INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Interview mit Navid Akhavan und Ali Samadi Ahadi zum Film `Salami Aleikum` – Navid Akhavan und Ali Samadi Ahadi

mit ihrer Komödie `Salami Aleikum` zu Gast in Münster

Interview Navid Ali

Navid Akhavan u. Ali Samadi Ahadi

Gleich vier Filme zeigt das Cinema in Münster im August mit dem Schauspieler und Musiker Navid Akhavan. Wie wichtig ihm seine erste Komödie „Salami Aleikum“ ist, das hat er zur Premiere des Films, mit Regisseur Ali Samadi Ahadi, der zusammen mit ihm nach Münster gekommen war, im Interview während der Premierenvorstellung erklärt.

Während der ausverkauften Vorstellung präsentierte sich das Team in bester Laune. Schließlich hatte jedes Publikum, das die hervorragende Komödie bisher gesehen hat, die beiden im Anschluss mit tosendem Applaus gefeiert. Und auch in Münster war das nicht anders.




Mehrfilm.de: Herr Ahadi, ihre Komödie ist anders. „Salami Aleikum“ ist ihr Debüt als Spielfilmregisseur. Neben vielen anderen Aspekten haben mich vor allem die Animationssequenzen, die Trickfilme im Film überrascht. Wie kam es dazu. Haben Sie da spezielle Filme vor Augen gehabt?
Ali Samadi Ahadi: Ja, natürlich. Vorweg muss ich sagen, dass ich in Kassel, wo ich studiert habe, zuerst Animation studiert habe. Da habe ich natürlich auch einige kleine Filme gemacht und somit bereits einige Erfahrung sozusagen in meinem Rucksack gehabt. Dann habe ich auch im Filmstudium viel mit Postproduktion und Compositing zu tun gehabt, vor allem was Animation im Computerbereich betrifft. Aber natürlich habe ich für diesen Film auch einige „Paten“ gehabt.

Mehrfilm.de: Welche Paten waren das ganz konkret?
Ali Samadi Ahahdi: Sicherlich vor allem Charlie Chaplin mit „Modern Times“. Aber ich bin auch ein großer Fan von Woody Allen und Michel Gondry. Neben den vielen schönen Trickfilmen wie „Der kleine Mock“ oder „Das Sandmännchen“ spielten auch die Bollywood-Filme und auch iranische Filme aus den 60ern und 70ern eine große Rolle, als ich die Idee zum Film immer weiter entwickelt habe. Es ist ein Sammelsurium. Wir haben in viele Kisten gegriffen, als wir versucht haben, eine einheitliche Filmsprache zu finden, um sie dann in die moderne Filmsprache einzubauen.

Mehrfilm.de: Mussten sie sich bei dieser Vielzahl von Ideen im Schnitt von einigen Ideen trennen oder sogar viele Szenen heraus schneiden?
Ali Samadi Ahadi: Nein, das mussten wir nicht. Im Schnitt habe ich nachher nur zwei Szenen entfernen müssen, was erstaunlich wenig ist. Viel schwieriger gestalteten sich im Schnitt die Übergänge. Ein entscheidender Faktor war für mich, dass die Übergänge sehr glatt sein mussten. Der Zuschauer sollte aus den dramaturgischen Kurven nicht rausfliegen. Er sollte auch bei den Trickfilm-Einschüben immer mitgenommen werden in den weiteren Verlauf der Geschichte. Das ist für mich die große Herausforderung gewesen. Alles sollte sich der Dramaturgie und der Emotionalität unterordnen. Inklusive der technischen Spielereien. Ich habe mich immer gefragt: Dient es dem Film, dient es der Emotionalität? Wenn die Ideen nicht der Emotionalität dienten, mussten wir eine andere Sprache finden.

Mehrfilm.de: Herr Akhaven, als Sie das Drehbuch bekommen haben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen? Wie haben Sie auf diese Geschichte reagiert?
Navid Akhavan: (schmunzelt – s. Foto rechts) Ehrlich gesagt, habe ich zunächst das Drehbuch abgelehnt, als ich es bekommen habe. Zu der Zeit war ich in der Türkei und drehte das Drama „Ein Augenblick Freiheit“ (Start in Münster: 13.08.2009, Anm. des Interviewers). Das ist ein Flüchtlingsdrama, sehr ernst und das absolute Gegenprogramm zu „Salami Aleikum“. Ich habe den Witz der Geschichte von „Salami..“ erst nicht verstanden und das Potential der Geschichte übersehen. Ich hielt die Geschichte für eine Aneinanderreihung von Klischees und hatte große Angst, dass auch der Film in diese Richtung geht. Zudem kommt noch, dass ich bisher keine deutsche Komödie gesehen habe, die mich wirklich überzeugt hat, die ich toll fand. Aus diesen Gründen habe ich zunächst die Rolle abgelehnt. Aber Ali Ahadi hat nicht locker gelassen. Wir haben uns getroffen und als ich ihm gesagt habe, was meine Gründe für die Ablehnung sind, fand er das sehr gut und hat mir gesagt, dass es genau in diese Richtung nicht gehen soll. Wir haben Probeaufnahmen gemacht und bereits mit der ersten Szene, die wir zusammen gedreht haben, hatte ich mich in die Figur Mohsen und dann auch in die Geschichte verliebt. Jetzt bin ich sehr froh, dass Ali Ahadi nicht locker gelassen hat.

Mehrfilm.de: Sie kommen beide aus ganz anderen Richtungen, der eine vom ernsten Stoff, vom Drama, der andere vom Dokumentarfilm. Wie groß ist da die Ehrfurcht vor einer Komödie?
Ali Samadi Ahadi: Von mir kann ich sagen, dass ich bis unter die Zähne bewaffnet in die Situation rein gegangen bin. Ich war so gut vorbereitet wie bei keinem anderen Dreh. Ich hatte jede Szene im Kopf, ich wusste jede Einstellung, mein Regiebuch war 600 Seiten dick. An diesem Film habe ich dreieinhalb Jahre gearbeitet. Das heißt, die Szenen hatte ich im Blut. Bevor überhaupt die erste Klappe fiel, hatten Anna (Anm. d. Interviewers: Anna Böger, die große Liebe von Navid im Film), Navid und ich bereits vier Tage geprobt, um die Chemie zu testen und uns anzuschauen, wie wir die Figuren anlegen können. Das war vier Wochen vor Drehbeginn. In dieser Zeit ist jeder für sich mit seiner Figur noch einmal Schwanger gegangen, auch um die Frage zu beantworten, was bewegt mich eigentlich?

Mehrfilm.de: Die Animationssequenzen wurden sicherlich im Anschluss an die Dreharbeiten eingefügt. Dabei wird in diesen Szenen oftmals die Geschichte weitererzählt. Wussten Anna und Navid, was in den Szenen genau passiert?
Ali Samadi Ahadi: Ja, was in der Geschichte passiert, wussten sie schon, nur wie wir das genau umsetzen, das war zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. Nicht einhundertprozentig klar. Viele der Tricksequenzen haben wir vor einer Blubox oder vor Greenscreen gedreht, das heißt, Anna und Navid wussten fast sehr genau, was passiert.

Navid Akhavan: Dazu muss ich noch ergänzen, dass ich immer sehr genau im Bilde war über die Geschichte. Ich habe bisher noch keinen Regisseur erlebt, der das Buch so genau im Kopf hatte und der mich so exakt geführt hat. Der Regisseur wusste sehr sehr genau, was passiert und was gemacht werden muss.

Ali Samadi Ahadi: Ich geh gleich in den Saal und dann erzählst Du die wahre Geschichte (beide lachen).

Navid Akhavan: Von mir aus kann ich sagen, dass ich anschließend sehr glücklich über den Genre-Wechsel gewesen bin. Ich fand es sehr schön, dass ich mich jetzt auch in einer Komödie beweisen und mich auch hier entfalten konnte. Ich bin ein großer Fan von Komödien. Leider habe ich bisher wohl zu wenig gute Komödien gesehen, deshalb bin ich sehr froh, dass ich in dieser tollen deutschen Komödie mitspielen durfte.

Mehrfilm.de: Bei einer Komödie kommt es für den Darsteller vor allem auf das Timing an. Und vielleicht scheitern so viele deutsche Komödien daran, dass bei vielen Beteiligten das Timing fehlt. Wie sind Sie an dieses „Problem“ herangetreten. Haben Sie sich und ihre Wirkung während der Dreharbeiten im Kameramonitor betrachten können?
Navid Akhavan: Ja, darüber bin ich sehr froh, dass wir das durften. Viele Regisseure haben Angst davor, dass die Darsteller unbedingt in den Monitor schauen wollen, hier war es aber nicht so. Mir hat das auch geholfen. Wir hatten dadurch viele Erfolgserlebnisse, wenn nachher eine Szene gepasst hat.

Mehrfilm.de: Sie kommen aus dem Iran, dies ist eine deutsche Komödie, ist Humor für sie international?
Ali Samadi Ahadi: Ja, das würde ich absolut unterschreiben. Vielleicht funktioniert Humor in den einzelnen Ländern in Nuancen unterschiedlich gerade in Punkto Dialektik. Aber nehmen Sie die Filme von Woody Allen. Der Humor funktioniert weltweit, egal in welchem Land. Oder Charlie Chaplin, die Filme können Sie in jedem Land der Welt sehen und sie funktionieren überall. Die großen Komödien zeichnen aus, dass man nicht nur über sie lachen konnte, sondern sie müssen auch Tiefgang mitbringen. An vielen so genannten Blockbustern stört mich, dass der Tiefgang fehlt. Viele Komödien sind heute nur noch Lachmaschinen, die einen Gag nach dem andern zeigen. Große Komödien wie „Das Leben ist schön“ bringen immer reichlich Tiefgang.

Mehrfilm.de: Haben Sie sich bei dieser Geschichte irgendwann einmal gefragt: Bin ich eigentlich politisch korrekt und darf ich das überhaupt?
Ali Samadi Ahadi: Nein, ich habe mich nie gefragt, ob ich politisch korrekt bin. Ich denke in anderen Kategorien: Ich habe mich nur gefragt: Ist das, was ich mache, der Menschheit dienlich oder ist es nicht dienlich? Wissen Sie bei diesem Film geht es um Verlust. Nach dem Fall der Mauer hatten viele Ostdeutsche damit zu kämpfen, dass sie ihre Heimat verloren glaubten. Die Suche nach der Heimat ist ein schweres Schicksal. Auf meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass viele Menschen sich nicht mehr zuhause fühlten in ihrem Land. Das ist bei den Iranern ganz ähnlich. Viele Iraner sitzen hier seit 30 Jahren auf gepackten Koffern und glauben, dass bald ein Regierungswechsel kommt, und sie dann nach Hause fahren können. Aber hier bin ich in Warteposition. Darum geht es auch im Film: Die Suche nach Heimat. Was bedeutet das eigentlich? Wann bin ich zuhause angekommen? Wann bin ich von der Gesellschaft akzeptiert und wann akzeptiere ich die Gesellschaft? Der Film soll mit einer Leichtigkeit auf diese Suche gehen.

Mehrfilm.de: Herr Akhavan, Sie sind mit einer Leichtigkeit und mit Stricknadeln auf die Suche gegangen. Im Film sind Sie der schmächtige, strickende Jüngling, der sich in eine ostdeutsche Kugelstoßerin verliebt. Hat Sie das nicht in ihrem Ehrgefühl verletzt?
Navid Akhavan: Also erst einmal, das Stricken habe ich gehasst. Ich hatte kein Strickdouble und musste das selbst machen. Ansonsten fand ich die Figur des Mohsen super. Eine große Herausforderung. Mir musste die Gratwanderung gelingen, zum einen nicht dumm zu wirken und zum anderen doch etwas anders zu sein. Das bietet für einen Schauspieler reichlich Futter, um sich beweisen zu können. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich diese Rolle spielen durfte.

Mehrfilm.de: Herr Ahadi, die Darsteller sind alle hervorragend besetzt. Hatten Sie Schwierigkeiten, ihre Wunschdarsteller zu finden?
Ali Samadi Ahadi: Nein, zum Glück nicht. Zwar empfehlen Verleiher, Produzenten und auch die Sender meistens die bekannten Gesichter. Und es gibt viele tolle Schauspieler in Deutschland. Doch ich hatte zum Glück die Möglichkeit, die Rollen so zu füllen, wie ich mir das bereits bei den Vorbereitungen vorgestellt habe. Ich wollte für den Vater von Navid unbedingt den hervorragenden Schauspieler und Kabarettisten Niavarani, der ein großer Star in Österreich ist, haben und er hat zum Glück auch zugesagt. Etwas anders war das bei der Suche für die Rolle der Anna. Hier habe ich ein Jahr lang nach einer großen deutschen Schauspielerin gesucht und viele viele große deutsche Schauspielerinnen gecastet…

Navid Akhavan: … und ich durfte viele große deutsche Schauspielerinnen küssen…. (lacht)

Ali Samadi Ahadi: .. und zum Glück haben wir dann Anna Böger gefunden, die wirklich ganz hervorragend ist in der Rolle der Ana. Sehr glücklich war ich auch, dass ich Wolfgang Stumph für die Rolle des Brautvaters überreden konnte. Ein hervorragender Schauspieler und großer Komödiant.

Mehrfilm.de: Sie sind mit dieser Komödie schon in vielen Städten gewesen und haben mit hunderten Leuten diskutiert. Ist die Reaktion auf den Film im Osten eine andere als im Westen?
Ali Samadi Ahadi: Ja, das muss man schon sagen. Die Diskussionen waren intensiver in den neuen Bundesländern. Vielleicht liegt das an den Parallelen, die es zwischen Ostdeutschen und Iranern gibt? Für mich kann ich nur sagen, dass ich auch zu mir und zu meiner Geschichte Abstand finden musste. Erst jetzt, auch mit meiner zehnjährigen Erfahrung als Dokumentarfilmer, konnte ich diesen Film machen. Der Film hat mir geholfen, hier anzukommen. Erst jetzt, nach diesem Film, bin ich richtig in diesem Land angekommen.

Mehrfilm.de: Herr Ahadi, Herr Akhavan, vielen Dank für das Gespräch.



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