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Die 61. Internationalen Berliner Filmfestspiele – So war es wirklich – Berlinale 2011 – Bärenlese

Berlinale Screenshot 2011

Zwei Tage erstmal durchatmen. Und dann zurückerinnern: Was mag wohl bleiben von der Berlinale 2011? Elf Tage lang, wenn man den Publikums-Sonntag ganz zum Schluss mitrechnet, konnte man rund um den Potsdamer Platz Filme schauen bis zum Umfallen und Wegtreten, und wenn man gerade mittendrin steckt oder soeben erst herauskommt, kann einem das schon die Sicht verstellen: Dann blickt man nur auf die nominell wichtigste Sektion, den Wettbewerb, und ist zwangsläufig enttäuscht.

Nicht nur die „competition“ war mit 16 Beiträgen so ausgedünnt wie noch nie (2001 waren fast 30 Filme im Rennen!), das meiste davon gehörte zudem in die Kategorie „Davon wird nach dem Festival niemand mehr hören“ – redliches Weltkino, in der Regel gut gespielt und geschmäcklerisch gefilmt, zwar wichtige Themen umkreisend, am Ende aber doch von allzu schwachbrüstiger ästhetischer Durchdringung.

Nadar az Simin
Goldener Bär für „Nadar az Simin“

Weswegen die Jury um Isabella Rossellini und Nina Hoss den Goldbären zum Schluss dann an jenen Film vergab, der aus jenem Lande stammt, in dem ihr abwesender Mitjuror Jafar Panahi zur Zeit mit Maulkorb festsitzt: dem Iran. „Nader und Simin“ , der auch sämtliche Darstellerpreise einheimste, war der einzige Beitrag im Wettbewerb, der sein gesellschaftliches Anliegen nicht kunstgewerblich-verschwurbelt, sondern filmisch zupackend anging und schon allein damit überzeugte. Kein sonderlich politischer Film, auch wenn man zwischen den Zeilen die Beschränkungen durchaus erahnen kann, zwischen denen Regisseur Asghar Farhadi hindurchlavieren musste. Bei seiner Dankesrede sprach er dann explizit seine Hoffnung aus, dass Panahi bald wieder freikommt: Vielleicht nützt ein solches Statement. Schließlich ist der Iran der Mullahs nach wie vor stolz auf die Erfolge, die sein Kino im Ausland erringt.

The Turin Horse
Szene aus „The Turin Horse“

So kann der Ober-Bär an den iranischen Film sicher zuallererst als politische Auszeichnung betrachtet werden. Aber auch künstlerisch gab es nicht viel Konkurrenz: Der ungarische Altmeister Béla Tarr war dies noch am ehesten, und der Mann war auf der wie immer grausam unprofessionell inszenierten und schaurig moderierten und geschriebenen Preisverleihungs-Gala sichtlich enttäuscht, dass er mit seinem angeblich letzten Film nur den Preis der Jury ergatterte (obwohl dies traditionsgemäß der eigentliche Lieblingsfilm der Preisrichter ist). Vielleicht war sein monolithisch-apokalyptischer Zweistünder aus einem sturmumtosten Nirgendwo am Ende doch zu sperrig, während Miranda Julys „The Future“ zu sehr Indie-Nabelschau war für ein Inhalte-Festival wie die Berlinale.

Andere Auszeichnungen für das albanische Blutrachedrama „Forgiveness of Blood“ oder das Mutter-Tochter-Junta-Melo „El Premio“ bedachten das erwähnte Weltkinomittelmaß, während sich Andres Veiel über den „Alfred Bauer Preis“ für seine stark gespielte, aber leicht zäh geratene RAF-Frühgeschichte „Wer wenn nicht wir“ nur so mittel freuen dürfte. Eine feine Überraschung war dagegen der Regie-Bär für den Deutschen Ulrich Köhler, der mit „Schlafkrankheit“ die Berliner Schule nach Kamerun versetzte und durch die Auszeichnung mit seiner Lebensgefährtin Maren Ade gleich zieht, die hier vor zwei Jahren mit „Alle anderen“ ebenfalls den Regiepreis errang.

Szene Schlafkrankheit
Szene aus „Schlafkrankheit“

Aber wie gesagt: Nach zwei Tagen Nachdenken wird es immer unsinniger, den Wettbewerb derart in den Mittelpunkt zu stellen. Zumal ja eh in diesen Wochen nur jene Beiträge ins Kino kommen, die dort außer Konkurrenz oder als „Special“ liefen, von „True Grit“ über „Pina“ zu „King`s Speech“, von der netten englischen Fernsehkoch-Bio „Toast“ über die überraschend gelungene Nazi-Groteske „Mein bester Feind“ mit Moritz Bleibtreu bis hin zum überzeugend trashigen Actionthriller „Unknown Identity“, dem ersten ausschließlich in Berlin spielenden Hollywood-Blockbuster. Der hatte den Wettbewerb augenzwinkernd beendet, wie ein ironischer Schlusskommentar: Es jeht doch auch locker! Neben Liam Neeson, Diane Kruger und der wie immer wunderbaren January Jones (Betty Draper aus „Mad Men“) spielt hier übrigens ausgerechnet Bruno Ganz als stolzer Ex-Stasi-Scherge seine beste Rolle seit Jahren. Alle aus magyarischen Sturmsteppen, albanischen Dörfern und koreanischen Beziehungsstillstandshöllen wieder aufgetauchten Berlinalebesucher atmeten hörbar erleichtert auf: ein feiner Mainstream-Spaß samt unglaublicher Verfolgungsjagd über die Friedrichstraße.

Szene The Big Eden
Szene aus „The Big Eden“

Man kann nun jedenfalls auf den ganzen, großen Rest des Festivals blicken, auf einen Rest, der bekanntlich auf keinem anderen A-Festival der Welt so groß ist wie hier in Berlin. Und der erste Blick zeigt: Das „Panorama“, die Weltkinoschau, die stets dem „Certain Regard“ in Cannes nacheiferte, spielt unter der allzu routinierten Leitung Wieland Specks keine große Rolle mehr. Viel vergurkte Mittelmaßware, fast wie im Wettbewerb. Zündende Dokus wie „The Big Eden“ über den inzwischen 81-jährigen Berliner Alt-Playboy Rolf Eden waren da eindeutig in der Minderheit. Und auch als Refugium des queeren Films hat das Panorama ausgedient: Hier laufen queere Filme offenkundig nur noch, weil sie queer sind und nicht weil sie gut sind. Die Folge: haufenweise qualvoll schleppende oder schlichtweg dilettantische Dramen und Dokus.

Der schwul-lesbische Berlinale-Preis „Teddy“ ging denn auch, auf einer gleichsam unprofessionell inszenierten und noch grauenvoller moderierten Preisverleihungs-Gala, bezeichnenderweise an einen Film aus der stets noch entdeckungsfreudigen Sektion „Forum“: die tatsächlich äußerst mitreißende Doku „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“ über den „Throbbing Gristle“-Sänger Genesis P. Orridge und seine Transgender-Anverwandlung an seine inzwischen verstorbene Frau Jaye.

Neben dem Forum war in diesem Jahr wieder die „Generation“ für viele Highlights zuständig – die in „Kplus“ (für Kinder) und „14plus“ (für Teens) unterteilte Sektion gilt schon lange als die womöglich am liebevollsten zusammengestellte Abteilung der Berlinale. Und überhaupt: Bei deren Screenings dabei zu sein ist immer eine Freude, denn im Gegensatz zu den vor missmutigen, schnarchenden, fluchenden Journalisten abgespielten Wettbewerbsfilmen ist hier die begeisterte, intensive Anteilnahme eines jugendlichen Publikums gewiss. Das feiert ein absolut fesselndes Inuit-Abenteuer am Polarkreis („On the Ice“ – das am Ende den Gläsernen Bären absahnte) ebenso wie einen Film wie „Stadt Land Fluss“, eine sehr ungewöhnliche Verschränkung von Agrar-Doku und Liebesgeschichte im Brandenburger Hinterland: Regisseur Benjamin Cantu pflanzt zwei Schauspieler in ein „echtes“ Setting und sieht zu, was passiert. Grandios. Nach wie vor macht es Spaß, in dieser Sektion auf Entdeckungsreise zu gehen.

Szene Night Fishing
Szene aus „Night Fishing“

Der kühnste Film gewann am Ende aber den Kurzfilmwettbewerb, dessen Jury übrigens die legendäre Fotografin Nan Goldin leitete: „Night Fishing“ aus Korea, auf einem iPhone gedreht, hyperventiliert sich in irren Bildern und traumatisierender Tonspur durch gespenstische Naturszenerien, surreale Musikvideospielereien und buddhistische Totenrituale. Ein wahrlich seltsamer, ungemein faszinierender Trip. Wenn der Hauptwettbewerb auch nur für wenige Momente so verwegen dahergekommen wäre wie dieser 30-Minüter, es hätte ihn schon sehr geziert.




So aber bleibt der Eindruck eines insgesamt erneut eher enttäuschenden Berlinale-Durchgangs, in dem man die Perlen abseits der Hauptwege suchen musste – um sie dort aber auch garantiert zu finden.




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