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Die 62. Internationalen Berliner Filmfestspiele – So war es wirklich – Berlinale 2012

Logo der 62. Internationalen Filmfestspiele

MIT TIEREN UND WÄLDERN: EINE SCHÖNE BERLINALE

Der zweite und letzte Sonntag jeder Berlinale ist für Journalisten und Filmemacher ein merkwürdiger Tag: Der große Tross Tausender von Branchenbeobachtern ist schon abgereist, das Festival gehört mehr oder weniger allein dem Publikum. Der Markt der Profi-Meinungen ist geschlossen, die Teppiche werden eingerollt, die Parties sind beendet – nur in den Kinos laufen noch jede Menge Filme. In den letzten Jahren war dieser Sonntag immer ein Tag der Melancholie: Wieder hatte es jede Menge Schimpf und Schande gehagelt über das künstlerisch belanglose Programm im Wettbewerb, der ja immerhin Aushängeschild der Filmfestspiele sein sollte. Zehn Tage Zeitverschwendung seien das gewesen, hatten viele gemault – und sie bedauerten die „Normalbürger“, die für diese Filme stundenlang Schlange standen.

Strasse vor einem Kino in Berlin

Berlinale goes Kiez

Dieses Jahr war das anders: Fast beschwingt zogen die professionellen Beobachter am Ende wieder ab. Die Berlinale hat – so lautete fast der Konsens – wieder zu den beiden anderen, immer noch weitaus bedeutenderen europäischen A-Festivals in Cannes und Venedig aufgeschlossen. Mehr noch: Diese gelöste, aufrichtig wohlmeinende Stimmung existierte sogar schon vor dem Festival und ließ sich bis ins Finish nicht mehr weg`mokieren`. Dieter Kosslick, umtriebig-leutseliger Direktor seit elf Jahren (und noch bis mindestens 2016), kann also zufrieden in den Urlaub fahren: Die ihm seit längerer Zeit entgegenschlagenden Vorwürfe, er habe den internationalen Wettbewerb der Berlinale an den Rand der Bedeutungslosigkeit geführt, hat er relativ eindrucksvoll gekontert.

Wie kam’s? Schon die Ankündigung, am Wettbewerb dieser 62. Berlinale würden neben drei respektierten deutschen Regisseuren (Christian Petzold, Hans-Christian Schmid, Matthias Glasner) auch drei der bei Cineasten in aller Welt derzeit angesagtesten Filmemacher (Brillante Mendoza von den Philippinen, Miguel Gomes aus Portugal, Ursula Meier aus der Schweiz) teilnehmen, hatte die Vorfreude befeuert. Und es zeigte sich dann sehr rasch, dass auch unter den übrigen Filmen weitaus weniger Komplettausfälle und schwache Zählkandidaten vertreten waren als sonst. Auch wenn mich persönlich beispielswiese sowohl die französische Natascha-Kampusch-Paraphrase „À Moi Seule“ von Frédéric Videau als auch das pflichtschuldige Kindersoldatinnen-Drama „Rebelle“ von Kim Nguyen nicht vom Hocker rissen – irrelevante Filme sind das nicht. Als überflüssigster Beitrag wurde allgemein der spanische Psychothriller „Dictado“ von Antonio Chavarrías gewertet, doch selbst der würde an anderer Stelle als kompetent gemachter und gespielter Film durchgehen (vom dämlichen Ende mal abgesehen); bloß im Kontext des Berlinale-Wettbewerbs durfte die berüchtigte Frage gestellt werden: „Was hat der Film im Wettbewerb eines A-Festivals zu suchen?“ Aber wie gesagt: Diese Frage stellte sich nicht oft.

Gemäkelt wurde zum Schluss nur über die Bärenvergabe – und das hat Tradition. Vielleicht war es die in diesem Jahr besonders hochkarätige Jury, die auf ein spektakuläreres Voting hoffen ließ: Schließlich hatte Präsident Mike Leigh, einer der wichtigsten, sozialrealistischen Brit-Regisseure, u. a. die geschätzten Schauspieler Jake Gyllenhaal und Charlotte Gainsbourg, die Top-Filmemacher Francois Ozon und Asghar Farhadi sowie den Star-Fotografen Anton Corbijn in seinem Team. Dass Leigh & Co. dann ausgerechnet „Cesare deve morire“ den Goldenen Bären zusprachen, hat viele verwundert, um nicht zusagen: irritiert. Gebrueder Taviani Gewinner Goldener Bär Berlin 2012Das halbdokumentarische Schwarzweiß-Werk der über 80-jährigen italienischen Regiebrüder Paolo und Vittorio Taviani war allgemein als nett, aber nicht herausragend durchgewinkt worden; tatsächlich gehörte der Film bei weitem nicht zu den besten Beiträgen des diesjährigen Wettbewerbs: In einem römischen Hochsicherheitsgefängnis proben Schwerverbrecher Shakespeares „Julius Cäsar“; die Beschäftigung mit Hochkultur und mit Themen wie Ehre, Freiheit und Verrat spiegelt sich im Verlauf des nicht einmal 80-minütigen Films in der inneren Haltung der Häftlinge. Das ist interessant anzusehen, aber trotzdem: Der Film ist ein Alterswerk ohne formal oder inhaltlich innovative Ausstrahlung. Das Werk zweier überdies schon zuvor oft preisgekrönten Senioren als DER Siegerfilm, der von der Berlinale um die Welt getickert wird? Hmm.

Zum Glück hat die Jury einige der wichtigsten anderen Wettbewerbsfilme wenigstens mit Silbernen Bären bedacht – zuvorderst „Czak a Szél“ („Nur der Wind“) von Bence Fliegauf, den politisch brisantesten Film des Jahrgangs.

Szene aus dem Film Szack a Szel - Nur der Wind

Szene aus `Nur der Wind` (c) Lajos Sárkany

Dessen auch formal herausfordernde Beschäftigung mit dem alltäglichen Rassismus in Ungarn und den mehr oder weniger tolerierten Morden an Roma unter der Fidesz-Administration hatte gegen Schluss des Festivals noch viele Beobachter beeindruckt. Wie unbequem der Film den derzeit Mächtigen in Ungarn ist, war schon daran abzulesen, dass die ungarische Botschaft bei der Pressekonferenz zum Film Flyer verteilen ließ, auf denen (in schlechtem Deutsch) die Aussagen des Films widerlegt werden sollten. Abends dann, bei einer Diskussion in der Botschaft, feierte sich das offizielle Ungarn (nach Angaben des Tagesspiegels) als antirassistische Vorkämpfer. Fliegaufs Film erhielt den Preis der Jury – und inoffiziell wird mit dieser Kategorie stets der eigentliche Lieblingsfilm der Bären-Verteiler ausgezeichnet.

Drei andere Favoriten der meisten Wettbewerbsgänger wurden ebenfalls mit bedeutenden Preisen bedacht. Ursula Meier (Silberner Bär) begibt sich in ihrem herausragenden „L’Enfant d’en Haut“ stilistisch aufs Terrain der Dardenne-Brüder und schildert ebenso rau wie zärtlich den kriminellen Überlebenskampf eines zwölfjährigen Jungen, der sich und seine Schwester mit Diebstählen durchbringt: Er klaut Skier und andere Ausrüstung von wohlhabenden Touristen in einem Schweizer Skigebiet.

Szene aus dem Film Sister

(c) Roger Arparjou

Kacey Mottet Klein (der schon in „Gainsbourg“ brillierte) galt durchaus als Favorit für den Darsteller-Bären, so differenziert und mitreißend spielt er in diesem Film. Seine Schwester spielt übrigens das französische Ex-Model Léa Seydoux als orientierungsloses White-Trash-Girlie – eine ganz andere Rolle als jene der schmollmündigen Vorleserzofe, die sie im Eröffnungsfilm des Wettbewerbs („Leb wohl, meine Königin!“) spielte. Auch sie hat imponiert.

Miguel Gomes hat mit „Tabu“ den formal ungewöhnlichsten, manche würden sagen: sperrigsten Film des Wettbewerbs gedreht – eine portugiesische Kolonialfantasie in Schwarzweiß, aufgeteilt in zwei sehr unterschiedliche Teile, einer im heutigen Lissabon, einer im alten Mosambik. Gomes’ Spiel mit Original- und Off-Ton, sein Ton-Mix aus Sixties-Beatmusik und afrikanischen Gesängen, aus Wes-Anderson-Lakonik und ironischer (Film-)Ethnografie begeisterte die Spezialisten und ließ andere ratlos zurück: Den Alfred-Bauer-Preis für innovative Filmkunst hat sich Gomes jedenfalls redlich verdient. Obwohl ihm (wie auch Ursula Meier) bei der Preisverleihung anzusehen war, dass er sich schon Chancen auf den Goldenen Bären ausgerechnet hatte.

Szene aus dem Film Barbara

(c) Hans Fromm Piffl Medien

Absolut zufrieden war Berliner-Schule-Großmeister Christian Petzold, der für „Barbara“, seine makellose fünfte Zusammenarbeit mit Nina Hoss, den Regie-Bären zugesprochen bekam. Hoss spielt in Petzolds erstem Ausflug in die Vergangenheit eine Ärztin, die nach einem Ausreiseantrag 1980 von der DDR-Führung aufs Abstellgleis in der mecklenburgischen Provinz geschoben wird und dort ins Zweifeln gerät – obwohl sie gleichzeitig eine Flucht über die Ostsee nach Dänemark plant. Die atmosphärisch starke, in Kamera und Ton absolut begeisternde und wie immer bei Petzold vorbildlich ökonomische Inszenierung galt bei den meisten Kritikern als heißester Bären-Kandidat – tröstlich, dass die Jury ihn nicht ganz vergessen hat.

Für Stirnrunzeln sorgten hingegen andere Entscheidungen der Jury – zum Beispiel jene, der knapp 15-jährigen Rachel Mwanza den Darstellerinnen-Bären zuzuschanzen. Das Mädchen war vom kanadischen Regisseur Kim Nguyen von der Straße weggecastet worden, um in „Rebelle“ die „War Witch“, eine Kindersoldatin, zu spielen. Im Film wird sie durch all die entsetzlichen Begebenheiten der Story mehr oder weniger hindurchgereicht – den Preis darf man eher als politischen Mutmacher verstehen. Das ist okay, aber natürlich auch ein bisschen ungerecht gegenüber all den tollen Miminnen von Seydoux bis Hoss, die sonst noch im Rennen waren. Und warum der achtbare, aber nicht sonderlich auffällige dänische Kostümfilm „Die Königin und der Leibarzt“ gleich zwei Bären bekommen musste, bleibt ebenfalls im Dunkeln.

Szene aus dem Film Eine Koenigliche Affaere

(c) Jiri Hanzl

Bestes Drehbuch? Nun ja, da wäre der Eröffnungsfilm „Leb wohl, meine Königin“, auch ein Kostümfilm, ein würdigerer Kandidat gewesen. Bester Darsteller? Mikkel Boe Folsgaard in der Nebenrolle des schwachsinnigen Königs Christian zieht sicherlich eine fulminante Show ab, aber inmitten all der um ihr Leben spielenden Hauptrollendarsteller von Jürgen Vogel bis hin zum Rapper Saul Williams im Sterbedrama „Aujourd’hui“ kam diese Wahl zwiespältig rüber.

Robert Duvall zum Beispiel, der alte Haudegen des US-Films, hätte den Bären eher verdient. In Billy Bob Thortons absolut sehenswerter Südstaaten-Tragikomödie „Jayne Mansfield’s Car“, die vor der Folie einer Familienzusammenkunft das Thema Krieg verhandelt, spielt er den grantigen Familienpatriarchen und schwingt sich spätestens in einem versehentlichen LSD-Rausch zur Top-Form auf. Womöglich konnte sich die Jury aber auch nur nicht entscheiden, weil Thorntons Ensemblefilm vor tollen Darstellerleistungen nur so birst, von Kevin Bacon über John Hurt bis hin zu Thornton selbst.

Auch Matthias Glasners am norwegischen Polarkreis spielender Beitrag „Gnade“, ein bildmächtiges, am Ende vielleicht etwas zu redundantes Schuld-und-Vergebungsdrama mit den grandios aufspielenden Hauptdarstellern Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr, blieb bei der Bärenvergabe außen vor, ebenfalls (und zur Überraschung einiger) gilt das für Brillante Mendozas Kidnapping-Trip „Captive“: Der galt vielen als radikaler Entwurf, andere dagegen stießen sich an der mangelnden Charakterzeichnung. Ich persönlich bin dem Film, der die über ein Jahr andauernde Entführungsodyssee einer Gruppe von Menschen durch ein muslimisches Terrorkommando begleitet, staunend gefolgt. Isabelle Huppert bleibt darin nur ein Ensemblemitglied unter vielen; der philippinische Meisterregisseur widmet diversem Dschungelgetier (Schlangen, Egel, Paradiesvögel) mitunter mehr Aufmerksamkeit als dem sich weniger narrativ als in verschiedenen, impressionistischen Szenenfragmenten entblätterndem Gruppengefüge.

Ein Highlight, das überdies zwei dominante Themen dieser Berlinale (und zwar sektionenübergreifend) zusammenführt: Wälder und Tiere. Wohin man auch schaute, der Weg führte sehr oft ins Dickicht, und die Fauna spielte sich in den Vordergrund. Corinna Harfouch etwa haust am Ende von Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ (einem leider dialogschwächelnden und bärenchancenlosen Wohlstandsbürger-Familiendrama mit Lars Eidinger) als Geist in einem Wald im Großraum Köln/Bonn, und auch in „Tabu“ und „Barbara“ wird der Wald zum magischen Ort. Ums Getier kreist speziell der feine Wettbewerbsbeitrag „Postcards from the Zoo“ des Indonesiers Edwin. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Zoo von Djakarta aufgewachsen ist, erst nach einem langen Umweg über Zaubershows und Massagesalons wieder dorthin zurückkehrt und sich ihren langgehegten Traum erfüllen kann: endlich gefahrlos den Bauch der von ihr geliebten Giraffe zu berühren. Hach!

In den anderen Sektionen setzte sich das Tier- und Waldthema nahtlos fort. Vor allem im Internationalen Forum, der nach wie vor interessantesten Berlinale-Sektion, was Entdeckungen angeht: Ob nun im grandios grotesken amerikanischen Indie „Kid-Thing“ (Regie: David Zellner) ein verwahrlostes Mädchen in tiefster US-Provinz ein ominöses Loch im Waldboden entdeckt, aus dem eine Frau um Hilfe ruft (das Mädchen denkt nicht dran, sie zu retten), oder ob Oscar-Preisträgerin Melissa Leo als knastentlassene „Francine“ im gleichnamigen Film (Regie: Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky) nur noch unter Tieren Glückseligkeit empfinden kann (und beim Publikum für Entsetzen sorgt, als sie minutenlang an Katzenbaby-Pfoten lutscht…), ob im sehenswerten spanisch-deutschen „Sleepless Knights“ (Regie: Stefan Butzmühlen und Cristina Diz) in epischer Länge ein Almauftrieb lampenbesetzter Schafe beobachtet wird, oder ob im kanadischen Experimentalfilm „Bestiaire“ in perfekt kadrierten Bildern die Tiere eines Safariparks porträtiert werden: Man entkam den Vierbeinern kaum.

Szene aus dem Film Sleepless Knights

Szene `Sleepless Knights`

Fast hätten diese Possierlichkeiten übersehen lassen, dass das Forum auch Schwerpunkte zu Fukushima (sehenswert: „Nuclear Nation“ von Funahashi Atsushi) und dem Arabischen Frühling zu bieten, außerdem längst verschollen geglaubtes kambodschanisches Filmgut aus der Zeit vor den bilderstürmenden Roten Khmer (schöne Doku: „Le Sommeil d’Or“ von Davy Chou) zu Tage gefördert und den japanischen Regisseur Kawashima Yuzo ins Gedächtnis zurückgerufen hatte. Dass auch im Forum nicht alles glänzt, bewiesen hingegen die konstruierte spanische Nichtigkeit „Spanien“ (von Anja Salomonowitz) oder die polnische Avantgarde-Qual „Sekret“ (Regie: Przemyslaw Wojcieszek).

In der „Perspektive deutsches Kino“, die diesmal mit der erhellenden Gender-Doku „Man for a Day“ (Regie: Katarina Peters) und dem schön spröden, im winterlich verschneiten Sylt spielenden Gay-Liebesdrama „Westerland“ (von Dramatiker Tim Staffel) weitere Highlights zu bieten hatte, triumphierte völlig zu Recht die meisterliche Doku „This Ain’t California“ (mehr über den Film in einer Kurzkritik bei uns im Blog) von Marten Persiel.

Szene aus dem Film This Ain´t California

(c) Wildfremd Production

Die mit erstaunlich reichhaltigem Super-8-Filmmaterial vollgestopfte Chronik der Ost-Skaterszene in den 80er Jahren begeisterte von der ersten Minute an: Top-Tempo, tolle Texte, eine ausgewogene Mischung aus Nostalgie, Lebensfreude und Lebenstragik sowie die virtuose Handhabung verschiedenster filmischer Mittel machten den Film zu einem absoluten Festival-Highlight. Ich habe den Film kurz nach Petzolds „Barbara“ gesehen – ein ideals Double Feature, denn aus diesen Filmen lernt man mehr über den Zeitgeist und die Befindlichkeit in der DDR der maroden 80er Jahre als aus zig Fernseh-Features zusammen.

Gar nicht genug rühmen kann man, wie immer eigentlich, die Reihe „Generation“, und zwar sowohl deren Jugendsektion „14plus“ als auch die Kinderabteilung „Kplus“. Sie gilt nicht wenigen (und mir auch!) als bestkuratierte der Berlinale. Was die Leiter Maryanne Redpath und Florian Weghorn da Jahr für Jahr an klugen Werken, abseitigen Themen und spannenden Experimenten zusammentragen ist mindestens so erstaunlich wie das konzentrierte Interesse, mit dem das kindliche bzw. jugendliche Publikum den Beiträgen folgt. Man braucht sich nur den von einer jugendlichen Jury gekürten Gewinner des Gläsernen Bären in der Sektion „14plus“ anschauen, um zu wissen, dass man sich um das Interesse des Nachwuchses an ambitioniertem Weltkino noch keine Sorgen machen muss: „Lal Gece“ von Reis Celik erzählt, mit größtmöglichem (und bisweilen schwer erträglichem) Minimalismus von der Hochzeitsnacht zwischen einem 12-jährigen Mädchen und einem fast 60-jährigen Mann irgendwo in der Provinz.

Szene aus dem Film Lal Gece

`Lal Gece`

Keine Effekte, kein Spektakel, nur Gespräche, anderthalb Stunden lang, und im Publikum keinerlei Unruhe. Aber egal, wohin man schaut in der „Generation“, man läuft nie Gefahr, danebenzugreifen: „Joven & Alocada“ etwa verfolgt ein attraktives Blogger-Mädchen aus züchtiger chilenischer Evangelikalenfamilie so unverblümt bei ihren sexuellen Befreiungsmanövern, dass man ob der fast-pornografischen Details wahrscheinlich schneller errötet als das juvenile Zielpublikum. Oder „Una Noche“: ein mitreißendes Flucht- und Liebesdrama aus Kuba. Oder „Nono“ über einen indonesischen Jungen mit Hasenscharte, der sich gegen die mobbende Umwelt zur Wehr setzt. Es ist und bleibt schade, dass so wenige dieser wunderbaren Filme ihren Weg ins reguläre Kinoprogramm finden: Die deutschen Verleiher sind offenbar nach wie vor der Ansicht, dass diese „besonderen“ Werke zwischen all den ewig gleichen „Fünf Freunde“-Remakes und „Twilight“-Franchises kein Publikum finden können.

Sorgen bereitet mir persönlich, schon seit Jahren übrigens, die Sektion „Panorama“. Das war früher mal eine Art Weltkino-Rundschau nach Art der „Certain Regard“ in Cannes, außerdem ist sie Doku-Sammelplatz und lenkt den Fokus aufs ´queere´ Kino. Richtige Entdeckungen habe ich im Panorama allerdings schon lange nicht mehr gemacht; auch diesmal nicht. Bezeichnend dafür sind die Publikumspreise, die zum Schluss verliehen wurden: Unter den Dokumentationen machte „Marina Abramovic: The Artist is Present“ das Rennen, eine standardisierte HBO-Produktion fürs US-Fernsehen, deren Trumpf allerdings die porträtierte Künstlerin ist.

Szene aus dem Film The Artist is Present

(c) Marina Abramovic

Deren aufsehenerregende, dreimonatige Performance im New Yorker MoMA wird im Film begleitet. Die Frau und ihre Aktion sind absolut jeden Blick wert, doch der Film bewegt weniger aufgrund seiner Machart, sondern durch sein in jeder Hinsicht unkritisch behandeltes Objekt. Bei den Spielfilmen obsiegte der serbische Kinohit „Parada“ (mehr über den Film in einer Kurzkritik bei uns im Blog) über eine Gay-Pride-Parade, deren Organisatoren sich homophobe Nationalisten als Security-Mannschaft zusammensuchen. Das Feel-Good-Movie zündet sofort, weil es (auf geschickte und durchaus sympathische Weise) mit Serben-, Kroaten-, Bosnier-, Kosovaren- und Schwulenklischees operiert; andererseits aber bewegt sich ihr Witz auf einer Schiene, die hierzulande ungefähr 1994 mit dem „Bewegten Mann“ erreicht war. Für Serbien, das „homophobste Land Europas“ (O-Ton Wieland Speck, Panorama-Leiter), ist „Parada“ ganz sicher ein sehr wichtiger Film, in Mitteleuropa allerdings braucht es ihn nicht mehr. Innovativ ist der Film sowieso nicht, doch seine Klischeehaftigkeit muss man ihm – wie das diverse Kritiker taten – nicht vorwerfen, weil er diese Klischees so offensiv ausstellt, dass niemand ernsthaft auf sie hereinfallen dürfte.

Wer die Berlinale nur der Stars wegen interessant findet – und solche Leute soll es und darf es ja auch geben – konnte diesmal auch nicht meckern. Denn die Promis liefen letztlich permanent herum am Potsdamer Platz. Verantwortlich dafür war nicht nur Jury-Mitglied Jake Gyllenhaal, der fast zwei Wochen vor Ort war, sondern vor allem jene Filme, die Direktor Kosslick zu diesem Zweck „außer Konkurrenz“ im Wettbewerb oder als „Special“ laufen lässt. So durften dann etwa die Teenies schreien, als der kahlgeschorene „Twilight“-Vampir Robert Pattinson die Maupassant-Verfilmung „Bel Ami“ vorstellte (Christina Ricci begleitete ihn und ging etwas unter), Clive Owen kam mit seinem IRA-Geheimdienstfilm „Shadow Dancer“, Steven Soderbergh brachte zu „Haywire“ neben Michael Fassbender und Antonio Banderas auch die neue Action-Heldin Gina Carano mit, die „Ehrenbär“-Empfängerin Meryl Streep wurde nicht nur mit der Thatcher-Bio „Iron Lady“, sondern gleich mit einer ganzen Hommage geehrt, Bollywood-Zampano Shah Rukh Khan sorgte für hysterisches Gekreische vor dem Friedrichstadtpalast (und animierte Kosslick zu einer fast surrealen Tanz-Einlage), Javier Bardem und Keanu Reeves stellten sehenswerte Dokumentarfilme vor, Charlotte Rampling war mal wieder da, Juliette Binoche auch, und natürlich: Brangelina!

Brad Pitt und Angelina Jolie in Berlin 2012

Brangelina in Berlin 2012

Angelina Jolie, die für ihr zweifelhaftes Bosnienkrieg-und-Vergewaltigungslager-Dramolett „In the Land of Blood and Honey“ die Werbetrommel rührte, weilte ganze fünf Tage in Berlin und war so lange auch dermaßen einziges Stadtgespräch, dass alles andere daneben unwichtig erschien: Bringt sie Brad mit? Ja. Was macht sie tagsüber? Geht mit den diversen Kindern im Legoland. Wie kontert sie die Vorwürfe, ihr Film sei einseitig? Sie ist beleidigt. Und so weiter. Man konnte das nervig finden. Aber wenn’s denn dem Glamour-Appeal der Berlinale dient… Nur ein paar Mal hatte Kosslick Pech: Die Stars des oscarnominierten 9/11-Dramas „Extrem laut und unglaublich nah“, Tom Hanks und Sandra Bullock, blieben Berlin ebenso fern wie Charlize Theron (die in „Young Adult“ von „Juno„-Regisseur Jason Reitman so brillant aufspielt wie nie zuvor), Martial-Arts-Star Jet Li („Flying Swords of Dragon Gate“) und Uma Thurman („Bel Ami“).

Die Berlinale endete für mich und alle anderen, an jenem sonderbaren letzten Sonntag, mit der Vorführung der sechs besten Kurzfilme. Es wird ja gerne vergessen, dass es auf der Berlinale auch einen sehr hochkarätigen Shorts-Wettbewerb gibt, in dessen Jury diesmal u. a. Sandra Hüller saß. Gewonnen hat am Ende „Rafa“, ein leises portugiesisches Werk über einen armen Jungen aus den Armenbezirken von Lissabon. Arme Kinder – das ist übliche Festivalpriesträgerware. Besser gefallen hat mir auch der „Silberne Bär“: eine sehr enigmatische japanische Animation namens „The Great Rabbit“, von Atsushi Wada. Ein Kurzfilm-Best-Of ist nahezu die ideale Weise, sich nach 40 Langfilmen sanft vom Festival zu verabschieden.

Und während also die Plakate abgehängt und Festival-Badges weggepackt werden, fehlt nur noch das üblich kritische Wort zur Preisverleihungszeremonie: Da klappt ja nach wie vor rein gar nichts. Als gäbe es keinen Show-Regisseur. Wieso weiß keiner der Preisträger, dass er nach Nennung seines Namens auf der Bühne erwartet wird? Wieso weiß dann dort oben niemand, ob erst ein Ausschnitt des prämierten Films gezeigt oder zuerst der Bär überreicht wird oder zuerst der Prämierte seine Dankesworte spricht? So folgt ein grausam unprofessioneller Moment peinlichen Schweigens auf den nächsten, und man erwartet ständig, das irgendwo die Pappkulissen umfallen. Anke Engelke macht als Moderatorin zwar das Beste aus diesem ärgerlichen Chaos – doch es war einmal mehr Jake Gyllenhaal, der dabei wie der einzige Profi unter Amateuren auftrat. Weil dieses Tohuwabohu schon seit Jahren zu beobachten ist, drängt sich umso mehr die Frage auf, warum nicht endlich Maßnahmen dagegen getroffen werden.

Jarvier Bardem und Dieter Kosslick

Jarvier Bardem, Dieter Kosslick

Doch sei’s drum, das Fazit ist klar: Der 62. war ein erschöpfender, oft beglückender und nur selten nerviger Jahrgang. Vieles von dem, was lief, werden wir wahrscheinlich (oder sagen wir: hoffentlich!) in den regulären Startplänen wiedersehen. Und es bleibt auf jeden Fall die Hoffnung, dass der von Kosslick eingeschlagene Weg, glamourösen Starauftrieb mit künstlerisch bedeutsamen Wettbewerbsfilmen zu kontrastieren, auch im nächsten Jahr wieder vor uns liegt. Also, hoffen wir auch auf das nächste Jahr: bis dahin warm anziehen und … Viel Spaß im Kino!

Gian-Philip Andreas



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