INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Interview mit dem Theater-, Opern- und Filmregisseur Werner Schroeter – Werner Schroeter

mit seiner Romanverfilmung `Diese Nacht` zu Gast in Münster

Mehrfilm Schroeter Muenster

Werner Schroeter (Foto: Ralf Emmerling, Münster)

Auf dem Filmfestival in Venedig 2008 bekam Regisseur Werner Schroeter einen Spezial-Löwen für sein Gesamtwerk aus den Händen seines Freundes Wim Wenders überreicht. Am 7. April wird der gebürtige Thüringer, einer der letzten großen Melodramatiker des europäischen Kinos, 64 Jahre alt. Für seine Romanverfilmung „Diese Nacht“, dem ersten Film seit 2002, machte der Kulturwanderer auch Station in Münster, um ihn dem hiesigen Publikum vorzustellen. Wir haben uns mit Kosmopolit Werner Schroeter unterhalten.

Mehrfilm.de: Sie haben den Film in acht Wochen nachts in Porto gedreht. Wie muss man sich die Arbeit mit Ihnen am Set vorstellen? Ist bei Ihnen alles immer harmonisch am Drehort?
Werner Schroeter: Mit mir ist es immer leicht zu arbeiten.

Mehrfilm.de: Ihr aktueller Film „Diese Nacht“ ist eine Romanverfilmung. Wie nah sind Sie am Buch geblieben?
Werner Schroeter: Wie meinen Sie das?

Mehrfilm.de: Gab es äußere Einflüsse, neue Ideen oder Vorkommnisse, die eine Änderung des Drehbuchs, das von Ihnen und Gilles Taurand stammt, erforderten?
Werner Schroeter: Aber nein, ich bitte Sie! Der Vorgang läuft so: Man liest das Buch, dann sucht man sich einen Co-Autoren, dem hilft man ein bisschen und dann fängt man an zu drehen. Das sind drei autonome Prozesse. Ich improvisiere zwar auch, aber ich lasse mich nicht durch äußere Bedingungen beeinflussen.

Mehrfilm.de: Würden Sie sich als Schauspiel-Regisseur bezeichnen? Lassen Sie ihren Darstellern Raum während des Drehs?
Werner Schroeter: Das müssen Sie die Schauspieler fragen. Ich bin bestimmt von allen Schauspielern, die ich kenne der beliebteste Regisseur, weil ich Schauspieler gut führen kann und sie sehr ernst nehme. Am Ende habe ich immer das letzte Wort zu sagen, Film ist nicht demokratisch, Filmkunst ist diktatorisch. Aber in diesem diktatorischen Rahmen ist immer auch eine große Freiheit möglich, das ist der Punkt. Zwischen Regisseur und den Darstellern findet ein Energieaustausch statt. Als meine Darsteller den Film in Venedig gesehen haben (die Premiere fand in Venedig statt, Anm. d. Interviewers), waren sie alle selig. Sie fanden sich selber auch sehr gut.

Mehrfilm.de: Ihr Film weist viele Merkmale auf, die typisch sind für eine Opern-Inszenierung, wie das starre Korsett, die tragische, klassisch orchestrale Musik und der Pathos. Ein Filmregisseur hat darüber hinaus in der Bildgestaltung viel mehr Möglichkeiten. Konnten Sie hier aus dem Vollen schöpfen?
Werner Schroeter: Nein, Oper und Theater liebe ich sehr, weil es sehr viel mehr ist, es ist uneitel. Wenn das Stück zu Ende ist, gibt es noch einen Lufthauch und dann ist es vorbei. Das ist wie das menschliche Leben, Anfang und Ende und dazwischen die Bewegung. Ideologisch liebe ich das sehr am Theater, das ist das Wesentliche. Es gibt aber auch so viele Theaterstücke und Opern, die damit man sie rettet, völlig neu sehen muss. Sonst sind sie langweilig. In diesem Fall, also beim Film war das ähnlich. Mindestens 35 Prozent von dieser Umsetzung kommen von mir. Onetti (der Autor der Buchvorlage, Anm. d. Interviewers) wäre froh, wenn er das Ergebnis gesehen hätte. Er wäre viel froher, weil ich seinen Roman nicht vom Blatt nachbuchstabiert habe wie beispielsweise „Die Buddenbrooks“ oder „Effie Briest“ oder diese seltsamen Geschichten. Das Ergebnis dieser Arbeiten hätte Herrn Mann oder Herrn Fontane sicherlich nicht gefallen.

Mehrfilm.de: Die Musik für den Film haben Sie nach Abschluss der Dreharbeiten ausgesucht. Wie haben sie diese ausgesucht? Wie überrascht oder gerührt waren Sie, als sie das Ergebnis auf der Leinwand gesehen haben?
Werner Schroeter: Ich benutze die Musik am Set für die Spannung und für die Entspannung. Das ist aber nicht die Musik für den Film. Das ist die Musik, die ich für richtig halte, wenn ich drehe. Das wechselt auch täglich. Während der Montage, also während des Schnitts wähle ich dann die Musik für den Film aus. Dieser Film war ein großes Geschenk für mich, denn ich war zuvor sehr krank. Ich hatte aber bei diesem Film von Anfang an ein gutes Gefühl. Das habe ich auch dem Produzenten Branco zu verdanken, der mir dieses Projekt anvertraut hat. Ich bin richtig glücklich mit diesem Film, und ich muss gestehen, das bin ich nicht bei all meinen Projekten.

Mehrfilm.de: Viele ihrer Einstellungen in „Diese Nacht“ sind Bildkompositionen. Beispielsweise eine der Anfangsszenen, wenn der Hauptdarsteller im Taxi seinen Hut aus dem Fenster wirft und dieser auf dem Kopfsteinpflaster liegen bleibt….
Werner Schroeter: … alle meine Einstellungen sind Bildkompositionen…

Mehrfilm.de: Das ist heutzutage leider keine typische Herangehensweise (mehr)..
Werner Schroeter: Nein, sehen Sie, es ist ja so. Das habe ich auch meiner Kamerafrau Effie Miekesch zu verdanken. Ich habe zahlreiche Filme mit ihr gemacht. Dieser Film fing mit einem portugiesischen Kameramann an, mit dem es leider gar nicht ging. Er konnte meine Ideen nicht umsetzen. Von ihm mussten wir uns nach einer Woche trennen. Dann war ich auf der Suche nach einem Kameramann. Mir fiel aus einer älteren Zusammenarbeit Thomas Plenert ein, der sich wunderbar in den Film hereingefunden hat.

Mehrfilm.de: Sie stellen mit ihrem Film an den Zuschauer sehr hohe Anforderungen, was seine kulturelle Bildung, sein kulturelles Wissen betrifft. Ich denke an die erste Szene, wenn die Kamera das Bild von Titian abtastet. Auch im Film selbst gibt es eine ganze Menge Hinweise, die man ohne ein kulturelles Wissen nicht versteht.
Werner Schroeter: Ich finde, es ist nicht unbedingt notwendig, dass man dieses Wissen mitbringt. Es ist schöner, und natürlich auch prickelnder, wenn man den Rahmen versteht. In Frankreich beispielsweise wissen die wenigsten, dass das Prelude von Franz Liszt von der Wehrmacht missbraucht wurde und es funktioniert trotzdem blendend. Dafür habe ich extra eine Originalaufnahme genommen.

Mehrfilm.de: Der Film ist sehr dunkel, es geht um den Tod, sie haben ausschließlich nachts gedreht…
Werner Schroeter: Es geht nicht um den Tod…

Mehrfilm.de: Worum geht es für Sie?
Werner Schroeter: Es geht um die Liebe, um die Sehnsucht.

Mehrfilm.de: Die Liebe ist für mich nicht dunkel, nicht düster…
Werner Schroeter: Ich bitte Sie, es gibt so viele helle Momente in dem Film. Wenn die Hauptfigur Ossario seine alte Jugendfreundin in der Badewanne f…. oder auf die Tochter seines Freundes trifft, die sich, ohne ihn zu kennen, nachts neben ihn legt. Oder die beiden Kinder in der Dusche.. Wie viele heitere Momente wollen sie noch..? Nein, hier geht keine Düsterheit aus, hier geht vielleicht eine melancholische Schwere von dem Stoff aus. Eine Komödie kam mir da aber nicht in den Sinn…

Mehrfilm.de: Komödien sind sehr erfolgreich im Kino. Sind Sie zufrieden mit dem deutschen Film, wie er sich zur Zeit präsentiert?
Werner Schroeter: Weiß ich nicht, ich sehe nicht viel aber was ich sehe, das gefällt mir meistens nicht. Das ist meine Antwort.

Mehrfilm.de: Gab es eine Art „Weckruf“ für die Kunst in ihrer Karriere?
Werner Schroeter: Die Liebe zur Kunst kam mit einer Arie von Maria Callas, die ich im Alter von 15 Jahren gehört habe. Maria Callas ist für mich eine Botin, ich habe sie immer verglichen mit einer Génié. Die Genien sind die Mittler zwischen Göttern und den Menschen, daher der Begriff Genie. Und Maria Callas war das für mich. Und ist es immer noch. Diese Liebe zu dieser Darstellungsform kam sehr früh.

Mehrfilm.de: Warum fehlt heutigen Regisseuren, sei es im Theater, in der Oper oder im Film so oft der Mut? Können Sie vielleicht jungen Regisseuren etwas mit auf den Weg geben?
Werner Schroeter: Nein, das kann ich nicht. Mut und Liebe und Leidenschaft sind das Wichtigste, das Wesentliche im Leben. Auch wenn ich schon Seminare in Filmhochschulen gegeben habe, konnte ich nie sagen, wie ich etwas gemacht habe. Gerade in der Kunst muss man die Notwendigkeit spüren. Leider gibt es so viele Filmhochschulen, an die die Krankenschwestern mit ihrem Ersparten kommen und dann schamlos ausgenutzt werden. Die verzweifelten Dozenten erkennen das, machen aber trotzdem mit dem nicht vorhandenen Talent weiter. Ich habe nie jemanden ausgenutzt.

Mehrfilm.de: Gibt es einen Film, der für Sie persönlich sehr wichtig war in ihrem Leben?
Werner Schroeter: Nur einer: „La Passion de Jeanne d´ Arc“ von Carl Dreyer, den habe ich 1966 im deutschen Fernsehen gesehen, ohne Ton und in Schwarz-Weiß. Viele Fernsehzuschauer dachten damals, ihr Fernseher sei kaputt, weil der Film ein Stummfilm ist. Leider sieht man heute so etwas nicht mehr.

Mehrfilm.de: In einer französischen Zeitung wurden Sie „der Cocteau unserer Zeit“ genannt…
Werner Schroeter: Das ist doch schön. Die Franzosen vergleichen sonst nicht… Hier suchten sie wohl einen Vergleich. Mir hat er gefallen.

Mehrfilm.de: Warum haben sie sich für den Drehort Porto entschieden?
Werner Schroeter: Weil es die magischste Stadt für mich ist. Der Film zeigt Ihnen doch, warum die Stadt so magisch, so ideal ist. Nur der Hafen im Film ist nicht Porto, das ist Lissabon. Fünf Drehtage hatten wir in Lissabon.

Mehrfilm.de: Wie wichtig ist ihnen die Reaktion des Publikums, wie wichtig ist Ihnen Beifall?
Werner Schroeter: Man freut sich riesig über einen Beifallsturm, keine Frage. Aber genauso freut man sich auch über einen Buh-Sturm. Dann weiß der Regisseur, die Provokation ist angekommen. So ging es mir beispielsweise mit meiner Aufführung von „König Liar“ im Schauspielhaus Düsseldorf. Das ging mit einem solchen Skandal einher. 20 Minuten haben die Leute mich ausgebuht. Aber nein, jeder Mensch ist eitel. Natürlich freut man sich über positiven Reaktionen.

Mehrfilm.de: Sie sind ein Wanderer innerhalb der Kulturlandschaft und auch als Kosmopolit auf der Welt. Gibt es einen Ort, den Sie als Heimat betrachten würden?
Werner Schroeter: Die Heimat ist das eigene Herz und ein anderer Mensch. Ich fühle mich da wohl, wo sich mein Herz wohl fühlt. Zur Zeit fühle ich mich sehr wohl in Portugal. Ich liebe dieses Piratenvolk. Die letzte Eroberung sozusagen. Italien habe ich geliebt, Südostasien, Frankreich…. In Italien kann man aber zur Zeit nicht leben…Man merkt die Resignation in Italien. Schade, was da zur Zeit passiert. Trotz allem würde ich lieber in Neapel sterben als in Oldenburg.

Mehrfilm.de: Viele gute Filmregisseur, Kubrick, Welles, brauchen viele Takes für eine gelungene Szene. Benötigen Sie viele Wiederholungen für eine Szene / für einen Take?
Werner Schroeter: Ich halte es da wie mein Freund Werner Fassbinder, der maximal zwei, drei Einstellungen benötigte. Dann war die Szene im Kasten. Ich brauche etwa zwei bis vier Takes, das war´s. Ich brauche keine fünfzehn Wiederholungen, bis die Darsteller leer sind wie eine Klorolle.

Mehrfilm.de: Herr Schroeter, vielen Dank für dieses Gespräch.
Werner Schroeter: Sehr gerne.




Der sehenswerte Film „Diese Nacht“ läuft zur Zeit im Kino.



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