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Das 23. Internationale Filmfest in Oldenburg 2016

Filmfest_Oldenburg_2016_LogoFünf Tage war Oldenburg wieder einmal das „wilde Zentrum“ des internationalen Independent Kinos. Mit einem Filmfest, das seinem Ruf als eines der „Top 25 der coolsten Festivals Europas“ (Moviemaker Magazine) einmal mehr als gerecht wurde. Mein Besuch in der schönen Stadt an der Hunte liegt zwar schon drei Tage zurück, doch die Eindrücke sind noch frisch. Und bevor sie anfangen zu verblassen, will ich an dieser Stelle diese, meine persönlichen Eindrücke in ein paar Worte kleiden. Das 23. Filmfest (mein sechster Besuch in Oldenburg) begann für mich aus organisatorischen Gründen erst am Freitagmorgen. Also am dritten Festivaltag. So habe ich (leider?) sowohl den Eröffnungsfilm „Strawberry Bubblegums“ von Benjamin Teeske am Mittwochabend als auch den ersten Festivaltag mit den angeblich sehr sehenswerten Filmen wie „From Nowhere“ von Matthew Newton, Ana Christina Barragáns Kinder-/Jugendportrait „Alba“ aus Mexiko oder die Weltpremiere zu Andreas Schaaps Thriller „Das letzte Abteil“ verpasst. Wer mehr über diese Filme und die ersten Tage erfahren will, dem empfehle ich den sehr sehenswerten Festivalkanal bei den Kollegen von FilmFestSpezial.

Zu meinen Eindrücken: Damit berichterstattende Journalisten über möglichst viele Filme berichten können (wie soll man sonst 45 Filme in vier Tagen schaffen?) gibt es auf einem Filmfest, na klar, auch Pressevorführungen. Diese beginnen auf anderen Festivals oft sehr früh, starten aber in Oldenburg journalistenfreundlich erst um 10:00 bzw. 13:00 Uhr. So begann mein Tag mit einer Vorführung von „Some Beasts“ von Cameron Bruce Nelson, einer internationalen Premiere in der „Independent Reihe“. Szene_some_beastsVielleicht war dies der perfekte Einstieg, denn das Spielfilmdebüt erzählt eine Geschichte um einen Aussteiger in den Appalachen, in den bewaldeten Mittelgebirgen im Osten Nordamerikas. Die Geschichte von Sal (Frank Mosely) wird in einer wunderbaren Langsamkeit dargeboten, die rasch den Puls senkt, sie entwirft dabei Momente von Mensch und Natur, die in ihrer Intensität an die Filme von Kelly Reichardt („Old Joy“, „Wendy and Lucy„) oder mit viel Wohlwollen auch an die Filme von Terrence Malick oder Debra Grenik („Winter´s Bone„) erinnern. Die Hauptfigur Sal in „Some Beasts“ hat jedoch nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, mit den abwechslungsreichen Witterungsbedingungen in den Wäldern Nordamerikas zu kämpfen sondern mit einer On-/Off-Beziehung, einem einsamen Jungen und dem Tod eines seltsamen alten Mannes, der ein Nachbar war. Sehenswert.

Weiter ging´s mit „Night Song“, einer internationalen Premiere aus der „International Reihe“. Der franko-kanadische Film von Raphael Nadjari porträtiert eine ebenso musisch engagierte wie künstlerisch begabte Familie in Montreal, Kanada. Szene_night_songIm Mittelpunkt der Erzählung steht die Sopranistin Hannah (Geraldine Pailhas), die zusammen mit ihrem Ehemann Daniel, einem Pianisten, der ihre Leidenschaft für musikalische Schätze teilt, einen Chor namens „Les Cantiques“ leitet. Das Ehepaar und ihr gemeinsamer Sohn, ein talentierter Geiger, führen ein bescheidenes Leben und versuchen verzweifelt, den Chor und die unterbewertete Kunstform, religiöse Schätze aus den Musikarchiven neu zu vertonen, am Leben zu erhalten. Von den gut gespielten Charakteren und deren Problemen untereinander hätte ich gern mehr erfahren, Regisseur Nadjari allerdings stellt immer wieder die Proben und das Aufstöbern der alten Musikstücke in den Vordergrund, wodurch der Film fahrig und unentschlossen wirkte.

Gedankenwechsel. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Akribie und Überzeugungskraft Festivalleiter Thorsten Neumann jedes Jahr hervorragende Darsteller und Regisseure nach Oldenburg lotst, um sie (auch) mit einer Retrospektive zu ehren. So darf sich der Festivalbesucher in den meisten Fällen nicht nur auf ausgesuchte Filmperlen freuen, dessen DarstellerInnen und/oder RegisseurInnen den Weg in die „Provinz“ nach Oldenburg antreten, sondern auch auf zahlreiche Anekdoten und Geschichten, die dann vor und/oder nach der Vorführung erzählt werden. In diesem Jahr wurde unter anderen Hollywood-Star Nicolas Cage geehrt. Verständlich, dass bei einem Mega-Star (der derzeit auch in einer kleinen Rolle in Oliver Stones „Snowden“ zu sehen ist) dieses Kalibers die Presse verrückt spielt. Und nachdem Herr Cage dann von Mikrophon zu Mikrophon geeilt war, seinen eigenen Stern auf dem Oldenburger „Walk of Fame“ erhalten hatte, konnten/durften zahlreiche Cage-Fans ihr Idol in den Vorführungen zu beispielsweise „Leaving Las Vegas“ oder „Wild at Heart“ live bewundern. Vorausgesetzt, man hatte sich rechtzeitig um Karten bemüht.

Nach der Vorführung des französischen Porträts über die Musiker-Familie im schönen Cine k in der Kulturetage, ging es in das immer wieder empfehlenswerte Casablanca-Kino. Als Portugal- und Brasilien-Fan wollte ich mir die Vorführung von „Jules and Dolores“ nicht entgehen lassen. Szene_julesanddoloresEine brasilianische Komödie, die auf einer wahren Begebenheit basiert und vom Raub des WM-Pokals in Rio aus dem Jahr 1983 erzählt. Holá! Die Vorführung im portugiesischen Originalton mit englischem Untertitel hatte zahlreiche Oldenburger Filmfans und auch mich nicht abgeschreckt. Im ausverkauften Saal des Cablanca freuten sich wohl alle auf ein „cineastisches Feuerwerk“, wie es im Programmheft angekündigt war. Sie bekamen allerdings eine alberne Chaoskomödie serviert, die von zwei grenzdebilen Kleinganoven und einer taffen Komplizin erzählt. Im Zeitkolorit der 80er und mit flottem Erzähltakt stellt Regisseur Caito Ortiz seine beiden Figuren Peralta (Paulo Tiefenthaler) und Borracha (Tais Araújo) von Beginn bloß, gibt sie der Lächerlichkeit preis, und aus Sympathie wird im Laufe der kurzen 91 Minuten sehr schnell Fremdschämen. Also keine Empfehlung für diese brasilianische Klamotte (einer Europapremiere übrigens).

Ganz anders die Vorführung am Samstag zu „One Week and a Day“ im Theater hof/19. Obwohl der Film aus Israel von der Trauerarbeit eines Familienvaters erzählt, strömten zahlreiche Filmfans am Abend in das kleine Theater in Steinwurf-Nähe der Kulturetage. Szene_oneweekandadayVielleicht hatten einige von ihnen etwas ähnliches wie die unterhaltsame Ensemble-Komödie „Am Ende ein Fest“ („Mita Tova“) von Tal Granit (2015) erwartet, denn wenn ja, dann war bekannt, wie leichtfüßig und unterhaltsam israelische Künstler mit dem Thema „Tod“ umgehen können. So auch Regisseur Asaph Polonsky, der den Vater (persönlich in Oldenburg anwesend: Shai Avivi) eines 25-jährigen Sohnes an die Hand nimmt, um mit ihm und mithilfe von Restbeständen an pharmazeutischem Marihuana, das Leid, das Leben und vor allem die Freundschaft zum Stoner-Sohn der Nachbarn zu feiern. Tief berührend, verständlich und äußerst unterhaltsam. Eine israelische Komödie, die zur Zeit auf diversen Festivals zu sehen ist und zahlreiche Publikums-Preise abräumt. Völlig zu Recht!

Zwei sehr abwechslungsreiche Festival-Tage wurden am späteren Abend mit dem Familiendrama „Die Hände meiner Mutter“ komplettiert. Szene_DIE_HAENDE_MEINER_MUTTERZum einen hatte ich mir den Film von Florian Eichinger ausgesucht, weil ein Kollege nur Lobendes über das zweifach ausgezeichnete Familien-Drama (nach der Vorführung in München) zu berichten hatte, zum anderen sollte meine cineastische Reise mit Ausflügen nach Nordamerika („Some Beasts“), Kanada („Night Song“), Brasilien („Jules and Dolores“) und Israel („One Week and a Day“) im besten Fall wieder in der „Heimat“, also in Deutschland, enden. Und Jessica Schwarz und Andreas Döhler aus „Die Hände meiner Mutter“ sollten mir bei meiner Ankunft helfen. Wie bewegend diese Ankunft war, das hatte ich mir allerdings nicht ausmalen können.

Zahlreiche Teammitglieder (Ausstattung, Kamera, Produktion, Regie, etc..) aus der Filmmannschaft von „Die Hände meiner Mutter“ hatten sich nach der Vorfühung den zahlreichen Fragen aus dem Oldenburger Publikum gestellt. Das war auch bitter nötig, denn dieser dritte Teil einer thematischen Trilogie über Gewalt in der Familie von Florian Eichinger erzählt von den Auswirkungen von sexuellem Kindesmissbrauch. Und zwar kapitelweise. Letztere sind jeweils mit den Namen aller im Fall Beteiligten überschrieben, inklusive zahlreicher Perspektivwechsel. Ein sinvoller Schritt. Denn dieser Herangehensweise, den überzeugenden Darstellern sowie der herausragenden Regie von Eichinger ist es zu verdanken, dass die Charaktere niemals bloßgestellt oder reißerisch verurteilt werden. Zu keiner Sekunde kippt das Drama in einen zähen Betroffenheitsmodus oder verfällt in eine simple schwarz/weiß-Abrechnung. „Die Hände meiner Mutter“ umreißt beinahe nüchtern eine Tat, die in den meisten Fällen im Verborgenen bleibt und im großen Licht des Kinos bei sämtlichen Vorführungen unbedingt feinfühlig begleitet werden sollte. Gut, dass auch ich an diesem Abend nicht allein war. Danke dir, Sonja!

 

Preistraeger_Oldenburg_2016_awards030Ach so, und wer hat gewonnen? Der Hauptpreis, der German Independence Award für den besten Film in der Independent-Reihe des 23. Filmfests ging an eine türkische Produktion, an Emre Konuks intensives Paranoia-Drama „The Apprentice„.

Eine lobende Erwähnung fand das Advisory Board des Filmfest Oldenburg zudem für das Schauspieler-Ensemble des israelischen Films „One Week in a Day“ für die fein austarierten Gefühle und darstellerischen Bandbreite des Ensembles, das die Festivalbesucher zu Tränen rührte. Der Preis nahm Hauptdarsteller Shai Avivi (ganz rechts im Bild) im Namen des Ensembles entgegen.

 

 

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