INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Interview mit Xiaolu Guo zum Film `She, A Chinese` – Xiaolu Guo

mit ihrem Drama `She, A Chinese` zu Gast in Münster

Xiaolu Guo

Xiaolu Guo (Foto: Ralf Emmerich)

Nach zahlreichen Büchern und Dokumentarfilmen lautet der Titel ihres ersten fiktionalen Spielfilms „She, A Chinese“. Geboren 1974 in einem kleinen Dorf auf dem Land in China ist die Geschichte einer Identitätssuche auch ihre Geschichte, die Geschichte der Chinesin Xiaolu Guo. Verständlich, dass ihr dieser Film ganz besonders am Herzen liegt. 6 Städte hat sie sich für ihre Vorstellungstour vorgenommen – in fünf Tagen.

Am Abend des 5. Februar, einem Freitagabend, hat die Schriftstellerin und Filmemacherin auch einen kurzen Zwischenstopp in Münster eingelegt, um ihren Film den zahlreichen Filmfreunden im Cinema vorstellen zu können. Bestens gelaunt und sehr eloquent fand sie auf Englisch ein paar einführende Worte, bis es nur wenige Minuten später weiter ging in die nächste Stadt.

Vor der Vorführung sprach Mehrfilm.de mit der mehrfach ausgezeichneten Filmemacherin über Pressetouren, Preise und ihren neuen Film „She, A Chinese“. Auf Deutsch übersetzt wurde das Interview anschließend vom Interviewer Christian Gertz.

Mehrfilm.de: Frau Guo, wie kann ich Sie anreden? In verschiedenen Interviews gibt es verschiedene Schreibweisen ihres Namens.
Xiaolu Guo: Ja, das habe ich auch schon gelesen. Hi, mein Name ist Xiaolu Guo.

Mehrfilm.de: Aus welcher Stadt kommen Sie gerade?
Xiaolu Guo: Moment, das weiß ich gerade gar nicht. Doch, es ist Hamburg. Dort haben wir (Anm. des Interviewers: Stets an ihrer Seite: Kamran Sardar Khan vom Camino Filmverleih) den Film zusammen mit Andrew Bird vorgestellt, der den Schnitt für den Film gemacht hat. Heute Abend geht es noch weiter nach Düsseldorf.

Mehrfilm.de: Das ist ein volles Programm. Viele Filmemacher hassen „diese Ochsentour“, mögen Sie diese PR-Termine?
Xiaolu Guo: Ja, eigentlich schon. Es ist wichtig, dass viele Leute diesen Film sehen. Schließlich kann man nur so Geld verdienen. Oft gibt es ein falsches Bild bei den Leuten, weil sie denken, dass sich Filmemacher keine Sorgen um ihre Einkünfte machen müssen. Doch das ist falsch. Natürlich liegt mir sehr viel daran, dass möglichst viele Leute sich den Film ansehen. Nur so kann ich auch meine nächsten Projekte realisieren.

Mehrfilm.de: Ich habe gelesen, dass es viele Parallelen im Film „She, A Chinese“ zu ihrer Lebensgeschichte gibt. Wie autobiograpisch ist der Film? Wie viel steckt von Ihnen in der Person Mei Li, der Hauptperson ihres Films?
Guo: Auch ich bin eine Wanderin. Eine neugierige Entdeckerin, die jeden Tag neue Erfahrungen macht und neue Menschen kennenlernt. Dabei habe ich natürlich auch Schmerzhaftes erlebt. Mei Li in meinem Film wird ständig mit Problemen konfrontiert, jeder Schritt wird zu einem Problem. Diese Art von Geschichte resultiert auch aus den politischen Umständen. In China erfolgt derzeit eine verrückte Entwicklung, denn dort entsteht eine Mischung aus Kapitalismus, Sozialismus und Nationalismus. Ähnlich der Veränderungen in Deutschland nach den Kriegen oder auch in den frühen 70ern. Ich muss in China nicht nach Geschichten suchen, sondern stoße ganz automatisch darauf und brauche sie nur zu dokumentieren. China erfährt aktuell auch eine vergleichbare Entwicklung wie beispielsweise Amerika in den 60er Jahren, wo sich damals viel Kunst entwickelt hat. Es ist immer die beste Zeit für die Kunst, wenn eine Gesellschaft voller Konflikte steckt. Wer ein Gespür dafür besitzt, bekommt dort Stoff für viele Geschichten. Genau wie Mei Li sind alle Figuren in meinen Filmen Überlebenskünstler. Das bin ich auch. Natürlich ist es auch ein sehr persönlicher Film, denn ich habe 30 Jahre lang in China gelebt und bin vor fünf Jahren in den Westen gekommen.

Mehrfilm.de: Mei Li ist eine sehr traurige Figur. Sie zeigt nur wenig Regung in ihren Gesichtsausdrücken und lässt sich mehr oder weniger treiben. Vielleicht vergleichbar mit einem Boot, dass noch orientierungslos zwischen großen Inseln manövriert.
Guo: Das ist eine schöne Metapher. Ja, das haben sie richtig erkannt. Mei Li ist eine nackte Figur, ein Charakter in einer „post industrial society“. Hier geht es auch darum, wie Chinesen den Westen wahrnehmen, mit welchen politischen und kulturellen Problemen sie sich auseinandersetzen müssen. Mei Li ist eine Suchende, sie muss sich als Individuum in die westliche Gesellschaft integrieren. Außerdem ist sie auf der Suche nach Liebe. Aber sie ist nicht naiv.

Mehrfilm.de: Zur Zeit gibt es in China einen Zweikampf zweier großer Filme. Zum einen ist es „Avatar“ von James Cameron und „Konfuzius“ von einer weiblichen Regisseurin namens Hu Mei. „Konfuzius“ wird von der Regierung massiv unterstützt. Allerdings ohne Erfolg. Wie ist das mit ihren Filmen? Bekommen Sie eine Unterstützung für ihre Filme?
Guo: Nein, ich hasse diese narrativen Geschichten, die sehr oft manipulativ sind. Aber es stimmt, derzeit erlebt das Kino in China einen regelrechten Boom. Es werden sehr viele Propaganda-Filme produziert. Daneben existiert aber eine unabhängige Filmszene, die jedes Jahr viele Undergroundfilme hervorbringt. Wenn ich keinen offiziellen chinesischen Film drehe, mit einer narrativen, fiktiven Geschichte, bekomme ich ihn nicht durch die Zensur. Wenn ich meine Filme drehen möchte, die eher „abstract cinema“ sind, bekomme ich natürlich auch keine Unterstützung. Auch im Ausland gibt es leider keinen richtigen Markt dafür. In Deutschland, Frankreich oder der Schweiz wird höchstens ein chinesischer Film pro Jahr ins Kino gebracht. Es ist immer noch der Kommerz, der den Markt bestimmt. Hollywood-Kino. Das ist natürlich nicht schön und darum bin ich hier und erzähle meine Geschichte.

Mehrfilm.de: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Andrew Bird (Cutter der Filme von Fatih Akin), der den Schnitt für „She, A Chinese“ gemacht hat?
Guo: Als ich mit einem Film in Sundance war, habe ich „Gegen die Wand“ gesehen und war sehr begeistert. Ich war vom Rhythmus des Films so begeistert, dass ich Andrew Bird bat, meinen Film zu schneiden. So bin ich 2008 für mehrere Monate nach Hamburg gekommen und habe ihn über Klaus Maeck kennen gelernt, der mit Corazón International meinen nächsten Spielfilm „Ufo In Her Eyes“ (Ein Ufos, dachte sie) produzieren will. Wir werden diesen Film im nächsten Jahr drehen.

Mehrfilm.de: Ich durfte auch schon ihren Dokumentarfilm „Once upon a time a proletarian sehen“, ein sehr ergreifender Film über die sehr arme, hart arbeitende Unterschicht in China. Was wollen sie mit ihrer Kamera und mit ihren Filmen erreichen?
Guo: „Once upon a time Proletarian“ dokumentiert den schleichenden Kapitalismus und die Post-Marxismus-Ära in China. Zu diesem Zweck habe ich mit meiner Kamera Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten in China interviewt wie einen Arbeiter, einen Bauern, einen Imbissverkäufer und noch einige andere. In dieser Analyse zeige ich den sozialen Zustand des Landes auf. Da ich dabei selbst die Kamera geführt habe, sind die Gespräche sehr persönlich geworden. Die Menschen haben Vertrauen zu mir entwickelt. Das ist das Schöne bei einem Dokumentarfilm. Aber es hat auch ein wenig gedauert. Weil die meisten am Anfang abstoßend reagiert haben.

Mehrfilm.de: Frau Guo, ich glaube, Sie müssen jetzt ins Kino. Vielen Dank für das Interview und viel Glück mit ihren weiteren Projekten.
Guo: Danke, vielen Dank auch ihnen.




Der Film „She, A Chinese“ läuft zur Zeit im Cinema in Münster.



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