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Berlinale 2009 – So war es wirklich – Berlinale 2009 – Bärenlese

Abschlussbericht von Gian-Philip Andreas

Berlinale Palast 2009

„Berlinale Palast am Eröffnungstag“

Eine Woche ist sie zu diesem Zeitpunkt Geschichte, die 59. Berlinale. Die zwangsläufige Erkältung ist halbwegs auskuriert, der Schlaf allmählich nachgeholt, und das überstrapazierte Bewusstsein hat endlich damit begonnen, seine verdammte Pflicht zu tun: das Überflüssige vom Bewahrwürdigen zu scheiden, den Müll zu vergessen und das Wichtige zu würdigen. Der Hauch von Exklusivität, der „Effi Briest“ oder „The International“, „Der Knochenmann“ oder „Milk“ noch bei ihren Berlinale-Premieren umwehte, ist unterdessen schon wieder dahin: Sie liefen noch während der Festspiele oder aber kurz darauf ganz regulär in unseren Kinos an.

Doch was wird bleiben von diesem Berlinale-Jahrgang, der, so war immer wieder zu lesen, angeblich doch kein wirklich guter war? In den Feuilletons und Fernsehbeiträgen, deren Inhalt während der Berlinale zumeist unter größtem Zeitdruck zustande gekommen ist, hat das Stänkern im kalten Filmfebruar Tradition: Ist das Berliner A-Festival, nach Cannes und noch vor Venedig wohl das bedeutendste in Europa, zu politisch? Oder für den eigenen Anspruch dann doch nicht politisch genug? Oder nicht auf die richtige Weise politisch, also politisch im Thema, aber nicht in der Ästhetik?

Recht machen kann es der dauerjoviale Festivaldirektor Dieter Kosslick der dispersen Betrachtermeute sowieso nie; auch kann er nichts dafür, dass seine Berlinale in der Berichterstattung immer wieder auf den Wettbewerb reduziert wird. Gewiss, der ist das Aushängeschild eines jeden Festivals, doch gerade im Fall der Berlinale soll er wohl funktionieren wie die eierlegende Wollmichsau, also für Hollywood-Glamour mit bekannten Namen sorgen, gleichzeitig aber unbekannte Newcomer entdecken, große Geschichten erzählen und formale Experimente bieten. Weil aber alles davon nur zum Teil geboten werden kann, gibt es für jeden Beobachter je nach eigener Vorliebe am Ende zwangsläufig zu wenig von diesem oder jenem. So wird das Stänkern systemimmanent nie aufhören, obwohl es doch so viele andere Möglichkeiten gibt, ein Festival zu durchleben als sich einzig durch die 26 Wettbewerbsfilme zu ackern.

Steve Martin Berlinale 2009
Steve Martin

Problematischer ist da schon, dass die Berlinale durch aufgeblähte Sonderfilmreihen an Trennschärfe zu verlieren droht: Die etwas undefinierbare „Berlinale Special“-Reihe etwa brachte diesmal zahlreiche Premieren in der Abendschiene, darunter auch die deutschen Großproduktionen „Hilde“ und „John Rabe“, meist als groß angelegte Gala mit Stargästen; vom Wettbewerb mit seinen zahlreichen „außer Konkurrenz“ laufenden Bonus-Beiträgen – eine Unsitte! – war das aber kaum mehr zu unterscheiden. „Außer Konkurrenz“ im „Wettbewerb“, das ist natürlich schon ein Widerspruch in sich, ein Paradox aber, dass vorrangig dazu dient, Stars in die Stadt zu locken, auch mit Filmen, die anderswo schon liefen und deshalb für die Wettbewerbshatz um die Goldenen Bären nicht mehr zulässig sind. „Der Vorleser“ war längst mehrfach nominiert im Oscar-Rennen und seit Dezember im US-Kino, bescherte den Berliner Roter-Teppich-Stehern aber immerhin einen Moment mit der reizenden Kate Winslet. Andere konkurrenzlose Produktionen wie die Frauenromanverfilmung „The Private Lives Of Pippa Lee“ (mit Robin Wright Penn und Keanu Reeves), das Rapper-Biopic „Notorious B. I. G.“ oder gar das Slapstick-Sequel „Der rosarote Panther 2“ liefen offensichtlich einzig und allein als werbewirksame Vorpremieren: Letztere brachte zum Glück Steve Martin nach Berlin, der mit Banjo-Einlage und herrlichen Seitenhieben auf die notorische Dümmlichkeit der meisten Journalistenfragen etwas Witz injizierte in die ansonsten sehr trüben Veranstaltungen, als die sich Pressekonferenzen auch auf der Berlinale meistens präsentieren. Was die Panther-Posse ansonsten auf Internationalen Filmfestspielen zu suchen hatte, konnte allerdings niemand so genau beantworten.

Claudia LLosa Berlinale 09
Claudia Llosa

Zieht man all diese Specials und Nicht-wirklich-Wettbewerbsfilme ab, blieben 18 Wettbewerbsfilme übrig, deren Gesamtqualität von den meisten Kritikern im Eifer des Gefechts und mit Sicherheit auch sehr übertrieben heftig als ziemlich armselig eingestuft wurde. Der Gewinner des Goldenen Bären, „La Teta Asustada“ der Peruanerin Claudia Llosa („Madeinusa“), war denn wohl auch jener Beitrag, den am vorvorletzten Wettbewerbstag in aller Frühe die wenigsten Betrachter gesehen haben dürften: Karge südamerikanische Dramen, in denen Frauen aus Angst vor Vergewaltigung Kartoffeln in der Vagina mit sich herumtragen, sind nicht das stärkste Argument dafür, sich nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder in den Kinosessel zu setzen.

Da kannte die illustre Berlinale-Jury um Tilda Swinton und Christoph Schlingensief dieses Jahr ohnehin keine Gnade: Bis auf das US-amerikanische Kriegsheimkehrerdrama „The Messenger“ von Oren Moverman, der den Drehbuch-Bären einheimste, prämierte das cineastische Scharfgericht ausschließlich Wettbewerbsfilme aus der berüchtigten Frühschiene. Nur „Lille Soldat“, ein leicht überstrapaziertes Frauendrama der Dänin Annette K. Olesen („1:1“), blieb außen vor. Gleich drei Preise – der Debütpreis, der Alfred-Bauer-Preis für Innovation (geteilt mit „Tatarak“ von Altmeister Andrzej Wajda) und der wichtige Große Preis der Jury – gingen dagegen an die argentinische Putzfrauenromanze „Gigante“. Die rumänisch-britische Produktion „Katalin Varga“ wurde fürs dollste Sounddesign ausgezeichnet (es rumort darin viel aus Wäldern heraus), und wie in jedem Jahr ging auch das obligatorisch karge Werk aus dem Iran nicht leer aus (Regie-Bär für „Alles über Elly“-Inszenierer Asghar Farhadi). Der Schauspieler-Bär ging an Sotigui Kouyaté, den 72-jährigen Hauptdarsteller aus Rachid Boucharebs Terrorismus-Reflexion „London River“ – er sorgte immerhin für die wunderbarsten Momente der ansonsten wie gehabt öden Berlinale-Abschlusszemeronie, indem er sich auf die Bühne setzte und, anstatt die verlangte kurze Dankensrede zu halten, in afrikanischer Gelassenheit auf Fernsehdramaturgien pfiff und sich in ellenlangen Eruierungen und Gleichnissen erging. 3sat, das die von Katrin Bauerfeind schlimmstmöglich moderierte Krampf-Show live übertrug, schnitt immer wieder hilflos ins Promi-Publikum im Berlinale-Palast, dem die Verstörung ob dieser charmanten Regelverletzung sehr beredt ins Gesicht geschrieben stand. Herrlich.

Alle Anderen
Alle Anderen

Ebenfalls in der Frühschiene – und hoffentlich nicht nur deswegen preisgekrönt – lief Maren Ades Beziehungsanalyse „Alle anderen“, einer von zwei sehr guten deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Er bekam den Großen Preis der Jury ex aequo mit „Gigante“, und auch Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr durfte sich zu Recht über einen Bären freuen. Dabei hatten viele Frühfilmkritiker das zweistündige Beziehungsgespräch zwischen Minichmayr und ihrem Film-Lebensgefährten Lars Eidinger kaum aushalten können (oder wollen?) und waren fluchtartig aus der Pressevorführung getürmt. Selbst schuld: Einen präziseren Film über Liebe, Beziehung und die damit einhergehenden Sinn- und Rechtfertigungskrisen gab es schon lange nicht mehr zu sehen. Zu den Spitzenwerken der so genannten „Berliner Schule“ gehört „Alle anderen“ zwar nicht – denn die (gewollten) Redundanzen führen mitunter zu einer gewissen Zähigkeit – im Berlinale-Wettbewerb war Ades Werk aber ein echtes Highlight.

Der andere deutsche Film im Wettbewerb, „Storm“ von „Requiem“-Regisseur Hans-Christian Schmid, ging dagegen gänzlich leer aus – er lief ja auch nicht in der Frühschiene! Womöglich war der Jury aber der klassisch narrative Zugang Schmids auf ein politisch wichtiges Thema zu konventionell. Doch wie auch immer: Die Story von der taffen Staatsanwältin (toll: Kerry Fox), die eine serbische Zeugin vor das internationale Tribunal in Den Haag locken will, um einen serbischen Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen zu können, riss mich mit, und andere auch. Beim internationalen Kritiker-Ranking punktete „Storm“ übrigens mehr als im deutschen.

Ärger noch erging es im Wettbewerb dem hochgeschätzten Schweden Lukas Moodysson. Dessen „Babel“-ähnlichem Globalisierungsmelodram „Mammoth“ wurde vom erhitzten Kritikermob unter anderem reaktionäre Gesinnung und kreationistisches Gedankengut unterstellt, bloß weil im Film am Ende eine wiedervereinigte Kleinfamilie steht. Als wie fragil sich diese Momentaufnahme aber eigentlich präsentiert, wurde dabei aber genau so übersehen wie die Selbstverständlichkeit, dass Gezeigtes nicht automatisch synonym mit der Gesinnung eines Filmemachers zu verstehen ist. Moodysson, der sich von der Coming-Out-Geschichte „Raus aus Amal“ über die Prostitutionstragödie „Lilja 4-ever“ und zuletzt das schwarzweiße Transgender-Experiment „Container“ schon in zahlreichen Genres und Formen ausprobiert hat (meist übrigens sehr erfolgreich) und konservativem Reaktionismus eigentlich komplett unverdächtig ist, hat mit „Mammoth“ meines Erachtens einen der besten Wettbewerbsbeiträge vorgelegt – die Mehrheit der Großkritiker und auch die Jury sah das offenbar anders.

Ähnlich eingedroschen wurde auf Francois Ozon neuen Film „Ricky“ – auch das war mir unverständlich, versteht es der ansonsten viel geliebte Franzose („8 Frauen“, „Die Zeit, die bleibt“) mit diesem Film doch bestens, ein sozialrealistisches Familiendrama ins Märchenhafte zu überführen: Das Baby (Ricky) einer dysfunktionalen Arbeiterfamilie bekommt Flügel und fliegt ihr am Ende ganz buchstäblich davon. Das war den meisten Beobachtern zu billig, zu drollig, zu leichtgewichtig für den politisch bedeutsamen Wettbewerb – dabei macht schon eine ganz frühe Szene im Film deutlich, dass so leichtflügelig hier doch nicht alles ist. Da sitzt Rickys Mutter im Sozialamt und bettelt darum, man möge ihr das Baby bitte abnehmen, sie käme nicht mehr damit klar. Von Flügeln ist in dieser Szene keine Rede, und auch in der Rückschau muss man rätseln, an welchem Punkt im Film, falls überhaupt, diese Szene einzuordnen wäre. Je nachdem, wo und wie man das tut, lässt sich „Ricky“, der Film, anders deuten: das Flügelkind, ein Traum, eine Metapher, ein Beleg für den Wahn einer Mutter? Für mich ist das ein spannender Film.

In the Electric Mist
In the Electric Mist

Aber auch die anderen Wettbewerbsbeiträge der Mittags- und Nachmittagsschiene (die am Abend dann, im Gegensatz zu den Frühschienen-Beiträgen, die attraktiven Primetime- und Late-Show-Plätze in den Galas mit Roter-Teppich-Starauftrieb bekommen) fanden größtenteils keine Gnade. Die englischen oder amerikanischen Filme („Chéri“ von Stephen Frears mit Michelle Pfeiffer, „Happy Tears“ von Mitchell Lichtenstein mit Demi Moore, „My One And Only“ mit Renée Zellweger) fielen durch oder wurden erst gar nicht weiter beachtet. Auch der im Sumpfgebiet der US-Südstaaten spielende Krimi „In the Electric Mist“, gedreht vom französischen Altmeister Bertrand Tavernier, ging unter – obwohl Tommy Lee Jones darin einen herrlich grimmigen Detektiv spielt und der dicke John Goodman als schmieriger Gangster geradezu brilliert. Einhellig geschmäht wurde Sally Potters Interview-Experimentalfilm „Rage“, während die (mal wieder teils außer Konkurrenz laufenden) Werke der ewigen Urgesteine Chen Kaige („Forever Enthralled“), Theo Angelopoulos („The Dust of Time“), Andrzej Wajda („Tatarak“) und Costa-Gravas („Eden is West“, der Abschlussfilm) so am Rande abgenickt wurden; meist übrigens zu Recht.

Eine wirkliche Frechheit gab’s dann aber doch noch im Wettbewerb, wenngleich ebenfalls außer Konkurrenz: Der großspurig angekündigte Omnibusfilm „Deutschland 09“, der „13 kurze Filme zur Lage der Nation“ sich zu versprechen wagte, entpuppte sich sehr schnell als Ärgernis. Dreizehn sehr unterschiedliche deutsche Regisseure von Fatih Akin bis Hans Weingartner waren unter Tom Tykwers Anleitung angetreten, um an das Spätsiebziger-Projekt „Deutschland im Herbst“ (mit Fassbinder, Kluge etc.) anzuknüpfen und ohne inhaltliche oder formale Vorgabe einen Kurzfilm zur deutschen Frage zu produzieren. Das Ergebnis ist traurig. Exakt ein einziger der Beiträge, von Romuald Karmakar, hat das Zeug zum Klassiker und überhaupt etwas Relevantes zu sagen über Deutschland anno 09: Er lässt einen iranischen Puffbesitzer aus Berlin-Charlottenburg über die absonderlichen Sexpraktiken seiner Kundschaft schwadronieren und am Ende dem „deutschen Volk“ dafür danken, dass sie immer so gut zu ihm waren. Der Rest pendelt zwischen peinlich, albern, belanglos und – immerhin – interessant gescheitert. Die experimentelleren Beiträge von Dominik Graf (über den Abriss der Nachkriegsarchitektur und deren Ersatz mit Attrappen), Christoph Hochhäusler oder Angela Schanelec haben in der von mir besuchten (Publikums-)Vorstellung übrigens für lautstarke Langeweilebekundungen gesorgt – obwohl gerade diese drei doch die einzigen sind, die sich, neben Karmakars Film, wenigstens ernsthaft mit ihrem Thema beschäftigen und damit überhaupt zu ertragen sind. Der Rest ist vor allem Fremdschämen: Wolfgang Beckers hektische Pseudo-Satire um den „Patienten Deutschland“ ist der Tiefpunkt, aber auch Nicolette Krebitz’ peinliche Zeitreise, in der „Torpedo“-Jungregisseurin Helene Hegemann auf Susan Sontag (Jasmin Tabatabai) und Ulrike Meinhof (Sandra Hüller) trifft, sorgt für heftige Fluchtimpulse. Der Rest ist schnell vergessen, leider auch Tom Tykwers Episode, der Benno Fürmann als stets im „Marriott“ absteigenden Geschäftsmann entdecken lässt, wie schlimm die Starbucks-Globalisierung ist: Mit dieser naiven Nummer hätte Tykwer fast den starken Eindruck seines Berlinale-Eröffnungsthrillers „The International“ neutralisiert – wäre dessen Wirkung nicht doch um ein Vielfaches stärker.

Das „Panorama“, die Überblicksschau über das weltweite Filmgeschehen, in der im Gegensatz zum Wettbewerb auch solche Werke gezeigt werden dürfen, die anderswo schon gelaufen sind, feierte in diesem Jahr 30. Geburtstag. Dazu bescherte es sich selber mit mehreren Anniversary-Programmpaketen im queeren Kontext (der auf der Berlinale traditionell stark vertreten ist). Zum Beispiel kam es zu einem kuriosen Wiedersehen mit John Hurt, der 33 Jahre nach dem Klassiker „The Naked Civil Servant“ erneut in die Rolle des legendären englischen Transvestiten Quentin Crisp geschlüpft ist. Der neue Film heißt „An Englishman in New York“, also genau wie Stings bekannter Hit von 1987, der sich ebenfalls auf Crisp bezog. Der flamboyante Brite war nach seinem Bekanntwerden durch „The Naked Civil Servant“ nach New York gezogen, und von seinen Erlebnissen dort, zwischen Aids-Katastrophe und Performance-Kunst, erzählt dieser sehr sehenswerte neue Film. Auch die Dreharbeiten zum 1990er Crisp-Dokumentarfilm „Resident Alien“, der damals ebenfalls im Panorama-Programm der Berlinale lief und auch in diesem Jahr wieder gezeigt wurde, kommen im neuen Spielfilm vor, und die Szenen, die im Dokumentarfilm mit dem echten Crisp gedreht wurden, übernahm im neuen Film nun wiederum deckungsgleich John Hurt: Wenn das mal keine Filmverschränkung auf sämtlichen Meta-Ebenen der Festivalprogrammierung war!

Ähnliche Bezüge eröffnete daneben auch der oscarnominierte Film „Milk“ mit einem sensationellen Sean Penn: Gus van Sants Bio-Pic über Harvey Milk, den ersten schwulen Stadtrat von San Francisco, lief im Panorama (weil er für den Wettbewerb nicht mehr in Frage kam) direkt neben dem oscargekrönten Dokumentarfilm „The Times of Harvey Milk“ – der übrigens 1985 ebenfalls im Panorama gezeigt worden war.

Jenseits dieser Geburtstags-Specials bot das Panorama in diesem Jahr bekannte Leute und interessante Filme: Julie Delpy zeigte ihren Regie-Zweitling „The Countess“ (in dem sie selbst als mädchenmordende ungarische Gräfin auftritt und in Daniel Brühl verliebt ist), Haders „Knochenmann“ feierte Erfolge, und Michael Glawogger („Slumming“) hat mit dem rätselhaften Familien-Nazi-Computerspiel-Dramenexperiment „Das Vaterspiel“ für beträchtliches Stirnrunzeln gesorgt. Die längst verschollen geglaubte Isabelle Adjani erlebte, etwas fülliger, aber immer noch wunderhübsch, als rabiate Lehrerin in „La Journée de la Jupe“ ein phänomenales Comeback, und vom omnipräsenten Bilderrausch konnte man sich in so bezaubernd leisen Filmen wie „Claustrophobia“ (rückwärts erzähltes Liebesdrama aus Hongkong), „All Around Us“ (vorwärts erzähltes Ehedrama aus Japan) „Ander“ (minimalistisches, schwules Bauerndrama aus dem Baskenland) oder „Rückenwind“ (minimalistisches, schwules Teeniedrama aus Brandenburg) erholen. Den Publikumspreis holte am Ende übrigens die Michael-Moore-inspirierte Globalisierungs-Aktionismus-Doku „The Yes Men Fix The World“: Die berüchtigten Aktionskünstler „Yes Men“ geben sich darin mal wieder als Sprecher von Großkonzernen aus, verkünden die absonderlichsten Dinge und narren die Medien. Macht Spaß!

In der etwas experimenteller ausgerichteten Sektion „Forum“ lief mit „Mitte Ende August“ ein weiterer, ganz wunderbarer deutscher Film. Das dritte Werk von Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) verbringt mit Milan Peschel und Marie Bäumer auf den Spuren von Goethes „Wahlverwandtschaften“ einen ebenso heiteren wie bitteren Landsommer-Urlaub, der hoffentlich bald regulär im Kino zu erleben sein wird. Etwas enttäuscht war ich dagegen von „Die wunderbare Welt der Waschkraft“, dem zweiten Berlinale-Film von „Storm“-Regisseur Hans-Christian Schmid: Die Doku über die polnischen Wäscherinnen, die alltäglich die Schmutzwäsche der Berliner Luxus-Hotels waschen, mangeln und legen, ist sehr spröde geraten und leidet, wie ich finde, ein wenig an fehlender thematischer Fokussierung.

Also schnell rüber in die „Perspektive Deutsches Kino“. Deren Leiter Alfred Holighaus sucht sich jedes Jahr das Beste des deutschen Filmemacher-Nachwuchses heraus. Da läuft dann neben dem abendfüllenden Kinohit von morgen (diesmal war das „Dorfpunks“, Lars Jessens lockere und überraschend stimmige Verfilmung des Rocko-Schamoni-Romans) auch viel Halblanges und Kurzes. Den Preis der Sektion gewann am Ende denn auch ein hinreißender Dreißigminüter: „Gitti“ von Anna Deutsch porträtiert eine 70-Jährige Ostberlinerin auf der Suche nach einem neuen Partner. Bei den altersweisen, schlitzohrigen, derben und immer wieder auch tieftraurigen Einsichten, die Gitti da so raushaut, bleibt wirklich kaum eine Auge trocken, sei’s vor Witz, sei’s vor Rührung.

Fassungslos konnte man auch sein angesichts des Gewinners des Kinderfilmpreises, der längst ja „Generation Kplus“ heißt: „C’est pas moi, je le jure!“ aus Kanada verfolgt die Alltagsabenteuer eines 10-jährigen Jungen, der mit pausenlosen Selbstmordversuchen von sich reden macht und mit dem Wegzug seiner Mutter klarkommen muss. Trotzdem ist Philippe Falardeaus Film ebenso witzig und schräg wie aber auch sehr düster geraten – und deshalb konnte man sich verwundert die Augen reiben, als nicht nur die Erwachsenenjury, sondern auch die Kinderjury aus cineastisch interessierten 12-Jährigen diesem großartigen Film den Hauptpreis zuerkannte. Schwierige Themen waren auch in der „Jugend-Abteilung“ der Sektion „Generation“, genannt „14plus“, schwer angesagt in diesem Jahr. „Cherrybomb“ etwa, ein bluthaltiges Teenie-Liebesdrama, sorgte allein schon deshalb für Aufruhr, weil „Harry-Potter“-Sidekick Rupert Grint („Ron Weasley“) darin die – bemerkenswerte – Hauptrolle spielt. Aber auch in den anderen Beiträgen – wie etwa im sehenswerten mexikanischen Beitrag „I’m Gonna Explode“ – sind teenietypische Verliebtheitsszenarien immer um mehr als nur ein Haar mit Tod und Tragödie verknüpft. Beunruhigend.

Man konnte sich davor flüchten in die spektakuläre Retrospektive, die im wunderbaren Ostberliner Traditionskino „International“ lauter Filme im superbreiten 70-Millimeter-Format zeigte, darunter übrigens auch Klassiker wie Konrad Wolfs Malerbio „Goya“, der in Deutschland ja immer noch nicht auf DVD erhältlich ist. Oder: Man ließ sich in der Sonderreihe „Winter Adé“ mit osteuropäischen Produktionen der 1970er und 1980er Jahre in die oftmals erstaunlich prophetische Filmszene der Vorwendezeit entführen. Oder: Man versenkte sich im „Forum Expanded“, einer Sektion, die auch in diesem Jahr wieder gewachsen ist und mit Ausstellungen, Experimentalkurzfilmen und Videoloops an der Schnittstelle von Film und bildender Kunst entlangspaziert. Oder: Man ließ sich in Dieter Kosslicks Lieblingsreihe „Kulinarisches Kino“ Filme zum Thema Essen servieren, gekoppelt mit After-Movie-Snacks von Spitzenköchen wie Kolja Kleeberg oder Tim Raue, ganz abseits vom Festivaltrubel im Kunst-Tempel des Martin-Gropius-Baus. Oder: Man besuchte die vielfältigen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Vorträge im mittlerweile längst etablierten „Berlinale Talent Campus“, wo Profis für den geladenen Film-Nachwuchs und für alle sonstigen Interessierten aus dem Nähkästchen plauderten. In diesem Jahr konnte man dort u. a. Jury-Präsidentin Tilda Swinton und Spielberg-Kameramann Janusz Kaminski erleben.

Cast An Education
Cast `An Education`

Und dann war da noch, um den Nachlese-Bogen zu schließen, diese ominöse „Berlinale Special“-Reihe. Da liefen, wie gesagt, deutsche Filme wie „John Rabe“, „Effi Briest“ und „Hilde“ – wohl weniger, weil sie so sensationell gut wären, sondern weil man ihnen mit großen Premieren im Friedrichstadtpalast eine großartige Publicity-Bühne bieten konnte. Im Wettbewerb hätte die Kritik diese konventionell gemachten Bio-Pics und Literaturverfilmungen mit Sicherheit in der Luft zerrupft – so aber konnte man sie immerhin werbewirksam platzieren. Auch Claude Chabrols neuer Film, ein behäbiger Mix aus Brudermelodram und Krimi mit Gérard Depardieu in der schwerfälligen Hauptrolle, darf man ruhigen Gewissens belanglos nennen – weil der Meister, 78 Jahre alt, aber die Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk verliehen bekam, erhielt auch sein Film einen goldenen Rahmen. Der beste Film, den ich in dieser Reihe gesehen habe, war zwar auch kein Meisterwerk, aber immerhin solide Unterhaltung: „An Education“, ein britische Produktion der Dänin Lone Scherfig („Wilbur Wants to Kill Himself“), gefiel als gut geschriebene (Drehbuch: Nick Hornby) Entwicklungsgeschichte einer Kleinbürgertochter einmal quer durch die Hölle der Oxford-Snobbery. Was aber so „Berlinale Special“ daran war, bleibt fraglich.




Wer wollte, konnte also, wie in jedem Jahr, einmal quer durch alle Sektionen tauchen, also umfassenden „Gebrauch“ von der Berlinale machen, und dort immer mal wieder Perlen aufgabeln: Man weiß nun einmal vorher nicht, was man bekommt. Das aber ist der Reiz eines Festivals wie der Berlinale. So schlecht, wie manche Kommentatoren den diesjährigen Jahrgang (natürlich mit Fokus Wettbewerb) geschrieben haben, war er sicherlich nicht; bleibende Erinnerungen allerdings, das muss man zugestehen, wird er nur in Maßen hinterlassen.



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