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Klassisches Kinokonzert: Nosferatu

Plakat zum Kinokonzert NosferatuEin klassisches Genre feiert ein Comeback: Der Stummfilm ist zurück. „The Artist“ heißt der Film der Stunde. Der französische Regisseur Michel Hazanavicius wagte gegen alle Trends und Normen einen Film im Stil der zwanziger Jahre, eine Liebeserklärung an den Hollywood-Stummfilm. Bei fast allen großen Filmpreisverleihungen des Jahres hagelte es Auszeichnungen. Zuletzt zeichnete ihn die Academy of Motion Arts and Science in Los Angeles mit fünf Oscars in den wichtigsten Kategorien aus. Ein Film, der Lust macht auf mehr. Bitte schön! Weitere Stummfilm-Projekte werden folgen. Das französische Synthi-Pop-Duo „Air“ hat zu Beginn des Jahres die Filmmusik für den restaurierten, 109 Jahre alten Stummfilm „Die Reise zum Mond“ fertig gestellt. Der Film galt lange als verschollen, 2011 wurde er restauriert. In Münster wurde an das klassische Genre mit der dritten Aufführung eines Stummfilms mit Orchesterbegleitung erinnert, in diesem Fall von F.W. Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens„.

Eine gute Wahl, denn die Wurzeln des Stummfilms liegen nicht in Hollywood, wie man vielleicht mit einem Blick auf „The Artist“ annehmen könnte, sie liegen in Frankreich und in Deutschland.

Szene aus dem Film The Artist

Szene aus The Artist (c) Delphi Film

Die erste öffentliche Filmvorführung gegen Geld wird den Berliner Brüdern Skladanowsky zugeschrieben. 1895 präsentierten sie eine 15minütige Aufführung von kurzen Filmen im Rahmen eines Unterhaltungsprogramms in einem Berliner Variété. Zur selben Zeit bauten die französischen Brüder Lumière ihren Cinématographen – ein Aufnahme-, Kopier- und Abspielgerät in einem. Und spätestens seit Martin Scorseses hervorragender Ode an das Kino, „Hugo Cabret“ wissen wir, dass der französische Illusionist und Theaterbesitzer Georges Méliès der erste war, der das erzählerische Potenzial des jungen Mediums erkannte und ausschließlich inszenierte Filme drehte.

In den 1910er und 1920er Jahren stammten allein 50 Prozent aller in Deutschland gezeigten Filme aus Deutschland. Der deutsche und österreichische Film dieser Zeit entwickelte eine besondere Ästhetik, die sich an der expressionistischen Malerei orientierte. Als erster expressionistischer Film gilt Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) von Robert Wiene, weitere Vertreter dieser Stilrichtung sind der Gruselfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau oder Das Wachsfigurenkabinett (1924) von Paul Leni.

Murnaus´ Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens gilt zudem bis heute als einer der bedeutendsten Filme der deutschen Filmgeschichte (siehe Video O-Ton Werner Herzog). Im Anlehnung an Bram Strokers´ Gruselgeschichte „Dracula“ erzählte Murnau 1922 mit beeindruckender Gestaltungskraft vom blutsaugenden Grafen, der auf seiner Reise von Transsylvanien nach Wisborg (angelehnt an Weimar) eine blutsaugende Spur der Verwüstung hinterlässt.

Vor der Vorführung des Filmes im Cineplex in Münster gab es eine kleine Werkeinführung mit einigen sehr interessanten Fakten zur Entstehung des weltweit ersten aller Vampirfilme. Ein Vertreter von Münsters Sinfonieorchester bedankte sich beim zahlreich erschienenen Publikum (Kartenpreis 24,- Euro) und bei den Münsterschen Filmtheaterbetrieben, die bereits zum dritten Mal (nach Eisenteins „Panzerkreuzer Potemkin“ sowie Chaplins „Lichter der Großstadt) das Sinfonieorchester in das Cineplex einluden, um einen Stummfilm zu begleiten.

Trotz der gravierenden akkustischen Nachteile, ein Orchester im schallgedämmten Kinosaal auftreten zu lassen, sorgte das (personell stark reduzierte) Sinfonieorcherster ein ums andere Mal für Gänsehaut-Momente. Gedämpfte Posaunen intonierten beispielsweise gekonnt den Hauptdarsteller – Vampir Graf Orlock – mit dunklen „Nos – fe – ra – tu“ Klängen. Die beeindruckende schauspielerische Leistung von Max Schreck erledigte den Rest. Ein gruseliges, packendes Zusammenspiel. Wie gut, dass sich Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenberg für die Filmmusik von James Bernard entschieden hatte, in dessen (an den russischen Komponisten Sergej Prokofjew erinnernde) Orchestrierung immer wieder die finsteren Momente von heiteren, durch eine Flöte intonierten Klänge abgelöst werden.

Auch wenn das Geschehen auf der Leinwand nicht immer mit der musikalischen Untermalung synchron lief, auch wenn die schallschluckenden Materialien eines High-Tech-Kinosaals viel von der Wucht einer Live-Interpretation inhalieren und man sich zudem immer wieder mit Popcornbecher- und Gesprächs-Getuschel im Kinosaal anfreunden muss, bleibt die Vorführung eines wichtigen Kulturgutes, zusammen mit dem einführenden Worten eines Kenners, begleitet von einem Sinfonieorchester, ein einmaliges Live-Ereig- sowie Erlebnis, auf das man auch in der Studentenstadt Münster nur ungern verzichten möchte. Also, hoffentlich bis zum nächsten Jahr! Hier ein kurzer Ausschnitt aus der Vorführung: 



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