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Das 21. Internationale Filmfest Oldenburg – Tag 2

Filmfest_OL_2014_DonutFünf Filme aus dem Programm und drei Texte für´s Stadtmagazin an Tag 2 in Oldenburg. Da blieb keine Zeit mehr, nach den jeweiligen Vorführungen meine frischen Eindrücke in Wort und Schrift auf diesem Blog zu hinterlassen. Jetzt haben sich die Eindrücke jedoch verfestigt, auch ein wenig verformt, die passende Gelegenheit also, einige Filme des 21. Internationalen Filmfestivals von Oldenburg an dieser Stelle nachzureichen.

Der zweite Tag begann mit einem ausgiebigen Frühstück im wunderbaren „Der Schwan“ im Hafen von Oldenburg. Sehr zu empfehlen übrigens. Besonders bei strahlendem Sonnenschein. Nach einer großen Tasse Milchkaffee folgte eine Pressevorführung zu Philippe Moras Dokumentation „German Sons„. Mein erster Film aus dem umfangreichen Oeuvre eines kaum bekannten, unterschätzten australischen Filmemachers, der mich in Oldenburg noch überraschen sollte. Aber dazu später mehr. Sein sehr persönlicher Film „German Sons“ ist weitaus näher an einem privaten Videoblog als an einer distanzierten, journalistischen Aufbereitung. Zusammen mit seinem befreundeten deutschen Musiker Harald Grosskopf begibt sich der Australier auf die Suche nach seiner deutschen Vergangenheit. Mora, der 1949 als Sohn eines deutschen Juden und Kämpfers in der franz. Resistance sowie einer französischen Malerin geboren wurde, nähert sich den Ereignissen jener Zeit anhand zahlreicher Photos, Filmaufnahmen und Videokonferenzen – zusammen im Gespräch mit seinem Freund Harald.

Photo (c) Presse Filmfest Oldenburg 2014

Photo (c) Presse Filmfest Oldenburg 2014

Stets mit dem Sony-Camcorder in der Hand, besucht Mora die geschichtsträchtigen Wegpunkte einer jungen deutschen Demokratie, wie zum Beispiel die Straße des 17. Juni, das Brandenburger Tor, Reststücke der Mauer oder den Reichstag. Zahlreiche Gespräche mit einem türkischen Taxifahrer und seinem Freund Harald unterstreichen die subjektive Intention dieser geschichtlichen Reise. Eine Forschungsreise, die in der „Verarbeitung“ anhand zahlreicher Gespräche gipfelt, weil der eine als Sohn eines Wehrmachtssoldaten und der andere als Flüchtlingssohn zwei unterschiedliche Leben im Schatten des dritten Reiches erfuhren und demzufolge anschließend auch führten. Erhellend, packend, eindringlich, ein wichtiges, sehr persönliches Dokument zur Verarbeitung einer jüngeren Vergangenheit durch zwei „German Sons“.

Nach einer kurzen produktiven Auszeit folgte eine weitere Überraschung, Gregg Arakis „White Bird in a Blizzard„, der in Oldenburg in der „Internationalen Reihe“ lief. Wer das Vorgängerwerk des japanischstämmigen Kaliforniers namens „Kaboom“ oder die großartige Teenage-Trilogy, die der Autor im Jahre 1997 mit „Nowhere“ vollendet hat, kennt, der weiß um die Lieblingsthemen des mittlerweile 55-jährigen Filmemachers.

Photo (c) Presse Filmfest Oldenburg 2014

Bild (c) Presse Filmfest Oldenburg 2014

So wunderte es nicht, dass sich auch seine jüngste Arbeit um die Themen Jugend, Erwachsenwerden und Vorstadthölle dreht. In dem mit Eva Green („Casino Royal“), Shailene Woodley („Das Schicksal ist ein mieser Verräter„), Gabourey Sidibe („Precious“) und Thomas Jane („The Punisher“) hervorragend besetzten Familiendrama geht es um die 17-jährige Kat Connor (Woodley), die seit Jahren mitansehen muss, wie die Beziehung ihrer Eltern vor die Hunde geht. Als ihre psychisch labile Mutter (Green) irgendwann wie vom Erdboden verschluckt scheint, beginnt Kat nach anfänglicher Gleichgültigkeit zusammen mit ihren Freunden (u.a. Sidibe), ihrem Freund sowie ihrer Therapeutin längst überfällige Fragen zu stellen. Nicht nur Freunde des melodiösen 80er-Jahr-Rocks (Depeche Mode, Talk Talk) sollten diese packende Mischung aus Coming-of-Age aus den 80ern und Ensemblefilm im Kopf behalten. Ab Oktober/November 2014 (zumindest in den Benelux-Staaten) in den Kinos.

Als kleine erholsame, herunterkühlende Brücke bis zum nächsten Highlight lieferte die Dokumentation „Cartoonists: Foot Soldiers of Democracy“ der Französin Stéphanie Valloatto ein paar erhellende Einblicke in die Arbeit weltweit bekannter Karikaturisten. In angeblich nur 6 Wochen besuchte die Französin aktuelle und ehemalige Stars der Szene wie Jeff Danziger (New York Times), Kurt Westergaard (Mohammad-Karikaturen), Jean „Plantu“ Plantureux (Le Monde) und viele andere. Ihre Dokumentation, die sie in einem Jahr fertig stellte, wie sie selbst in Oldenburg zugab, präsentiert nicht nur die Arbeitsweise der Kreativen, sondern zeigt vor allem den Mut, mit dem die „Fußsoldaten der Demokratie“ immer wieder kleine Nadelstiche gegen die Obrigkeit setzen können, zuletzt gesehen in Dänemark und in Frankreich.

Szene_BreatheDirekt im Anschluss freute ich mich sehr auf das Spielfilmdebüt der französischen Schauspielerin Mèlanie Laurent. Ihr Film „Respire„, der den englischen Verleihtitel „Breathe“ bekam und der in Oldenburg Deutschlandpremiere feierte, stellt (nach Kat Connor in „White Bird …“) eine weitere 17-jährige Schülerin vor: Die strebsame Charlie (von Charlene). Die junge Französin ist in ihrem letzten Schuljahr und genervt von den Streitereien ihrer Eltern. Sie zieht sich gerne zurück und versinkt in ihrer Einsamkeit. Bis ein neues Mädchen in die Klasse kommt; Sarah ist mutig, wild, aufmüpfig und begeisterungsfähig. Eigenschaften, die Charlie nicht von Haus aus mitbringt. Umso aufgeregter ist sie, als die „Neue“ sie fragt, ob sie ihre Freundin sein darf. Aus vielseitigen gemeinsamen Unternehmungen erwachsen bei Charlie Gefühle, die sie nicht steuern kann, während sie bei Sarah nach einer Weile wieder abebben. Charlie zieht sich einmal mehr zurück. So sehr, dass sich ihre junge Mutter und ihre Freunde Sorgen machen. Aber da ist Charlie schon viel weiter … und plant einen Rachefeldzug.

Der Film lief im wunderschönen „Casablanca“ in Oldenburg. Einem Kino, in dem ich mit meiner Filmauswahl bisher stets Glück hatte. So lief beispielsweise vor einigen Jahren auch „Room in Rome“ von Julio Medem in einer Deutschlandpremiere im Casablanca. Ein wenig erinnerte mich „Breathe“ daran, obwohl letzterer mehr in das Genre Drama und Coming-of-Age gehört als zur Romanze. In jedem Fall bleiben die beiden Hauptdarstellerinnen und die intensive Schilderung der zerstörerischen Kraft jugendlicher Leidenschaften haften. Ein Film also, der wieder einmal in den Benelux-Staaten im Novenber anlaufen wird aber noch keinen deutschen Starttermin hat.

Genug von den 17-jährigen Gören sollte mich „The Beast Within“ von Philippe Mora (aus der Retrospektive) in andere Gefühlswelten beamen. Zu früh gefreut, denn Moras zweite Regiearbeit aus dem Jahr 1982, die in Deutschland den Titel „Das Engelsgesicht – Drei Nächte des Grauens“ erhielt, erzählt die Geschichte des 17-jährigen Michael, der als schwer Kranker mit seinen Eltern an den Ort zurückkehrt, an dem er gezeugt wurde… Von einer Kreatur aus einem Moor. Im Festivalheft schreibt mein Freund Sascha dazu treffend: „Nicht nur Michael, dieses Kind eines von Menschen geschaffenen Monsters, trägt die Bestie in sich. Auch die von Hass und Misstrauen erfüllte Südstaaten-Gesellschaft, die Philippe Mora und sein Drehbuchautor Tom Holland mit bemerkenswerter Schärfe porträtieren, gebiert stets Ungeheuer.“ Passender kann ich es nicht formulieren. Ende von Tag 2. Ich bin müde. Und morgen bitte keine 17-Jährigen mehr.

 
Meinen Bericht über die Filme des ersten Tages in Oldenburg findest Du hier …

Meinen Bericht über die Filme des dritten Tages in Oldenburg findest Du hier …

 




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