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InterFilm-Festival Berlin 2009 – Bericht vom internationalen Kurzfilmfestival

von Gian-Philip Andreas

Ach ja, Kurzfilme. Gibt`s ja auch. Gelegentlich sind sie immer noch (oder inzwischen wieder) einem Hauptfilm im Kino vorgeschaltet, ansonsten erwischt man sie höchstens, wenn man nachts schlaflos durch Arte zappt. Sie haben es naturgemäß schwer beim Publikum, weil für sie allein nur ungern Eintritt gezahlt wird, und vielleicht auch, weil die meisten sie als bloßes Etappenziel von kommenden Regisseuren „richtiger“, also: langer Filme ansehen. Was natürlich Quatsch ist, denn gerade die Distanz zur spielfilmlangen Form eröffnet ja Horizonte und Experimentierfelder, sowohl in narrativer als auch formaler Hinsicht. So innovativ wie die meisten Kurzfilme sind die Langfilme, die im Kino landen, nämlich nicht oft. Nur kriegt man das nicht mit.

Es sei denn man besucht Festivals, auf denen mehrere Kurzfilme zu abendfüllenden Programmen gebündelt sind. Das ist eine zwiespältige Sache, liegt die Bündelung doch stets in den Händen von Kuratoren und von deren Sorgfalt ist der gelungene Abend abhängig: Manch Kurzfilmprogramm wirkt deshalb auch wild zusammengeschustert, für zwei Meisterwerke muss man fünf Täler des Schwachsinns durchtraben.

Zum Glück sind die Kuratoren des „Interfilm“-Festivals in Berlin in diesen Dingen weniger fehlbar. Vom 4. bis zum 9. November 2008 findet dieses offiziell „Internationale Kurzfilmfestival“ bereits zum 24. mal statt; längst zählt es zu den bedeutenden Kurzfilmtagen in Europa (Hier die Homepage mit Programm…) (Hier der Festival-Trailer bei YouTube…).

Festival Trailer

Und deshalb haben die Macher auch auf eine andere Tatsache reagiert, die man in Sachen Kurzfilm heute nicht übersehen kann: „Kurze Filme“ als solche haben jenseits des Kinos nämlich sehr wohl allergrößte Konjunktur. Und zwar im Internet. Videoclips, animierte Filmchen, selbstgedrehter Trash – all das findet sich auf den üblichen YouTube- und Clipfish-Kanälen und in aller Herren und Damen Blogs zuhauf, und zwar in einer solchen Überfülle, dass eventuelle Botschaften darin entweder sang- und klanglos untergehen, oder aber sich exponentiell über die Festplatten der Welt verbreiten.

„Virales Marketing“ hat sich dieser Strategie längst angenommen, aber auch Charity-Institutionen und andere Leute mit einer Message. Das „Interfilm“-Festival trägt diesem Umstand durch die Einrichtung eines neuen Wettbewerbs Rechnung: „forward – international viral video award“ heißt er, und eine Fachjury wird am Ende die besten darin gelaufenen viralen Internet-Videos küren. Vielleicht gewinnt ja diese wunderbare, einminütige Konzertwerbung:

Ein Festivalfavorit

Und noch eine Neuheit gibt es. Sie heißt KUKI, meint „Kinder- und Jugendkurzfilmfestival“ und läuft schon seit vergangenem Sonntag. Erstmals richtet sich damit eine ziemlich umfangreiche Programmreihe explizit an den Zuschauernachwuchs, sowohl mit Spiel-, Animations- als auch mit Dokumentarfilmen. Es gibt Wettbewerbsblocks, die sich zum Englisch- oder Spanischlernen eignen (sollen) und einen Block namens „Made by Kids“, der Filme von Kindern ab 8 Jahren präsentiert. Jüngere Regisseure gibt`s wohl nur, wenn Neugeborene versehentlich die Digicam der Eltern einschalten.

Hauptsächlich aber birst das 24. Interfilm-Festival wieder vor Wettbewerben: Es gibt neben dem Kinderfilmwettbewerb und dem „forward“-Wettbewerb für virale Filme noch den zentralen Internationalen Wettbewerb, den Deutschen Wettbewerb, den Dokumentarfilm-Wettbewerb, die Sektion „Konfrontationen“ für Filme gegen Gewalt und Intoleranz und schließlich die bereits elfte der beliebten „Eject“-Veranstaltungen in der Volksbühne: „Die lange Nacht des abwegigen Films“ versteht sich als reiner Zuschauerwettbewerb und bietet etwa mit „Teeth“ (Hier das Video) von Ruari O`Brien eine drollige Angler-Farce, in der sich zwei betagte Iren im Boot gegenseitig das Gebiss entreißen, um es im See zu versenken…

Ein absolutes Highlight im „Deutschen Wettbewerb“ ist „Die Klärung eines Sachverhalts“ von Sören Hüper und Christian Prettin. Darin versucht ein Stasi-Offizier (hinreißend ölig gespielt von Horst-Günther Marx, der in der DDR selbst von der Stasi drangsaliert wurde) einen Ingenieur mit fiesen Mitteln dazu zu bewegen, seinen Ausreiseantrag zu widerrufen. Ein kleiner, feiner Nachtrag zum „Leben der Anderen“ (Hier der Trailer). Im Internationalen Wettbewerb ist dagegen „Muto“ zu bewundern, den viele schon aus dem Internet kennen dürften – auch diese argentinisch-italienische Hauswandbemalungs-Animation des Graffiti-Künstlers „Blu“ hat sich längst viral verbreitet.

Sowohl im Internationalen Wettbewerb als auch im KUKI-Programm für 14-Jährige läuft der hoch amüsante (und furchtbar tragisch endende) kleine Animationsfilm „Hot Dog“ von Bill Plympton über einen Hund, der unbedingt Feuerwehrmann sein möchte wie sein Herrchen, kurzzeitig zum Helden wird und dann durch seine ungewöhnliche Löschtechnik doch alles nur verschlimmbessert. Fies, irre witzig und nur fünf Minuten lang (Hier der Tailer bei YouTube)

Hot Dog

Noch kürzer und noch besser ist aber „John and Karen“ von Matthew Walker, die dreiminütige Szene einer Beziehung: Ein Mann besucht eine beleidigte Dame in ihrem Vorstadthaus, man isst Kekse, trinkt Kaffee, linkisch entschuldigt sich der Mann für eine am Vortag gemachte Bemerkung, man versöhnt sich, verabredet sich. Klingt normal, kennt man. Aber: Der Mann ist ein riesiger Eisbär, die Dame ein winziger Pinguin. Die Komik bezieht diese Versuchsanordnung natürlich aus der interessanten Frage nach den körperlichen Aspekten der Beziehung dieser beiden Liebhaber… (Läuft auch in der „Eject“-Nacht).

Das sind nur ein paar Beispiele aus einer großen Flut: Über 500 Kurzfilme sind an den fünf Festivaltagen (plus KUKI) insgesamt zu erleben. Da muss man sich sein eigenes Programm natürlich nach Neigung klug zusammensuchen, je nachdem, ob man sich eher für eine russische Jugend in den 80ern („Pal / Secam“), ungarische Gewaltprävention („Tell Your Children“), kauzige britische Masturbantendramen („Love Does Grown On Trees“), schnell gedrehte Home Videos („Der Hammerjongleur“) oder tanzende Bagger („Modern Daydreams“) interessiert – letztere sind übrigens Bestandteil einer weiteren Sonderreihe, „Capture Motion!“ mit Kurzfilmen über Performance, Tanz und Choreographie.

Vielleicht möchte man aber auch mehr über Mexiko oder das Baskenland erfahren: Diese beiden Länder beziehungsweise Regionen sind die Länderschwerpunkte des Festivals und werden ebenfalls in eigenen Programmen gewürdigt. Und die „Interfilm Academy“ bietet – wie der „Talent Campus“ der Berlinale – filmproduzierenden Menschen die Möglichkeit, Vorträgen zu lauschen, Panels zuzusehen oder an Workshops teilzunehmen. Drum herum, keine Frage, Partys, Lounges, pipapo. Und wer seinen eigenen Kurzfilm unbedingt noch „screenen“ will, kann’s mal beim Filmcafé im Prenzlauer Berg versuchen: Die zeigen während des Festivals auch unangemeldete Filmkunst. Sofern sie kurz ist.

Am besten also einfach mal hingehen in eines der teilnehmenden Kinos (Hauptquartier ist das Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz, aber auch die Hackeschen Höfe, die Neue Kant Kinos und die Volksbühne zählen zu den Veranstaltungsorten). Denn das Gute am Kurzfilm ist ja, dass er, selbst wenn er schlecht ist, ein verlässlich schnelles Ende findet.




Nachtrag 10. November 2008:

Und hier die Gewinner des Festivals:

Berlin-Brandenburg Kurzfilmpreis

Bester Kurzfilm
Bratrabylta; Regie: Grímur Hákonarson; Island, 2007; Länge : 20´00 min

Bester Spielfilm
Dennis; Regie: Mads Matthiesen; Dänemark, 2008; Länge : 18´00 min

Beste Animation
Hot Dog; Regie: Bill Plympton; USA, 2008; Länge : 05´50 min

1. Lobende Erwähnung
Careful With that Axe; Regie: Jason Stutter; Neuseeland, 2008; Länge : 02´00 min

2. Lobende Erwähnung
Le Secret de Salomon; Regie: David Charon; Frankreich, 2007; Länge : 19´00 min

Bester Deutscher Film
Auf der Strecke; Regie: Reto Caffi; Deutschland / Schweiz, 2007; Länge : 30´00 min

SAE Institute Kurzfilmpreis
California Dreams; Regie: David Wnedt; Deutschland, 2007; Länge : 19´00 min

Bester Dokumentarfilm – ZDFdokukanal Preis
La Clase; Regie: Beatriz Martinez Sanchis; Spanien, 2007; Länge : 23´00 min

Bester Kinderkurzfilm
Strafstoss; Regie: Till Endemann; Deutschland, 2008; Länge : 14´58 min

PUBLIKUMSPREIS – Publikums-Wettbewerb Eject XI
KJFG No.5; Regie: Alexei Alexeev; Ungarn, 2007; Länge : 02´00 min

FORWARD – INTERNATIONAL VIRAL VIDEO AWARD – Jury Preis
Projekt 1450 – Die Mantaverschwörung; Regie: Johannes Kümmel; Deutschland, 2008; Länge : 05´00 min



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