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Das 17te Internationale Filmfest Oldenburg – Bericht

Paul Gordon

Publikumspreis-Gewinner Paul Gordon (`The Happy Poet`)

Prolog.

Grußworte. Wer liest sie eigentlich noch? In Zeiten, in denen sie per Video-Botschaften auf Leinwände übertragen werden? Seien wir ehrlich, wohl die wenigsten. Dabei können Grußworte bereits im Vorfeld einer Veranstaltung sehr viel über eben jene aussagen. Zumindest über das Klima innerhalb der verantwortlichen Mannschaft oder zuständigen Personen oder eben über das Gewicht einer Veranstaltung. Interessant, was in den Grußwörtern zum Filmfest in Oldenburg zu lesen war. Mit der Frage „Gibt es etwas Neues zu sagen?“ eröffnete beispielsweise Prof. Dr. Gerd Schwandner, Oberbürgermeister der Stadt, augenzwinkernd sein Grußwort zum 17. Internationalen Filmfest in Oldenburg. Zum vierten Mal, so heißt es weiter, schreibe er über das Filmfest. Und – sich in Form einer schriftlichen Drehbuchanweisung („Dramatische Pause“) als Filmfan outend – möchte ausdrücklich betonen, dass er „nicht alljährlich über das gleiche Produkt, sondern über eine ständig neue Generation Filmfest schreibe, die immer ein wenig besser sei als die letzte“. Wenig später fallen die obligatorischen Grußwort-Floskeln „Glücksfall für die Stadt“, „internationaler Werbe- und Imageträger“ und „sinnvoll fördern“.

Wie weit die Politik und vor allem die für die Kultur verantwortlichen Volksvertreter der Region und des Landes in diesen Zeiten vom tatsächlichen kulturellen Geschehen entfernt sind, belegen die nackten Tatsachen. Kurz vor Beginn des Filmfestes sickerte durch, dass eine fest zugesagte fünfstellige finanzielle Förderung in diesem Jahr nicht gezahlt wird. Ein weiterer Rückschlag für die Verantwortlichen um Festivalleiter Torsten Neumann. Ihr Grußwort an die zahlreichen Filmfans im Programmheft eröffneten sie mit den Worten „Liebe Filmfreunde, diesmal geht es ums Ganze!“.

Dabei lief alles so gut an. Der Countdown bis zur Volljährigkeit des Festivals (2011) wurde für die diesjährige Veranstaltung mit zahlreichen Neuerungen befeuert. Die 17. Auflage erhielt insgesamt eine erfrischende Modellpflege: Der wichtige Baustein „Social Networks“ bzw. „Social Media“ hielt beispielsweise in Form einer iPhone-Applikation, einer neuen Homepage, einer Facebook- bzw. Twitter-Seite sowie einer Web-TV-Begleitung auf Youtube Einzug. Zudem konnte das MUBI Online-on-demand Portal als Partner gewonnen werden. Das große Lob gebührt hier Manuel Siebert, dem Verantwortlichen für die Bereiche Homepage und Social Media. Oldenburg war und ist ein Festival, das mit der Zeit geht.

Deborah Unger

Jurypräsidentin D. K. Unger

Und auch in diesem Jahr nahmen mit der US-Schauspielerin Deborah Kara Unger (`The Game`, Bild links), mit dem US-Schauspieler Timothy Bottoms (`Rollercoaster`) sowie dem amerikanischen Regisseur Radley Metzger, dem die Retrospektive gewidmet wurde, zahlreiche namhafte Künstler die Einladung aus Oldenburg an und freuten sich über eine Würdigung ihrer Arbeit. Besonders dem 81jährigen Radley Metzger machte es sichtlich Spaß, jeden seiner sieben gezeigten Filme mit ein paar Einführungsworten vorzustellen, auch wenn es bereits 0:30 Uhr in der Nacht war oder es sich dabei ob der expliziten Handlung nur um eine „Warnung“ handelte („Please notice, this is an explicit movie“). Nicht ohne Grund gilt der Autor und Filmemacher, der sich 1986 aus dem Filmgeschäft zurückzog, als stilvollster Vertreter des erotischen Autorenfilms.

Hauptfilm.

Weitere Steigerungen im Vergleich zum Vorjahr wurden in den Punkten Anzahl der Spielstätten und Anzahl der Besucher erreicht. Über 45 Filme erblickten in vier Tagen auf acht Leinwänden das Licht der Stadt, darunter zahlreiche Deutschland-, Europa- und auch Weltpremieren. Zu den Spielstätten gehörte auch in diesem Jahr wieder einmal die JVA – Jugendvollzugsanstalt Oldenburg, auf deren Leinwand zwei Weltpremieren liefen, Christine Hartmanns „Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen“ und Isabell Kleefelds „Blond bringt nix“. Gerne hätte die Festivalleitung auch Philip Kochs Siegburg-Drama „Picco“ in der JVA gezeigt.

Picco

Filmszene aus `Picco`

Hier erzählt Philip Koch das Foltermord-Drama nach der wahren Begebenheit (2007) in der JVA in Siegburg nach. In einer jeglicher Vorstellungskraft übersteigenden Grausamkeit hatten drei Häftlinge stundenlang einen vierten Mithäftling gefoltert, vergewaltigt und ihn schließlich aufgehängt. Deutschlands Regie-Berserker Uwe Boll hatte sich vor einem Jahr an diesem Stoff versucht und war (wie so oft) auch daran gescheitert. Dem jungen Regisseur Philip Koch standen für seine Verfilmung so herausragende deutsche Schauspieler wie Frederick Lau und Constantin von Jascheroff zur Seite. Alle Darsteller konnten zwar den fast unerträglichen Sadismus und die Brutalität der jugendlichen Gefangenen überzeugend transportieren, sie müssen sich aber dennoch die Frage gefallen lassen, ob sie nicht hier unter dem Deckmantel der „wahren Begebenheit“ eher einem Torture-Porn-Film vom Schlage eines „Saw“ (USA, 2004) oder „Hostel“ (Eli Roth, USA 2005) ihr Gesicht leihen. Von der Frage nach der Verantwortung gegenüber den zahlreichen Opfern oder gar den Freunden und Verwandten ähnlicher Über- oder Vorfälle oder der Frage nach dem unterhaltenden Anspruch des Mediums Film gegenüber ganz zu schweigen. Zahlreiche Besucher verließen bereits nach 30 Minuten den Saal. Aber auch sie gehören zu den insgesamt über 14.500 Besuchern, die sich einen Film des Filmfestes 2010 in Oldenburg angesehen haben.

Radley Metzger

Radley Metzger

Zu den positiven Überraschungen (bei 20 gesehenen von insgesamt 45 Filmen Filmen) zählten neben den herausragenden, künstlerisch anspruchsvollen Filmen von Radley Metzger (Retrospektive) die Filme „The Last Picture Show“ (USA, 1971) von Peter Bogdanovich mit Timothy Bottoms in einer Nebenrolle und auch „Johnny Got His Gun“ (USA,1971) von Dalton Trumbo, ein zu unrecht fast vergessener Antikriegsfilm mit dem erst 17jährigen Timothy Bottoms in der Hauptrolle. Die Bilder beider Filme wollten nach den vier Tagen ebenso wenig aus dem Kopf gehen wie die Bilder der beeindruckenden Homeland-Security-Metapher „Monsters“ (UK, 2010) von Gareth Edwards (noch wenige Wochen zuvor Publikumsliebling auf dem FFF – Fantasy Filmfest 2010) sowie Islid Le Bescos französische Mädchen-Tour-de-Force „Bas-fonds“ (F, 2010).

Unter Dir die Stadt

`Unter Dir die Stadt`

Fast vergessen (aber in jeder Hinsicht eine Erwähnung wert) war nach diesen tollen Filmen die ebenso eindrucksvolle Banker-Romanze zwischen der Bildredakteurin und Ehefrau Nicolette Krebitz und dem Spitzen-Banker Robert Hunger-Bühler aus Christoph Hochhäuslers „Unter Dir die Stadt“ (D 2010), der Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfestes, und die beeindruckend erotische Bildkomposition „Room in Rome“ (Esp, 2010) von Julio Medem über eine Spanierin (Elena Anaya) und eine russische Tennisspielerin (Natasha Yarovenko) und ihrem Aufeinandertreffen in einem Hotelzimmer in Rom.

Der eindeutige Favorit auf die Trophäe des German Independent Awards hieß unter den Berichterstattenden Kollegen lange Christoph Hochhäusler mit seinem Film „Unter Dir die Stadt“; die internationale Jury unter der Jurypräsidentin und Schauspielerin Deborah Kara Unger, mit dem Produzenten Jesse Scolaro, dem Produzenten Travis Stevens, dem amerikanischen Autor und Filmkritiker F.X. Teeney sowie der in Ungarn geborenen deutschen Schauspielerin Dorka Gryllus kührte am späten Sonntag „Picco“ von Philip Koch zum Siegerfilm des 17. German Independence Awards. Unverständlich.

Der Publikumspreis ging an Paul Gordons „Happy Poet“ (USA, 2010), einem sympathischen, im Doku-Stil erzählten Start-Up-Aufsteigermärchen über einen Lyriker mit Diplom, der mit einem Sandwich-Stand in New York und ökologisch korrekten Produkten die Welt ein wenig besser machen will. Auf dem Filmfestival in Venedig hagelte es Buh-Ruf, in Oldenburg gab es reichlich Beifall für dieses Feel-Good-Filmchen. So unterschiedlich können Geschmäcker sein.

Epilog.

Pound of Flesh

`Pound of Flesh`-Team

Mit der Weltpremiere von „Pound of Flesh“ (USA, 2010) in Anwesenheit von Regisseurin Tamar Simon Hoffs und den Darstellern Timothy Bottoms sowie Whitney Able und der Verleihung der German Independence Awards ging am 19. September 2010 das 17. Internationale Filmfest Oldenburg zu Ende. Obwohl es in diesem Jahr insgesamt zwölf Filmvorführungen weniger gab und die Säle kleiner ausfielen, war die Auslastung mit mehr als 14.500 Zuschauern größer als im Jahr zuvor. Mehr Zuschauer, weniger Säle, bessere mediale Berichterstattung… Alles bestens, also?




Mitnichten. Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Cinemaxx´ in Oldenburg wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Erfahrene Mitarbeiter fehlten an allen Ecken und Enden rund um die Vorführungen der Filme im Cinemaxx. Trotz des wieder einmal fast unmenschlichen Einsatzes, Enthusiasmus´ und mehrtägigen Schlafdefizits aller Verantwortlicher rund um Torsten Neumann bleibt die Frage offen, was im nächsten Jahr mit dem Filmfest Oldenburg geschieht. Findet es statt? Wo findet es statt? Unter diesen schwierigen räumlichen und finanziellen Bedingungen werden sich die Verantwortlichen nur schwer noch einmal aufraffen können, das Festival abermals in Oldenburg stattfinden zu lassen. „Glücksfall für die Stadt“ und „sinnvoll fördern“ hieß es im Grußwort zum Filmfest von Prof. Dr. Gerd Schwandner, Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg. Es wird Zeit, dass mit der letzten Leinwand in Oldenburg 2010 die Planungen für das nächste Jahr beginnen. Auch in punkto finanzieller Tragfähigkeit. 2011 wird das bei allen Filmfreunden und Cineasten in ganz Deutschland beliebte Independent Filmfest volljährig. Vielleicht auch wieder in Oldenburg. Vielleicht aber auch in einer ganz anderen Stadt.



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