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Das 21. Internationale Filmfest Oldenburg – Tag 4

Filmfest_OL_2014_DonutUnd weil es so schön war … startete auch mein vierter und letzter Tag auf dem 21. Internationalen Filmfest im wunderbaren Café/Bar/Restaurant „Der Schwan“ am Hafen in Oldenburg. Bei wieder einmal strahlendem Sonnenschein. An diesem September-Sonntag hatte ich meine Enttäuschung darüber, dass ich keine Karte für den deutschen Festivalbeitrag „Der Samurai“ von Till Kleinert bekommen konnte, mit einem leckeren Milchcafé weggespült. Eine gute Entscheidung, wie mir später ein Kollege verriet. Noch mehr Glück sollte ich mit meiner Wahl der letzten Filmvorführungen aus dem Festival-Programm haben. Dazu jetzt hier im einzelnen mehr.

Nach ein wenig Schreibarbeit für das Stadtmagazin, eröffnete ein Beitrag aus der Schiene „Midnite Xpress“ (!) meinen letzten Festivaltag. „Time Lapse“ von Bradley King ist ein so genanntes „Mindfuck-Movie„. Ein Nach- und Mitdenk-Krimi-Thriller, der an diesem Sonntagnachmittag nicht nur meine volle Aufmerksamkeit verlangte. Zwei Freunde und dessen Freundin, die zusammen eine Wohngemeinschaft bewohnen, entdecken in der gegenüberliegenden Wohnung des verstorbenen Nachbarn eine mysteriöse Maschine. Diese, das wird schnell ersichtlich, spuckt alle 24 Stunden ein Polaroid-Foto aus. Da die Maschine auf das Wohnzimmer-Fenster der WG gerichtet ist, sind Handlungen der Mitbewohner auf den Fotos zu sehen. Und zur Verwunderung aller geht es um Handlungen, die erst in der Zukunft stattfinden werden. Als Jasper (George Finn) beginnt, diese Eigenschaft bei seinen Hundewetten in bare Münze umzuwandeln, zieht er seine Freunde Finn (Matt O´Leary) und Callie (Danielle Panabaker) in ein tödliches Spiel, aus dem es schon bald kein Entrinnen mehr gibt.

Szene_Time_lapseTime Lapse“ ist ein Spielfilmdebüt, das die Frage nach dem „Was wäre wenn?“ stellt. Dank der drei jungen und überzeugenden Darsteller, glaubhafter Dialoge und Charaktere sowie einer wirklich packenden Geschichte gehört dieser wendungsreiche, kleine Independent-Thriller absolut in die Kategorie „Keep in mind„. Ein Debüt, das auch im Programm des Fantasy Filmfestes 2014 auftauchte und dort für Begeisterung sorgte. Für mich die perfekte Eröffnung dieses letzten Festivaltages.

Den Kopf noch ganz auf Temperatur ging es nach Frankreich in ein französisches Eifersuchtsdrama. Philippe Garrel setzte mit „Jealousy“ die Beziehungs-Geschichte(n) seines leiblichen Vaters in bedrückend jedoch auch zaghaft kombinierte s/w-Bilder um. Garrel erzählt die Geschichte eines erfolglosen Schauspielers, einer schönen Frau, ihres gemeinsamen Sohnes und – wie der Titel vermuten lässt – einer Eifersucht. Trotz der schönen Bilder ließ mich dieses französische Drama kalt. Bei „La Jalousie„, wie der Film im franz. Original heißt, fehlte mir der Schwerpunkt, der klare Fokus. Die Handlung verliert sich allzu zu oft in thematisch nicht verwandten Nebenschauplätzen. Nach der Eröffnung, dem ersten Erzählstrang mit der Ehefrau, geht es plötzlich um den Sohn und später um den Schauspieler, sprich den Vater von Garrell selbst. Auch vor dem Hintergrund der eigenen privaten Erlebnisse aus letzter Zeit, musste ich die Vorführung noch vor dem Abspann verlassen. Noch weit vor Ablauf der nur 77 Minuten Spielzeit von „Jealousy„.

Oldenburg_Gewinner_2014Zeit genug, um sich auf den letzten Film des Festivals und über den Publikumspreis-Gewinner „Hany“ (siehe dritter Tag) zu freuen. Das Debüt aus Tschechien begeisterte also auch das wie immer fachkundige Publikum in Oldenburg. Klasse. Ein Abstimmungs-Ergebnis, das Festivalleiter Torsten Neumann dem sympathischen Tschechen Michal Samir sicherlich gerne mitgeteilt haben dürfte.

Komme ich (last but not least) zu meinem letzten Film. In „Wolf“ von Jim Taihuttu folgt die Kamera über volle zwei Stunden einem Kickboxer namens Majid. Das Kind marokkanischer Einwanderer, ein Rebell mit unzähmbaren Temperament, wächst in einer anonymen Vorstadtsiedlung einer mittelgroßen Stadt in den Niederlanden auf. Frisch aus der Haft entlassen, versucht der „Wolf“, wie er von seinen Freunden genannt wird, das Leben auf seine Art zu meistern: Mit einem Job in einer Lagerhalle und kleinen Raubüberfällen nach Feierabend. Als ein Kickboxtrainer jedoch Majids sportliches Talent entdeckt, eröffnet sich eine neue Welt, die nicht nur Ruhm und Ehre für den Lebenskünstler bereithält.

Szene_WolfWow, eine packende Mileu-Studie aus den Niederlanden. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich überhaupt jemals einen derartig andersartigen Film aus unserem Nachbarland gesehen habe. Zwar laufen nicht alle Handlungsstränge zusammen und auch das Tempo stimmt nicht an allen Ecken und Enden, aber nicht nur Hauptdarsteller Marwan Kenzari, auch insgesamt überzeugte diese wunderbare Hommage an alte Genre-Klassiker (wie „Raging Bull“ und Co.). Vor allem durch ein sicheres Händchen des Autors und Regisseurs Taihuttu in punkto Timing, Charakterzeichnung, Abstimmung und Musikauswahl. Dabei ist es erst der zweite Film von ihm. Klasse.

Nach den Vorstadtstraßen in den Niederlanden ging es direkt auf die Hauptstrasse von Oldenburg. Auf dem Heimweg nach Münster konnte ich die zahlreichen Eindrücke der insgesamt 14 Filme in den letzten vier Tagen genüsslich verarbeiten und noch einmal in aller Ruhe vorüber ziehen lassen.

Ich finde, dass die Verantwortlichen um Festivalleiter Torsten Neumann auch mit dem 21. Jahrgang wieder einmal ein abwechslungsreiches Paket geschnürt haben, in dem für jeden Filmfan etwas dabei gewesen sein dürfte. Ich werde mir Zuhause sicherlich noch den ein oder anderen Film von Philippe Mora anschauen und vor allem gespannt auf die Kinostarts von „White Bird in a Blizzard“, „Hany“ sowie von „Breathe“ warten. Filme junger, unabhängiger Filmemacher, die in Oldenburg eine passende Plattform fanden und hoffentlich auch im nächsten Jahr wieder finden werden. Wir Cineasten werden es Ihnen danken. Versprochen.

Meinen Bericht von Tag 1 | Tag 2 | Tag 3 in Oldenburg.



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