INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Interview mit Pia Marais – `Die Unerzogene` Pia Marais

Zu Gast in Münster

Samstagabend kurz vor dem Jahreswechsel. Die zur Zeit in Berlin lebende Regisseurin Pia Marais ist nach Münster gereist, um ihren Debütfilm „Die Unerzogenen“ vorzustellen. Sie kam in ein schönes Café und freute sich über ein ausverkauftes Kino.

Vor den zahlreichen Fragen der begeisterten Kinobesucher in der ausverkauften Vorstellung haben wir uns mit der 36-jährigen Berlinerin unterhalten.

Pia Marais

Pia Marais

Mehrfilm.de: Frau Marais, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu dem sehr gelungenen Film.

Pia Marais: Oh, vielen Dank!

Mehrfilm.de: War das ihr Abschlussfilm?

Pia Marais: Ja, bedingt eigentlich. Ich habe in Berlin studiert, habe aber den Film mit der Filmstiftung NRW gemacht und man kann eigentlich keine Co-Produktion machen mit der Hochschule und einer Filmstiftung zusammen. Der Film wird zwar als Abschlussfilm anerkannt, aber er ist komplett unabhängig von der Filmhochschule entstanden.

Mehrfilm.de: Der Film spielt in Nordrhein-Westfalen. Hätte die Geschichte überall in Deutschland stattfinden können?

Pia Marais: Ja, eigentlich schon, jedoch nicht im Osten. Es ist schon ein typisches „West-Thema“, wenn man das sagen kann.

Mehrfilm.de: Mit der Geschichte der jungen Stevie werden auch ganz eindeutig die Ideale der 68er Bewegung, wie „individuelle Freiheit und antiautoritäre Erziehung“ dekonstruiert. Man spricht auch von 68er-Bashing. Stört Sie diese Bezeichnung?

Pia Marais: Mein Film hat nichts mit einer Abrechnung zu tun. Und er soll auch gar nicht eine Geschichte erzählen, in der es um eine gescheiterte Erziehung geht. Das war gar nicht meine Absicht, viel eher ist es eine Zustandsbeschreibung, bei der ein Kind einen Vorteil und einen Nachteil davon hat, wie das Leben so abläuft.

Mehrfilm.de: Sie sind in Südafrika, Spanien und Schweden aufgewachsen. Als Tochter von Hippies. Der Vater Schauspieler. Wie viel Autobiographisches steckt in dem Film „Die Unerzogenen“?

Pia Marais: Ich habe in Südafrika und in Schweden gelebt. Die Grund-Idee war eine Zustandsbeschreibung aus meinem früheren Leben. Ein Tag aus meiner Kindheit. Es hätte auch eine Komödie werden können, doch ich wollte auch eine Ernsthaftigkeit mit meinen Bildern zum Ausdruck bringen. Aber ja, ein wenig autobiographisch ist mein Film schon.

Mehrfilm.de: Wo haben sie die sehr überzeugende Hauptdarstellerin Céci-Schmitz Chuh gefunden?

Pia Marais: Ja, Céci ist ein Glücksfall. Wir haben hunderte junger Mädchen gecastet, auch mit mehreren Anläufen. Ceci haben wir in Berlin gefunden beim „Berliner Fenster“, beim U-Bahn-Fernsehen. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war sie erst 11 Jahre alt, trug eine Zahnspange und war sehr schüchtern, gleichzeitig aber auch neugierig und tough. Ein wenig habe ich mich auch selbst in ihr wieder entdeckt. Die Dreharbeiten mit ihr haben sehr viel Spaß gemacht, weil sie beim Dreh immer neue Aspekte eingebracht und die übrigen Schauspieler neu gefordert hat.

Mehrfilm.de: Wie kam Fatih Akin-Star Birol Ünel („Gegen die Wand“) zu dem Projekt?

Pia Marais: Birol ist glücklicherweise auf uns zugekommen. Ich kenne ihn schon etwas länger, und Birol hat bei dem fast zwei Jahre andauernden Casting immer den Vater gespielt. So war ich ganz froh, dass er dann später auch Zeit hatte, als die Dreharbeiten begannen.

Mehrfilm.de: Viele Filmkritiker versuchen als erstes, den Film einzuordnen. Ich würde sagen, es ist eine typische Coming-of-Age Geschichte, was würden Sie sagen?

Pia Marais: Wir dachten von Anfang an, dass es ein kleiner Film wird. Die erste Drehbuch-Fassung – das Drehbuch habe ich zusammen mit Horst Markgraf geschrieben – sah eigentlich ein sechszehnjähriges Mädchen für die Hauptrolle vor. Und der Film sollte noch etwas heftiger werden. So haben wir es etwas abgemildert, weil wir unbedingt mit Ceci zusammenarbeiten wollten. Deswegen mussten wir sie auch von der Schule beurlauben, weil die Ferien in NRW anders lagen als in Berlin.

Mehrfilm.de: Sind sie mit dem Startzeitpunkt ihres Films zufrieden, zwischen den Feiertagen am Ende des Jahres?

Pia Marais: Es laufen jede Woche so viele Filme in Deutschland an. Ich wollte so wenig Konkurrenz wie möglich. Aber auch an diesem Starttag ist die Konkurrenz sehr groß.

Mehrfilm.de: Der Film hat bereits mehrere Filmfestivals gewonnen, u.a. Rotterdam, Linz. Genießt man jetzt den Erfolg und lehnt sich zurück oder arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt?

Pia Marais: Nein, zurücklehnen? Das kann ich mir gar nicht leisten. Wir arbeiten schon wieder an etwas Neuem. In meinem neuen Projekt geht es um eine Flugbegleiterin, die im Leben entgleitet oder ausrutscht, auf der Suche nach Familienersatz. Der Arbeitstitel lautet „Im Alter von Ellen“ und es könnte die Fortsetzung von „Die Unerzogenen“ sein, Stevie 30 Jahre später.

Mehrfilm.de: Frau Marais, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen viel Erfolg auch mit dem neuen Projekt und wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in Münster.




Pia Marais: Vielen Dank, ich habe schon so viele Städte gesehen und bin immer noch neugierig. Und ich bin schon sehr gespannt auf Münster.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Interviews und Hintergründe, Specials veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.