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Festival-Filme Filmfest Oldenburg 2011 Teil 2

Weiter im Text über das Festival in Oldenburg, das im Oktober stattfand. Fünf Filme hatte ich an meinem zweiten Festivaltag in meiner „Timetable“. Ein „normales Programm“ für einen Festivaltag, wie mir meine Kollegen versicherten. Unter anderen durfte ich mich auf den Festivalliebling „For Lovers Only“ von Michael Polish und auf das australische Drama „Lou“ von Belinda Chayko freuen, die im Vorfeld in der Berichterstattung über das Internationale Filmfest immer wieder aufgetaucht waren. Dank der vorzüglichen Arbeit der Pressestelle starteten die akkreditierten Journalisten wie schon am Vortag mit einer Pressevorführung. Zu allen Filmen gibt es an dieser Stelle einen kurzen Überblick.

Mein Festivaltag startete um 13 Uhr mit einer Pressevorführung von „Dr. Ketel„, einem deutschen Schwarz-Weiß-Drama von Linus de Paoli. Der Film lief in Oldenburg in der „Independent Reihe“ und war erst kurz vor dem Festival fertiggestellt worden. Eine Weltpremiere also! So verwunderte es nicht, dass der Regisseur Linus de Paoli, zusammen mit seiner Schwester Anna (Produzentin des Films) bereits nach der Pressevorführung auf die Journalisten warteten, um erste Fragen zu beantworten und erste Reaktionen einfangen zu können. Klasse! Auch das ist Oldenburg.

Szene aus dem Film Dr. Ketel

Szene aus "Dr. Ketel". (c) Filmfest Oldenburg

Das deutsche Drama entwirft eine Dystopie in sehr naher Zukunft. Das öffentliche Gesundheitssystem in Berlin ist zusammengebrochen. Ein florierender Medikamenten-Schwarzmarkt ist die Folge. Dr. Ketel (Ketel Weber) arbeitet als Arzt ohne Approbation auf den Straßen und Hinterhöfen der Stadt. Eine ausreichende medizinische Untersuchung ist für viele Bewohner nicht mehr finanzierbar. Die Apotheken und Krankenhäuser gleichen Festungen. Dennoch schafft es Ketel ein ums andere Mal in ein Krankenhaus oder in eine Apotheke einzudringen, um Medikamente für Bedürftige zu stehlen. Als ihm die amerikanische Sicherheitsmitarbeiterin Louise (Amanda Plummer, „Pulp Fiction“. „The Fischer King“) auf den Fersen ist, muss er sich entscheiden: Philantrop oder Widerständler.

Gewinnerteam Dr. Ketel Filmfest Oldenburg 2011

Linus dePaoli (2. v. l.), Franziska Rummel, Anna dePaoli und Ketel Weber. (c) Filmfest Oldenburg

Ein mutiger Coup war es, diese Dystopie streng in Schwarz/Weiß zu halten. Damit vermittelt Regisseur Linus de Paoli nicht nur glaubhaft das Gefühl des Verlorenseins der Hauptfigur, sondern entzieht dem Film jeglichen Versuchen, das Zukunftsszenario zeitlich einordnen zu können. Der Stadtteil Neukölln in Berlin wirkt ohne viel Dekor wie ein heruntergekommener, sozialer Brennpunkt, der meist nachts die düstersten Figuren zum Vorschein bringt. In dieser stimmigen Atmosphäre hätte das Geschwisterpaar durchaus auf das ein oder andere Detail verzichten können, ja vielleicht müssen. Warum ausgerechnet ein schwarzer Klumpen, den die Hauptfigur erbricht, immer wieder symbolisch ins Bild gerückt wird oder warum es ausgerechnet eines zweiten und dritten Handlungsstranges bedurfte, das hätte ich die Filmemacher nach dem Film am liebsten fragen wollen. Dem Film fehlte der Schwerpunkt. Die Jury sah das am Ende wohl nicht so und zeichnete „Dr. Ketel“ als besten deutschen Film des Festivals 2011 aus.

Noch im Cinemaxx ging es gleich weiter mit einem weiteren interessanten Film. Mit seinem skurrilen und bildgewaltigen „Finisterrae“ war der Spanier Sergio Caballero auch in Oldenburg zu Gast. Er hatte überraschend den Preis für den besten Film beim 2011er Filmfestival in Rotterdam gewonnen. Warum überraschend? Die experimentelle Komödie kommt mit so wenig Dialog aus, dass sich viele Zuschauer in einem falschen Film oder gar in einem überlangen Vorfilm wähnen könnten, wenn sie denn bis zum Abspann sitzen bleiben. Im gut besetzten Kinosaal in Oldenburg wollten sich zahlreiche Zuschauer dieses filmische „Experiment“ nicht bis zum Ende antun.

Der Regisseur stellt beispielsweise gleich zu Beginn zwei Schauspieler (Pau Nubiola und Santí Serra), bedeckt mit einem reinen, weißen Bettlaken, in die karge Lagerhalle eines städtischen Industriegebiets und lässt sie zu sakraler Musik von einem weißen Schimmel umkreisen.

Szene aus dem Film Finisterrae

Finisterrae. (c) Filmfest Oldenurg

Der Schimmel, der erst durch zahlreiche Feuerringe und nach gefühlt 15 Minuten mit den Darstellern aus der Lagerhalle schreiten darf, verliert später an Symbolik und dient den zwei „Geistern“ im weiteren Verlauf als Transportmittel für den Jakobsweg über Santiago de Compostela bis hin zur Finis terrae, also zum Ende der Welt. Die wenigen Worte bzw. Dialoge, die in diesen sehr langen 80 Minuten gesprochen werden, wurden nachträglich von zwei Russen (Stimmen: Pavel Lukiyanov und Yuri Mykhailichenko) mit gebrochenenem Englisch eingesprochen und vermitteln in der märchenhaften Atmosphäre eher den Charme eines Monty Python-Films denn eines ernst zu nehmenden Experimentalfilms. Ohne die Bilder des spanischen Kameramanns Eduard Grau („Buried – Lebendig begraben“, 2010) hätte ich wohl auch das Kino nach wenigen Minuten verlassen. Denn ich wurde partout das Gefühl nicht los, dass nach der Vorstellung der Comedian Hape Kerkeling als Geist vor die Leinwand tritt und laut „HURZ“ schreit.

Ob der Golden Globe Gewinner und zweifach oscarnominierte John Hurt („V wie Vendetta“, 2006; „Harry Potter und der Stein der Weisen“, 2001) auch in diesem spanischen Experimentalfilm als Geist mitgespielt hätte? Das will ich doch stark bezweifeln. So konnte ich mich wenigstens noch mehr auf den nächsten Film freuen. In dem Kinderfilm „Lou“ der Australierin Belinda Chayko spielt der englische Charakterdarsteller die starke Nebenrolle eines Großvaters, der an Altzheimer erkrankt und nicht ganz freiwillig in den chaotischen Haushalt seiner alleinerziehenden Tochter und deren zwei jungen Kinder Leanne (Charlie-Rose MacLennan) und Lou (Lily Bell-Tindley) einbricht. Das Hauptaugenmerk legt Regisseurin Chayko jedoch nicht auf den wortkargen Großvater, sondern sie erzählt die Geschichte der elfjährigen Lou (großartige Neuentdeckung: Lily Bell-Tindley).

Szene aus dem Film Lou

Lily Bell-Tindley und John Hurt in "Lou". (c) Filmfest Oldenburg

Die rebellische Tochter gibt ihrer Mutter die Schuld am Verschwinden des Vaters. So versucht sie nun, durch die Zuneigung ihres Großvaters, die ohnehin fragilen Strukturen der Familie noch weiter aufzubrechen. Als der Großvater jedoch immer mehr die Übersicht verliert und zudem die junge Lou mit seiner Ex-Frau verwechselt, ist es an Lou, dass die Familie nicht komplett in ihre Einzelteile zerfällt. Das Dreamteam Bell-Tindley und Hurt glänzt über allem in diesem atmosphärisch dichten, melancholischen Drama über den Zauber der Familie und des Erwachsenwerdens, für das Kameramann Hugh Miller berauschende Bilder liefert.

Konnte es noch besser kommen? Das hatte ich gehofft und alles auf den 20 Uhr-Film „For Lovers Only“ gesetzt. Am Samstagabend. Allein die Vorberichte und der sehenswerte Trailer versprachen nicht weniger als eine meisterliche Hommage an das Kino der französischen Nouvelle Vague. Inklusive schöner, charismatischer Darsteller, bezaubernder Bilder und stimmiger Musik. Die beiden visionären Filmkomponisten Mark und Michael Polish („Astronaut Farmer“, 2006) erzählen vom Aufeinandertreffen des Fotografen Yves (Mark Polish) mit seiner Ex-Freundin Sophia (Stana Katic) in Paris. Die Journalistin Sophia muss feststellen, dass die Gefühle für den Ex-Freund immer noch frisch sind. Sie nimmt, nach einem gemeinsamen Essen, eine Einladung zu einer Reise nach Nizza an und schnell wird aus dem „sich verlieben“ ein „sich lieben“. Die schönen Bilder von Michael Polish erinnern eher an eine aufwändig produzierte Parfum-Werbung. Davon, von der wunderschönen Stana Katic, der stimmigen Chemie zwischen den Darstellern und der perfekt arrangierten Musik habe ich mich verführen lassen. Ich war verzückt, ja benebelt, wie berauscht.Doch nur zwei Tage später, bei so viel Schönheit und Süßes meldete sich meist schnell der Magen. Rückblickend wirkten die Dialoge wie nichtssagende Liebeserklärungen, eine nachvollziehbare Charakterzeichnung oder gar -entwicklung ist nicht vorhanden. Der Hauptdarsteller hat sich am Ende gegen seine große Liebe entschieden, weil er schon verheiratet ist und zudem eine Tochter hat. Ich habe mich verführen lassen und entscheide mich Tage später nun dagegen. Auch, weil der süße Duft längst verflogen ist.

Nur wenige Minuten später saß ich dann in „22nd of May„, einem stillen, traurigen Psychodrama aus Belgien über die Verwüstungen und Verletzungen, die ein Terroranschlag hinterlässt – auch das ist Filmfest. In penibler Deutlichkeit stellt der belgische Filmemacher Koen Mortier, der mit seinem Debüt „Ex Drummer“ in 2007 für Furore gesorgt hatte, seinen Hauptdarsteller Sam vor. Sam, überzeugend verkörpert von Sam Louwyck, ist Angestellter in einer Sicherheitsfirma und steht vor einer Einkaufspassage, als sich ein Bombenanschlag auf das Einkaufszentrum ereignet.

Szene aus dem Film 22nd of May

Sam (Sam Louwy) in dem Film "22nd of May". (c) Filmfest Oldenburg

Genauso überrascht wie Sam wird dabei auch der Zuschauer. Nahezu unverletzt versucht Sam wenig später die Verletzten aus der brennenden Passage zu bergen. Nach einer kurzen Phase der Ruhe für Sam und für die Zuschauer schiebt Mortier das Karrussel einer zirkelhaft arrangierten Erzählung an und wandert dabei in die gespenstisch leeren Seelenzustände der geretteten Terror-Opfer. Noch frisch berauscht und benebelt war für mich nach der ersten Karrussel-Fahrt Feierabend. Das war gegen 23:30 Uhr. Vom „22nd of May“ hatte ich etwa 45 Minuten gesehen. Ende von Tag 2.

Hier noch einmal der Bericht vom ersten Festivaltag.



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