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Das war meine Berlinale 2013

Plakat 63. Internationale Filmfestspiele BerlinEin paar Tage Pause – und jetzt nochmals zurückdenken. Vielleicht war das eine gar nicht mal so schlechte Strategie, um der einen großen Frage näher zu kommen: Was wird bleiben von dieser Berlinale? Der 63. insgesamt, der zwölften unter Dieter Kosslick. Erste Filme versickern bereits im Dämmer des gnädigen Vergessens, während andere, die zunächst ganz klein schienen, im Rückblick allmählich größer werden. Ich hangele mich mal an ein paar Statements und Thesen entlang, die vor, während oder direkt nach der Berlinale zu hören waren:

1. „DAS WAR DIE OSTEUROPA-BERLINALE!“

Tatsächlich – so stark wie selten war der osteuropäische Film im Wettbewerb der Berlinale vertreten: Fünf von 19 um die Bären konkurrierenden Beiträgen kamen aus dieser Region, und so brauchte nicht einmal prophetische Talente, wer schon zu Beginn darauf tippte, dass eins oder mehrere dieser Werke am Ende ausgezeichnet werden würden.

Preisuebergabe Goldener Baer an den Film Child´s Pose

Photo: Calin Peter Netzer, Ada Solomon (Photo: Richard Hübner (c) Berlinale 2013)

Der Goldene Bär für „Child´s Pose“ aus Rumänien war dennoch eine nicht ganz schlüssige Wahl: Das Drama um eine Oberschichtsmutter aus Bukarest, die ihren (durch einen selbst verschuldeten Autounfall) in die Bredouille geratenen erwachsenen Sohn raushauen will und dafür die alten Korruptionskanäle bemüht, wirft zwar bittere Schlaglichter auf den postkommunistischen Filz, ist engagiert gespielt und rau inszeniert, pendelt aber auch ein wenig unentschlossen zwischen einem Sozialkommentar und dem Psychodrama einer krankhaft besitzergreifenden Mutter. Wie viele Leute sich das später im Kino ansehen werden, bleibt skeptisch abzuwarten. Von Regisseur Cálin Peter Netzer lief letztes Jahr mit „Ehrenmedaille“ übrigens schon mal ein Film in den deutschen Kinos – wie ich finde: der bessere.

Auch nicht unproblematisch sind die beiden Bären für das bosnische Drama „An Episode in the Life of an Iron Picker“. Regisseur Danis Tanovic, der für „No Man´s Land“ den Oscar erhielt, begleitet in diesem 75-Minüter quasi-dokumentarisch ein real existierendes Roma-Ehepaar ein paar Tage lang auf ihrem alltäglichen Pfad der Leiden. Erst wird die externe Arbeit des Mannes (Eisenschrott finden und damit handeln) begleitet, dann die Hausarbeit der Frau. Weil der Fötus in ihrem Leib stirbt, droht ihr eine Blutvergiftung, doch ohne Krankenversicherung weigert sich das nächstgelegene Krankenhaus, sie zu behandeln. Bis dann doch noch alles (halbwegs) gut wird, jagt der Film einmal quer durch Not und Elend: Man kann das auch miserabilistisch nennen.

Preisträger Berlinale 2013

Danis Tanovic (Photo: Ali Ghandtschi (c) Berlinale 2013)

Der Jury um Regie-Legende Wong Kar Wai und die Kollegen Andreas Dresen und Susanne Bier war´s den Spezialpreis wert – und absurderweise auch den Preis für den besten Darsteller. Man bedenke: Protagonist Nazif Mujic ist im Film ganz er selbst, in Episoden, die er so oder ähnlich tatsächlich erlebt hat. Zu „spielen“ oder zu „verkörpern“, das kommt ihm dabei vermutlich gar nicht in den Sinn. Am ehesten ist dieser Preis noch als Mutmacher-Auszeichnung zu verstehen. Den „tatsächlichen“ Darstellern der übrigen Wettbewerbsfilme dürfte diese Laien-Prämierung (die bei der Berlinale allerdings Tradition hat) wohl eher sauer aufstoßen.

Noch eine Auszeichnung für einen osteuropäischen Film gab es für „Harmony Lessons“ aus Kasachstan. Das herbe Schul- und Drogendrama hatte mit seinen sorgfältig auskomponierten Bildern die vielleicht beste Kameraarbeit des Wettbewerbs zu bieten – weswegen die Jury genau jene mit einem Bären belohnte. Die anderen beiden Osteuropa-Filme gingen leer aus, obwohl sie letztlich nicht weniger preiswürdig waren: „In the Name of“ aus Polen beschäftigt sich sensibel und unaufgeregt mit einem schwulen Priester in der masurischen Provinz (der Film bekam am Ende den queeren „Teddy“), und auch das knapp gehaltene Kolchose-Malodram „A Long and Happy Life“ des Russen Boris Khlebnikov wusste zu gefallen.

Szene aus dem Film A long and happy life

Szene "A long and happy life" (c) Berlinale 2013

Sei´s drum – die Osteuropäer haben diesen Jahrgang dominiert, und das, obwohl sie allesamt in der von übermüdeten Filmjournalisten gefürchteten Pressevorführungs-Frühschiene gezeigt wurden und ihre Gala-Premieren ohne Ausnahme am ungeliebten Nachmittag feiern mussten (wo alle Beteiligten noch im hellen Tageslicht den roten Teppich entlangschritten). Der osteuropäische Siegeszug setzte sich auch in anderen Sektionen durch: In der „Generation 14plus“ etwa, der Abteilung für Jugendliche, setzte sich „Baby Blues“ aus Polen durch – die bemerkenswert rotzige Geschichte einer Teenagerschwangerschaft, die fatal endet. Ein Film, der auch im Wettbewerb nicht deplatziert gewesen wäre.

2. „DAS WAR DIE BERLINALE DER STARKEN FRAUEN!“

Es kommt mir zwar so vor, als würde Dieter Kosslick im Grunde jedes Jahr eine „Berlinale der starken Frauen“ ausrufen, doch diesmal bewahrheitete sich diese Ankündigung. Erstens wurden drei von 24 Wettbewerbsfilmen von Frauen gedreht – was im Vergleich mit Cannes und auch manch früherem Berlinale-Jahrgang traurigerweise keine geringe Zahl ist. Außerdem fiel die Überzahl dominanter weiblicher (Haupt-)Rollen auf. Wo sich die Jury bei den männlichen Darstellern nur auf einen Roma-Laien einigen konnte, hatte sie bei den Damen freie Auswahl: Von Melanie Lenz, dem Diätcamp-Mädchen aus Ulrich Seidls fast versöhnlichem Trilogie-Abschluss „Paradies: Hoffnung“ über die ewig verkniffene Nina Hoss in Thomas Arslans Klondike-Western „Gold“ bis hin zu den beiden kanadischen Waldfeen aus „Vic + Flo haben einen Bären gesehen“ (Pierrette Robitaille und Romane Bohringer), von der Südafrikanerin Rayna Campbell in der Unfalltragödie „Layla Fourie“ bis zum koreanischen Model Jung Eunchae in „Nobody’s Daughter Haewon“: Das Angebot war riesig.

Paulina Garcia

Paulina Garcia (Photo: Ali Ghandtschi Berlinale 2013)

Und dann erst noch das französische Diven-Dreigestirn! Doch Isabelle Hupperts grenz-trashiger Auftritt als lesbische Äbtissin im Rivette-Remake „Die Nonne“, Juliette Binoches tränenreiches Exerzitium in der Psychiatrie-Quälerei „Camille Claudel 1915“ und erst recht Catherine Deneuves kettenrauchende Ausreißerin im läppischen Feel-Good-Roadmovie „Elle s’en va“ schieden als mögliche Kandidatinnen sofort aus – weshalb am Ende die schlüssigste Wahl gewann: Paulina García legte als mittelaltes Stehaufweiblein im ansonsten nicht so wahnsinnig originellen chilenischen Selbstfindungsfilm „Gloria“ eine so mitreißende Performance hin, dass ihr auch die letzten Skeptiker zu Füßen lagen.

3. „DAS WAR DIE BERLINALE DES UNABHÄNGIGEN US-KINOS!“

Über die US-amerikanischen Filme im Wettbewerb ist in den letzten zwei Wochen viel geschimpft worden. Erstens natürlich, weil sie nicht besonders gut waren. Zweitens aber auch, weil es sich bei ihnen um keine Premieren handelte. „Promised Land“, Gus van Sants biedere Erdgas-Schnulze mit Matt Damon, läuft in den Staaten schon seit Dezember und spielt in der Awards Season keine Rolle. „The Necessary Death of Charlie Countryman“, eine Krimiposse mit Shia LaBeouf und Evan Rachel Wood, war der meistzerrissene Film auf dem Sundance Film Festival, und spätestens seit der Berlinale wissen wir auch, warum dem so war: Das Filmchen taugt nicht einmal als schnell verdauliche DVD-Premiere.

David Gordon Green

David Gordon Green (Photo: Ali Ghandtschi Berlinale 2013)

Dass sich Kosslick solche C-Ware in den Wettbewerb aufzunehmen traut, bietet Anlass zur Sorge. Aber auch Steven Soderberghs soliden Pharma-Psychothriller „Side Effects“ mit Jude Law und Rooney Mara sowie David Gordon Greens schön neben der Spur entlangschlurfendes (und mit dem Regie-Bären ausgezeichnetes) Buddy-Movie „Prince Avalanche“ hatte die Berlinale nicht exklusiv im Programm – nur konnte sie auf diese beiden Filme wenigstens stolz sein.

Für den schon vorab diagnostizierten „Aufschwung des US-Indie-Kinos“ reicht das allerdings noch nicht aus – um den zu erleben, musste man sich in die Nebensektionen aufmachen. Nur zwei Beispiele: Im „Panorama“ war „Frances Ha“ zu bestaunen, der neue Film von „Greenberg“-Regisseur Noah Baumbach. Greta Gerwig, derzeit ja die Lieblingsblondine aller Kino-Intellektuellen („To Rome With Love“), irrlichtert darin als schlaksige Tänzerin durch ein schwarzweiß gefilmtes New York: Einen herkömmlichen Plot als solchen gibt es nicht, vielmehr handelt es sich dabei um eine Abfolge wunderschöner, oft improvisiert wirkender Sequenzen zum Freuen, Bewundern und nicht zuletzt Fremdschämen. Szene aus dem Film Frances HaÄhnlich plotlos und frei flottierend jedem Drehbuchkorsett entschlüpft erschien mir „I Used to be Darker“ im „Forum“. Der ehemalige Mumblecore-Exponent Matt Porterfield („Putty Hill“) schickt darin ein irisches Mädchen in eine gerade auseinanderbrechende Musikerfamilie in Baltimore: Schon lange habe ich keinen so entspannt und richtungsoffen zwischen Coming-of-Age-Story und Alltagstragödie herumspinnenden Film mehr gesehen, in den noch dazu immer wieder sehr ungezwungen sehr gute Musik diverser Richtungen Eingang findet – als integraler Bestandteil des Arrangements.

4. „DER WETTBEWERB IST SCHLECHT UND DIE DEUTSCHEN FILME SOWIESO!“

Der alljährliche Vorwurf ist schwer abzuwiegeln: Gegen die beiden anderen großen A-Festivals in Europa wird die Berlinale auch in Zukunft kaum ankommen. Die großen Arthouse-Regisseure von Kaurismäki über Almodóvar bis Haneke bevorzugen den ungleich glamouröseren Auftritt an der Croisette von Cannes, die Herbstfilme der Saison paradieren lieber am Lido in Venedig. Das größte Problem ist aber seit acht Jahren die Vorverlegung der Oscars in den Februar. Seit 2004 also fallen potenzielle „Oscar“-Filme fast komplett weg, weil die Verleiher sie (um den Oscar-Regularien zu entsprechen) schon im Vorjahr gestartet haben müssen. Gala-Premieren und prunkvolle Festival-Auftritte (in Venedig und vor allem Toronto) sind, wenn die Berlinale beginnt, längst passé und für den Wettbewerb nicht mehr attraktiv. Noch vor zehn Jahren wäre es wohl nicht passiert, dass ein Film von Quentin Tarantino – wie jetzt „Django Unchained“ – zwei Wochen vor Festivalbeginn in Deutschland angelaufen wäre.

Szene aus dem Film Promised Land

Szene aus "Promised Land"

Also fallen neben den Big Names des Arthouse auch die Großproduktionen aus Hollywood weg – weshalb nur die „Resterampe“ für die Berlinale übrig bleibt. Filme wie „Promised Land“ eben, die nicht im Oscarrennen sind, oder Ausschussware aus Sundance, um wenigstens noch ein paar US-Stars heranzukarren. Das endet dann wie diesmal mit Shia LaBeouf: Der wollte das „Charlie Countryman“-Desaster nicht promoten und pöbelte später am Flughafen Tegel herum, weil seine Maschine Verspätung hatte und er während der Wartezeit von Autogrammjägern behelligt wurde. Glamour geht anders.

Allerdings: Seit letztem Jahr scheint es, als habe Dieter Kosslick, der sein Heil jahrelang in bleiernen Themenfilmen und europäischer B-Ware suchte, das Ruder der Programmfindung ein wenig herumreißen können, um so noch das Beste aus der Terminfalle zu machen.

Szene aus dem Film Camille Claudel 1915

Szene aus "Camille Claudel 1915"

Da lud er plötzlich noch nicht ganz so publikumsträchtige, aber von Cineasten gefeierte Festival-Darlings wie Brillante Mendoza, Ursula Meier und Miguel Gomes in den Wettbewerb ein, und auch dieses Jahr zierten Venedig- und Cannes-Regulars wie Ulrich Seidl, Bruno Dumont oder Hong Sangsoo die Bärenkonkurrenz: Auch wenn etwa Dumonts „Camille Claudel 1915“ nicht zu den stärksten Werken des Regisseurs zu zählen ist, muss nun definitiv nicht mehr, wie noch vor zwei Jahren, über ein weitgehend ödes „No Name“-Line-Up gemosert werden.

Das deutsche Kino, von Kosslick eigentlich seit Jahren gepusht, kam diesmal tatsächlich nicht gut an. Thomas Arslan vertrat die „Berliner Schule“, konnte aber nicht so begeistern wie letztes Jahr Christian Petzold mit seiner „Barbara“: Die artifiziell gespielte und betont karg inszeniert Westernreise durch den rauen Nordwesten Kanadas anno 1898 wirkte speziell auf internationale Beobachter offenbar einschläfernd. Mir persönlich gefiel der Film (mit – vor allem schauspielerischen – Abstrichen) ziemlich gut, aber dass er im Bärenrennen chancenlos bleiben würde, war schnell klar. Was aber zum Beispiel „Spiegel Online“ dazu motivierte, gleich mehrfach auf Arslans Film einzuprügeln und zu diesem Zweck auch unwahre Tatsachenbehauptungen unters Volk zu streuen (das Publikum habe sich aufgrund unfreiwilliger Komik „gebogen vor Lachen“ – eine dreiste Lüge), das bleibt ein Rätsel. Auch der zweite (teil-)deutsche Film, „Layla Fourie“ von Pia Marais, stieß auf wenig Resonanz: Die Story einer schwarzen Südafrikanerin, die mit Lügendetektoren arbeitet, sich dann aber selbst in Schuld und Liebe verstrickt, hatte zu wenig dramaturgischen Drive, um nachhaltig zu begeistern. Immerhin: Die Jury sprach eine „lobende Erwähnung“ aus.

5. „GENERATION IST DIE VERLÄSSLICHSTE BERLINALE-SEKTION!“

Das predigen diejenigen, die nicht nur den Wettbewerb beobachten, seit Jahren, und sie haben natürlich Recht: Was die Sektionsleiterin Maryanne Redpath da jedes Jahr aufs Neue an entlegenen und gegensätzlichen Geschichten zusammensucht, ist nachhaltig aufregend. Diesmal holte sie beispielsweise den türkischen Regisseur Reha Erdem mit der bildstarken Kriegsparabel „Jîn“ ins Programm der Jugendabteilung „14plus“ – der Mann lief mit seinen durchaus schwierigen, experimentierlustigen Werken bislang im Forum. Und auch die „Kplus“-Kindersektion bietet seit Jahren weit mehr als übliche Knirpsbespaßung. Die herkömmlichen Buchverfilmungen des „Potter“-Zeitalters könnten hier ferner kaum liegen – stattdessen setzt es fantasievoll umgesetzte Problemstoffe aus aller Welt und aus zahlreichen Kulturen.

Szene aus dem Film The Rocket

Szene aus "The Rocket" (c) Berlinale 2013

Von den meisten dieser Werke wird in den deutschen Kinos später wohl nie mehr die Rede sein, weil sie nicht ins Nummer-Sicher-Konzept der Verleiher passen; aber einem Meisterwerk wie „The Rocket“ wäre nichts sehnlicher zu wünschen: Da marschiert ein von der Familie ungeliebter Halbwaise durch den laotischen Dschungel, um am Ende bei einem Raketenwettbewerb zu triumphieren. Wuchtige Emotionen ohne jeden Kitsch, Abenteuerkino ohne übliche Effekte: Die australische Produktion ist ganz großes, sehr intelligentes und beglückend aufrichtiges Kino. Bezeichnend: Der Film gewann nicht nur den „Gläsernen Bären“ als bester „Kinderfilm“ (was auch immer das sein mag), sondern auch – sektionsübergreifend – den Silbernen Bären als bester Debütfilm. Zum wiederholten Mal ging dieser Preis also an einen Beitrag aus der „Generations“-Sektion. Wundern tut’s mich nicht.

6. „SO VIELE SEX-FILME HIER!“

Am Anfang dachte man noch, das ist die übliche Werberhetorik: Sex! Lust! Nackte Haut! Das alles sollte es auf dieser Berlinale in unüblicher Häufung zu sehen geben. Schnell aber erwies sich diese Ankündung als wahr: In „Don Jon’s Addiction“ bewältigt „Looper“-Star Joseph Gordon-Levitt seine Porno-Sucht, in „Lovelace“ spielt „Misérables“-Sternchen Amanda Seyfried das bedauernswerte Sexfilm-Opfer Linda Lovelace aus „Deep Throat“, Isabella Rossellini lässt ihren „Green Pornos“ über das Paarungsverhalten von Insekten mit „Mammas“ neue Kurzfilme über die Gebärsituation diverser Tiere folgen, und Underground-Ikone Beth B zeigte in ihrer Doku „Exposed“ Burlesque-Performances in bizarren Bildern, die zu vergessen mir jetzt (leider) wohl nicht vergönnt ist.

Szene aus dem Film Exposed

Szene aus "Exposed" (Photo: Andre Whyland)

Dann war da natürlich noch James Franco. Dem manisch umtriebigen Pendler zwischen Traumfabrik und Avantgarde konnte man auf dieser Berlinale kaum entkommen: In „Maladies“ spielt er einen sexuell ungefestigten Schauspieler, in „Interior. Leather Bar“ beschäftigt er sich mit den einst geschnittenen Szenen aus dem Al-Pacino-Schwulenfilmreißer „Cruising“, in „Lovelace“ ist er als Playboy-Gründer Hugh Hefner dabei, und nebenbei eröffnete er in Friedrichshain noch eine Ausstellung mit Gemälden unter dem Titel „Gay Town“. Viel Wirbel also, bevor er dann im März mit Sam Raimis „Oz“ wieder Mainstream-Kino macht. Was aber blieb von dem ganzen Sex-Gedöns? Nicht viel. Die meisten der erwähnten Filme waren kaum der Rede wert: Kino-Koitus interruptus.

7. „DIE BERLINALE FRANST ZU SEHR AUS!“

Auf 14 Sektionen mit über 400 Filmen ist die Berlinale unter Dieter Kosslick inzwischen angewachsen. Selbst wer zehn Tage lang unermüdlich von Kino zu Kino (zwischen Potsdamer Platz, Wilmersdorf und Prenzlauer Berg sind die Säle quasi in der ganzen Stadt verteilt) hetzt, wird kaum mehr als ein Zehntel des Angebots sichten können: Ein Eindruck vom Festival muss so notgedrungen fragmentarisch bleiben und positiv oder negativ ausfallen, je nachdem welche Auswahl man getroffen hat. Von ausländischen Journalisten wird dies seit Jahren kritisiert: Man ersäuft eben fast im Angebot.

Szene aus The Best Offer

Geofrey Rush in "The Best Offer"

Nehmen wir mal die „Special“-Reihe als Beispiel: Die ist seit Jahren unterdefiniert und eine Art Gemischtwarenladen für Deutschland-Premieren von Großproduktionen (dieses Jahr: „Les Misérables“), die für den Wettbewerb nicht zulässig waren, Nebenwerke berühmter Regisseure (diesmal: Ken Loach, Michael Winterbottom), thematisch interessanter Dokumentationen und Mainstream-Filme der sonst nirgendwo hinsortierbaren Art (diesmal der durchaus sehr ansehbare Antiquitätenhändlerkrimi „The Best Offer“ von Giuseppe Tornatore). Die Schnittmenge zu den berüchtigten Wettbewerbsfilmen „außer Konkurrenz“ (darunter der Eröffnungsfilm „The Grandmaster“, aber auch Richard Linklaters „Before Midnight“) ist kaum zu erkennen. Wo will man da anfangen? Was davon ist wichtig, wenn es schon keine Bären-Relevanz hat?

Sinn ergeben diese Sektionen womöglich nur dann, wenn man sich ihnen von Anfang an schwerpunktmäßig widmet: dem „kulinarischen Kino“ etwa, den „Berlinale Shorts“ oder dem „Forum Expanded“, das mit Museumskontexten spielt und entsprechend in die Stadt ausgreift. Wer versucht, in all diese Reihen bloß hineinzuschnuppern, wird kaum schlauer. Manch einer aber, weiß ich, treibt sich seit Jahren nur noch auf dem „Talent Campus“ herum, wo Filmprofis mit dem Nachwuchs Workshops veranstalten, aber auch zahlreiche öffentlich zugängliche Diskussionsveranstaltungen das Filmbiz erhellen.

8. „MAN KANN DIE BERLINALE BESTENS OHNE NEUE FILME ABSOLVIEREN!“

Und wie! Zur alljährlich umfangreichen Retrospektive und zur „Hommage“ (diesmal an den Ehrenbärpreisträger und „Shoah“-Dokumentaristen Claude Lanzmann, dessen Werk nahezu vollständig gezeigt wurde) kamen in diesem Jahr sogar noch mehr Sektionen hinzu: „Native“ bot eine reizvolle Überblicksschau älterer bis neuerer Filme, die von indigenen Filmemachern (Aborigines, Maori, amerikanische Ureinwohner, Eskimos etc.) aus eigener Perspektive gedreht wurden, und die „Berlinale Classics“ gewährten frisch restaurierten Klassikern eine große Bühne – zum Beispiel gab es den legendären deutschen Stummfilm „Der Student von Prag“ von 1913 in der Berliner Volksbühne zu sehen.

Die Retrospektive selbst widmete sich diesmal dem sogenannten „Weimar Touch“ – Filmen also, die den Geist des Weltrang genießenden deutschen Zwischenkriegskinos der 20er und frühen 30er Jahre weitertrugen. Der Schwerpunkt lag zwar auf Hollywood-Filmen, die von deutschen Emigranten wie Fritz Lang gedreht oder geschrieben wurden, aber auch das Fortwirken des Weimarer Filmgeistes in anderen europäischen Ländern oder gar im späteren Nazi-Unterhaltungsfilm wurde dabei berücksichtigt.

Szene aus "Le Golem"

Szene aus "Le Golem"

Perlensucher, die momentweise Urlaub vom Hauptprogramm des Festivals machen wollten, konnten Raritäten en masse finden (etwa ein faszinierendes französisches „Golem“-Remake von Julien Duvivier). Getrübt wurde die Freude nur dadurch, dass zu viele oft gesehene Klassiker wie „Casablanca“ oder „Sein oder Nichtsein“ die Programmplätze besetzten, und auch dadurch, dass kein Katalog publiziert werden konnte – aus Geldgründen. Und das im Jubiläumsjahr der Deutschen Kinemathek!

Es stimmt jedenfalls: Wer sich auf Retro, Hommage, indigenes Kino, Klassiker oder auf die Mini-Retrospektive zum japanischen Regisseur Keisuke Kinoshita im „Forum“-Programm kaprizierte, der hatte für die ganzen Neuheiten im Programm eigentlich schon gar keine Zeit mehr! In diesem Punkt ist die Berlinale weltweit sicher einmalig.

9. „DIE BERLINALE IST NICHT BRISANT!“

Die Höhepunkte hätten gefehlt, hieß es oft. Es hätte keine Aufreger gegeben, nichts, wovon man in Jahren noch raunend sprechen würde. Mag sein. Von den als „Skandal“-Regisseure verschrienen Ulrich Seidl und Bruno Dumont zum Beispiel war Spannendes erwartet worden, doch ihre Filme im Wettbewerb blieben – für ihre Verhältnisse – eher zahm. Auch die vom Thema her heftig religionskritischen Werke „In the Name of“ und „Die Nonne“ waren inszenatorisch nicht darauf angelegt, priesterliche Augenbrauen zu heben: Skandale lagen beiden Filmen fern. Grund zur Aufregung gab es dennoch. Ein Beispiel: die Doku „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer, die am Ende auch den „Panorama“-Publikumspreis erhielt.

Szene aus dem Film The Act of Killing

Szene aus "The Act of Killing" (c) Berlinale 2013

Sie war der schockierendste Film des Festivals. Darin begleitet der Regisseur drei Massenmörder aus den indonesischen Todesschwadronen der 1960er Jahre, wie sie – heute, im Seniorenalter – ihre Mordtaten von einst in einer Art Re-Enactment nachinszenieren. Auch wenn der Film stets auf dem schmalen Grat der Kumpanei mit dem Bösen balanciert, geht das waghalsige Experiment auf: Wenigstens einem der Täter kommt am Ende zweier strapaziöser Stunden buchstäblich das Kotzen.

Auch Jafar Panahi war wieder Thema dieser Berlinale: Vor zwei Jahren hielt man dem iranischen Regisseur, der seit 2010 unter Hausarrest steht und mit Berufsverbot belegt ist, demonstrativ einen Jury-Stuhl frei, diesmal hatte er einen unter klandestinen Bedingungen gedrehten Film in den Wettbewerb geschmuggelt. „Closed Curtain“ ist großartig, ein auf verschiedenen Meta-Ebenen selbstreferenziell ablaufendes Räsonieren über Gefangenschaft, innere Freiheit und Depression, aber auf den Goldenen Bären verzichtete die Jury bekanntlich: Zu sehr hätten neue Auslandsmeriten den Regisseur (und die anderen Mitarbeiter des Films) in seiner Heimat wohl gefährdet.

Szene aus dem Film Closed Curtain

Szene aus "Pardé - Closed Curtain" (c) Berlinale 2013

Man begnügte sich also mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Zwei Tage nach der Berlinale meldete sich das Mullah-Regime trotzdem zu Wort. Ahmadinedschads Filmbeauftragter nannte den Film und dessen konspirativen Vertrieb „illegal“, rügte das Festival und sprach von Konsequenzen. Es bleibt zu hoffen, dass es sich bei dieser verbalen Pöbelei um bloße Empörungsrhetorik handelte. Auf jeden Fall gibt es Grund zur Überzeugung, dass Kosslick in dieser Sache nicht nachlassen wird: Ein Traum wäre es, wenn Panahi, der für „Offside“ einst den Silbernen Bären erhielt, eines tages wieder zur Berlinale reisen dürfte. Ob als Wettbewerbsteilnehmer, Jury-Mitglied oder Talent-Campus-Mentor: Das Festival hat Raum genug für ihn.



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