mit einem guten Regisseur, wie wichtig sind dann gute Kolleginnen oder Kollegen? Baut man sich gegenseitig auf am Set?

Juergen Vogel

Jürgen Vogel in Münster (Photo: Ralf Emmerich)

Jürgen Vogel: In Norwegen waren es teilweise bis zu 40 Grad Minus. Wir waren mehrere Wochen da. Da ist schon wichtig, dass man sich versteht. Mit Birgit war das natürlich sehr einfach. Sie ist eine so unglaublich tolle und vor allem authentische Schauspielerin. Aber auch bei meinen anderen Filmen hatte ich sehr viel Glück, mit Sabine (Timoteo, „Der freie Wille“) oder nicht zu vergessen mit Richy Müller hier zuletzt in Münster in „Das große Ding“ (lacht). Nein, mit tollen und guten Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten ist toll. Das erleichtert einem vieles. Denn Schauspielerei hat auch etwas mit „Geben“ zu tun.

Mehrfilm: Sie sagten es gerade, mehrere Wochen in der Kälte und Dunkelheit, es geht um Einsamkeit… Dann kommt man nach Haus und dort erwartet einen das andere, das pralle Leben. Sie haben Familie und viele Kinder, wie ist das für Sie, wenn sie nach Hause kommen?

Jürgen Vogel: Einsamkeit? Kälte? Das ist der Preis, den ich gerne zahle (lacht). Nein, wir Schauspieler führen ein privilegiertes Leben. Wir kommen von der Arbeit und haben dann wieder einige Wochen Pause. Das ist nicht so wie einem Gastwirt oder Gastronomen. Natürlich freue ich mich auf Zuhause aber ich bin ja auch am Set immer mit Leuten zusammen. Ich kann damit gut leben (lacht).

Mehrfilm: Viele Zuschauer werden sich sicherlich fragen, warum wird das Paar für die Taten nicht bestraft? Haben Sie etwas gegen die Justiz, Herr Glasner?

Glasner: Nein, warum? Ich behaupte nicht, dass wir keine Justiz brauchen. Wir haben sie im Film nur weggelassen, weil die Frage nach der Schuld und nach der Vergebung zuerst unter Niels und Maria geklärt werden muss. Und sie tun für mich am Ende genau das Richtige.

Mehrfilm: Nach drei Filmen zu den Themen „Schuld, Sühne und Vergebung“, was kommt als nächstes? Eine Komödie vielleicht?

Jürgen Vogel stellt sich den Fragen

Jürgen Vogel (Photo: C.Gertz)

Jürgen Vogel: Ich würde gerne mal eine Komödie mit Matthias machen. Und ich versuche immer, ihn zu überreden. Erst letztens auf der Autofahrt hier hin. Vielleicht habe ich ihn bald soweit (lacht)

Matthias Glasner: Ja, nach so viel Schuld und Vergebung, vielleicht wird es mal Zeit für eine Komödie. Ich mag Komödien. Ich sehe gerne Komödien. Aber das Genre ist schwierig. Vielleicht wenn die Geschichte dazu passt. Ich glaube aber, dass ich mir das nicht zutraue. Mal schauen.

Mehrfilm: Jürgen, noch etwas ganz anderes: Ich habe gelesen, Du hast die Rolle des Kommissars für den neuen Hamburg-Tatort abgelehnt. Warum?

Jürgen Vogel: Ich habe die Rolle nicht abgelehnt. Man war mit meinem Konzept nicht einverstanden. Das war der Punkt. Mehr möchte ich auch dazu gar nicht sagen.

Mehrfilm: Was ist dein nächstes Projekt? Wann bist Du wieder auf der Leinwand zu sehen?

Jürgen Vogel: Ich bin im neuen Film von Oskar Roehler dabei. Der heißt „Die Quellen des Lebens“. Ein tolles Projekt. Darauf könnt ihr euch freuen!

Mehrfilm: Herr Glasner, Herr Vogel, vielen Dank für das Interview!

Unsere Kritik zum Film „Gnade“ findest Du hier…

 





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