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Festival-Filme Filmfest Oldenburg 2011 Teil 1

Das Filmfest in Oldenburg liegt zwar schon ein paar Tage zurück, doch die Eindrücke sind noch frisch. Und bevor sie anfangen zu verblassen, will ich an dieser Stelle diese, meine persönlichen Eindrücke schnell noch loswerden. Das 18. Filmfest begann für mich aus organisatorischen Gründen erst am Freitagmorgen. Also am dritten Festivaltag. So habe ich (leider?) sowohl den Eröffnungsfilm „Kein Sex ist auch keine Lösung“ am Mittwochabend verpasst als auch den ersten Festivaltag mit den angeblich sehr sehenswerten Filmen wie „The Way“ von Emilio Estevez mit seinem Vater Martin Sheen in der Hauptrolle, Thierry Klifas Melodram „His Mother´s Eyes“ mit Catherine Deneuve und Marisa Paredes oder die Weltpremiere zu „Freerunner“ von Lawrence Silverstein. Wer mehr über diese Filme und die ersten beiden Tage erfahren will, dem empfehle ich den sehr lesenswerten Festivalblog bei den Kollegen von Negativ-Film.

Auto vor Filmpalast Oldenburg Filmfest 2011Doch jetzt zu meinen Eindrücken: Damit berichterstattende Journalisten nicht allzu viele Filme verpassen (wie soll man sonst 50 Filme in fünf Tagen schaffen?) gibt es auf einem Filmfest die Pressevorführungen. Diese beginnen oft sehr früh (auf der Berlinale auch schon einmal um 8:00 Uhr), starten in Oldenburg aber täglich und journalistenfreundlich erst um 10:00 Uhr. So begann mein Tag mit einer Vorführung von „Anduni – Fremde Heimat“ von Samira Radsi, übrigens der Abschlussfilm des diesjährigen Filmfestes von Oldenburg. Da dieser bereits im Dezember in Deutschland im Kino zu sehen ist, findest Du eine ausführliche Rezension des Films hier.

Weiter ging´s mit einer weiteren Pressevorführung, diesmal zu einem Film aus der Retrospektive. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Akribie und Erfahrung Festivalleiter Thorsten Neumann in Oldenburg immer wieder fast vergessene Darsteller und Regisseure mit einer Retrospektive ehrt und damit Filmperlen sprichwörtlich ausgräbt, dessen Darsteller und/oder Regisseur dann natürlich gerne den Weg in die „Provinz“ nach Oldenburg antreten. In diesem Jahr wurde unter anderen Regisseur Ted Kotcheff geehrt, dessen „Rambo“ wohl die meisten Filmfans kennen werden. Als ich hörte, dass die Vorstellung von „Rambo“ am Nachmittag schon Tage im voraus ausverkauft war, freute ich mich auf den Australien-Klassiker „Wake in Fright“ (1971), einen der ersten Kinospielfilme des Kanadiers.

Szene aus dem Film Wake in FrightHave a drink, mate? Have a fight, mate? Have some dust and sweat, mate? There´s nothing else out here.“ Genau wie im späteren „Rambo“ (1982) steht ein Mann im Zentrum des Geschehens. Allerdings hat der Lehrer John Grant (Gary Bond) längst die Nase voll von seinem Job. Als er zu Beginn der lang ersehnten großen Ferien statt im Flieger in seine Heimat in einem kleinen Kaff irgendwo im Nirgendwo landet, beginnen für ihn die schwärzesten Tage seines Lebens. Erst ist das Geld weg, dann sein Koffer. Nach und nach stürzt Grant daraufhin immer tiefer in den Abgrund seiner eigenen Persönlichkeit. Kotcheff hielt mit seinem Porträt einer sich in Alkohol und Glücksspiele flüchtenden australischen Gesellschaft Ende der 60er einen schonungslosen Spiegel vor. „Wake in Fright“ ist ein existentialistischer Alptraum, der nicht nur den jungen Martin Scorsese beeindruckte, sondern auch das australische Kino beeinflusste („Mad Max“).

Auf das nächste Event hatte ich mich besonders gefreut, auf das deutschlandweit erste „Twittamentary„, also auf die Vorführung eines Dokumentarfilms, bei dem man interaktiv mit den Darstellern, die in dem Film mitwirkten, durch ein Q&A in Kontakt treten kann. Twittern live mit den Darstelllern so zu sagen. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. Dokumentarfilm TwittamentaryDer Dokumentarfilm „Twittamentary“ der südkoreanischen Filmemacherin Tan Siok Siok greift den open source-Gedanken des Internets, des Microbloggings und der sozialen Netzwerke auf und versucht, anhand eines filmischen Experiments, die Kraft dieses Gedankens dokumentatorisch nach zu bilden. Dazu hatte die Filmemacherin und Fernsehjournalistin Twitter-User auf der ganzen Welt aufgefordert, Geschichten und Videos über die Webseite des Films einzureichen. Die meisten und abenteuerlustigten Geschichten kamen aus den USA. Und je mehr Twitter-User diese Idee verbreiteten, desto mehr Geschichten und Personen lernte Tan Siok Siok auf ihrer Reise quer durch die USA kennen. Dazu zählen beispielsweise eine Obdachlose mit über 14.000 „Followern“, ein Tourist, der mit seinem Tweet von der Landung eines Flugzeugs auf dem Hudson River zum Star wurde oder eine Prostituierte, die sich durch das Medium von ihren Freiern orten lässt. Alle Protagonisten standen live während der Vorführung der Doku für Fragen und Antworten via Twitter zur Verfügung. Spannend!

Für etwas leicht bekömmliche Abwechslung sollte dann der nächste Film sorgen, der in der Spielstätte „Casablanca“, einem schönen Programmkino in Oldenburg, gezeigt wurde. Weil ich schon in der Doppelgängerkomödie „Le Mac – Doppelt knallt´s besser“ (2010) köstlich über José Garcia lachen konnte, hatte ich gehofft, in der Komödie „Chez Gino“ oder „At Gino´s“ von Samuel Benchetrit einen würdigen Nachfolger zu finden. Doch Fehlanzeige. Benchetrit erzählt die Geschichte eines italienischen Pizzabäckers in Brüssel (Garcia), der seinen reichen Mafia-Onkel, den er nicht kennt, um Geld bitten will. Dazu lässt er eine Fake-Doku drehen, die ihn als großen Pizza-Paten von Brüssel zeigen soll. Benchetrit rührt diese Mischung aus Komödie, Tragödie und Slapsticknummer zu einem derart unbekömmlichen, albernen Genre-Cocktail zusammen, dass man nach dem Film wegen Überzuckerung nach etwas Herzhaften schreien möchte.

Fast wie auf Bestellung folgte das Herzhafte, ja die Kino-Kopfnuss auf dem Fuße. Kult-Regisseur Monte Hellman hat im hohen Alter von knapp 80, zwanzig Jahre nach seinem Independent-Hit „Iguana – Kampf auf der Todesinsel“ (1988), mal wieder einen Film fertig gestellt. Plakat zum Film Road to NowhereRoad To Nowhere“ ist ein schwer verworrenes „Film im Film-Konstrukt“, das die (Erfolgs-)Geschichte eines jungen Regisseurs erzählt, dessen Drehbuch auf einer wahren Geschichte beruht. Dazu castet Mitch Haven, so sein Name, eine junge Darstellerin (Shannyn Sossamon), die im Laufe der Dreharbeiten eine beunruhigende Ähnlichkeit mit der „realen“ Protagonistin der Geschichte aufweist. Zwischen den nebeligen (und oft nachtdunkel umfluteten) Hügeln North Carolinas spinnt Hellman sowie sein junges Pendant im Film ein fast undurchschaubares Netz aus Intrigen, Verbrechen und Begierden, die Hellman zudem mit der Ästhetik des Film Noir erzählt. Also inklusive zahlreicher Zeitspünge, Perspektivwechsel und Detailaufnahmen. Das Verwirrspiel wird man wohl erst nach einer mehrmaligen DVD-Analyse entschlüsseln können. Der Film war nicht ohne Reiz. Ein wenig Lynch, ein wenig Fincher und ein wenig Curis Hanson. Für mich aber an diesem Abend viel zu verschachtelt, um einen positiven, nachhaltig bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Gut, dass ich damit den ersten Tag abschließen konnte.



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