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Die erste Woche auf den 61. Filmfestspielen – Berlinale 2011

Die Filme der ersten Woche – Gian-Philip Andreas

Berlinale Palast 2009

„Berlinale Palast am Eröffnungstag“

Halbzeit in Berlin. Ratlosigkeit macht sich breit. Denn: Wo sind sie, die Knallerfilme, denen man die Bären hinterherwerfen möchte? Die Bilder für die Ewigkeit? Dass die großen Namen ausbleiben würden, war vorher klar. Denn die „relevanten“ unter den Arthouse-Regisseuren, die Granden des Weltkinos, erst recht die Angesagten aus Hollywood, sie warten bis Cannes oder halten die Festival-Vorverwurstung (und womöglich: Verhackstückung) ihrer neuen Werke sowieso für unnötig.

Szene True Grit
Szene aus „True Grit“

Bis auf die Gebrüder Coen. Aber „True Grit“, das amtliches Remake des John-Wayne-Spätklassikers von Joel und Ethan Coen, startete außerhalb der Konkurrenz. Schließlich läuft die Neuinterpretation der Geschichte der jungen Mattie Ross (Hailee Steinfeld), geschrieben von Charles Portis, in den USA seit Weihnachten. Das war schicke PR für den bevorstehenden Kinostart des x-fach oscarnominierten Neo-Western und gewiss ein glamouröser Auftakt der Berlinale, hat für den Wettbewerb aber keinerlei weitere Relevanz. (Der glamouröse Auftakt zerstob wie üblich schon in der Eröffnungszeremonie, bei der man sich fragt, ob die Macher sie eigentlich selber schauen. Das witzlos „witzische“ Geplänkel von Festivaldirektor Dieter Kosslick und Moderations-Routinöse Anke Engelke hält man jedenfalls kaum aus.)

Szene Pina
Szene aus „Pina“

Relevanz für diesen Jahrgang haben auch die anderen „Außerhalb der Konkurrenz“-Filme nicht – obgleich über sie am meisten geredet, debattiert, veröffentlicht wurde. Über Wim Wenders` „Pina“ zum Beispiel: Meisterwerk oder peinliche Hagiografie? Technisch setzt der Tanzfilm ohne jeden Zweifel Maßstäbe für die weitere Diffusion der 3D-Spektakelseligkeit in den Arthouse-Bereich, aber inhaltlich darf man darüber herzlich streiten: Abgefilmte Choreographien, die im dubiosen Sinne „schön“ aussehen, aber weder irgendetwas über die Choreographin Pina Bausch verkünden noch ein leises Wort hintergründiger Kritik zulassen.

Schon interessanter war da „Almanya“, eine postmigrantische Integrationsposse zum Durchatmen, bestes Entertainment ohne Klamauk bzw. Doofheit. Startet auch bald im regulären Kinobetrieb. Das steht bei Werner Herzogs fulminanter Doku „Cave of Forgotten Dreams“, entstanden für den History Channel, wohl noch in den Sternen. Herzog darf für kurze Zeit die in den 90er Jahren entdeckte und für Besucher gesperrte Urzeit-Höhle von Chauvet besuchen, begleitet die Expedition mit raunendem bayrisch-englischem Off-Kommentar, spricht mit Forschern und bringt begeisternde 3D-Bilder von Tropfsteinen und 30.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen mit.

Szene Almanya
Szene aus „Almanya“

Am Ende besucht er noch Albino-Alligatoren, die im vom nahe gelegenen Atomkraftwerk beheizten Wasser eines Tropenhauses schwimmen. Es macht (wieder mal) Spaß, Herzogs wild assoziierender Forschungsreise zu folgen – aber auch sie lief außer Konkurrenz.

Im eigentlichen Wettbewerb konnte bislang nur der einzige deutsche Beitrag überzeugen. „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verlagert Motive und Stil der „Berliner Schule“-Filme in den Dschungel von Kamerun, verschränkt auf relativ abrupte Weise die Geschichte eines langjährigen Entwicklungshelfers mit der eines schwarzen, aber in Europa aufgewachsenen französischen Arztes, sorgt für viel „Heart of Darkness“-Atmosphäre und lässt das Ganze zunehmend elliptisch in Weerasethakul-Urwaldmystik enden.

Szene Schlafkrankheit
Szene aus „Schlafkrankheit“

Das hat narrationssüchtigen Bedeutungshubern vereinzelte Buhs entlockt – auf einen Beitrag, der diesem indes an ästhetischem Wert und inhaltlicher Kühnheit ebenbürtig wäre, wartet das Festival bislang noch.

„Coriolanus“ zum Beispiel tut dies nicht: Ralph Fiennes inszeniert sich selbst als römischen Feldherrn mit Shakespear`scher Diktion, modernisiert als Newskanal-Rabatz-Reportage im Pseudo-Dokustil. Das hätte seinen Reiz, wenn Fiennes sich selbst und die Mitstreiter halbwegs im Zaum gehalten hätte. So aber sieht man immer wieder Fiennes im Close-Up, brüllend, alle Adern gespannt, das Gesicht puterrot, dazubrünftiges Geschrei im Kampfgetümmel: ein aufgedonnertes Overacting-Spektakel, das schon sehr bald zu nerven beginnt.

Im Wettbewerb muss sich also noch viel tun, damit sich später überhaupt jemand an diesen Jahrgang erinnert. Einen Bären nämlich wird auch „The Future“ nicht gewinnen, der neue, schon in Sundance gelaufene Film der Künstlerin Miranda July. Mir gefiel die zartbittere, aus der Perspektive einer toten Katze erzählte und mit wunderbar schrägen Einfällen gespickte Episodenschau aus dem Leben eines Thirtysomething-Pärchens sehr, obwohl sie in Timing, Charme und Witz sicher nicht an Julys Erstling „Ich und Du und alle, die wir kennen“ heranreicht. Die zynisch-ungeduldige Kritikerschar (die einem in Berlin zielsicher die schönsten Filme vermiesen kann) verließ den Saal in Scharen. „Kinderkacke“, schimpfte jemand. Hoffentlich ist der zweieinhalbstündige Film des Ungarn Bela Tarr erwachsen genug für ihn. Der läuft heute auch noch.

Und überhaupt: Wenn der Wettbewerb schwächelt, gibt es ja zum Glück noch zahllose Ausweichmöglichkeiten, in der Weltkinoschau „Panorama“, im experimentierfreudigeren „Forum“, in der „Perspektive Deutsches Kino“ oder in der wie stets kundig zusammengestellten Jugendsektion „Generation“. So kann man zwischen den Kinos umherstreifen und nach der unglaublich unterhaltsamen (rührenden/witzigen/erschreckenden), von YouTube und Ridley Scott produzierten Welt-Clip-Zusammenstellung „Life in a Day“ hinüberwandern und sich in nordischen („Fjellet“)/koreanischen („Chang Pi Hae“) Lesbendramen verlieren (auf eigene Gefahr natürlich!), artifizielle Berliner Selbstfindungen („Swans“) mitverfolgen, mit Corinna Harfouch ganz mediterran „Auf der Suche“ nach ihrem verschwundenen Sohn sein (was sich sehr lohnt), sich an norwegischen Teenie-Liebeshändeln („Jorgen+Anne=Sant“) erfreuen oder in „Utopians“ dem großartig surrealen Weltverlust eines New Yorker Yogalehrers beiwohnen (was auf begeisternde Weise nervt).

Denn auch wenn bislang im Einzelnen vieles nicht überzeugt an und auf dieser Berlinale: Zusammengenommen ergibt sich am Ende, wie stets, dann doch ein beeindruckend vielfältiges Kinobild. Wie gesagt, ist ja erst Halbzeit. Und das Spiel dauert hier 10 Tage.




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