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Berlinale 2008 – So war es wirklich – Berlinale 2008 – Bärenlese

Abschlussbericht von Gian-Philip Andreas

Tropa de elite

Berlinale-Gewinner „Tropa de elite“

Eines muss ich gleich zu Anfang feststellen: Im Wettbewerb der diesjährigen, 58. Berlinale gab es keinen besseren Film als
„There Will Be Blood“. Das bereits achtfach oscarnominierte Öl-und-Schweiß-und-Blut-Drama ragte in seiner ganzen archaischen
Wucht relativ weit aus dem Angebot heraus. Die Jury um den griechischen Regieveteranen Costa-Gavras vergab den „Goldenen Bären“
am Ende zwar an den ruppigen Favela-Reißer „Tropa de Elite“, was keine komplett unverständliche Wahl war, sie schien aber auch nicht ganz von Paul Thomas Andersons über zweieinhalbstündigem Epos lassen zu können – warum sonst hätten sie „There Will Be Blood“ sowohl mit dem Regie-Bären als auch mit dem Spezialbären für die „beste künstlerische Leistung“ bedacht? Damit ist Jonny Greenwood gemeint, Gitarrist von „Radiohead“ und Komponist des kongenialen Soundtracks des Films. Da quietscht, sirent, hämmert und pulsiert es auf der Tonspur, mal ganz klassisch, mal heftig avantgardistisch. Ein Ohrenschmaus zum
Augenschmaus, ein Film als sinnliches Gesamtkunstwerk, eben „ein weiterer Schauspieler“, wie Anderson bei der Pressekonferenz
meinte. Daniel Day-Lewis und Paul Dano („Little Miss Sunshine“) spielen darin das brillante Hauptrollen-Duett. Doch „bester Darsteller“ wurde nicht Day-Lewis, sondern ein alter Perser namens Reza Naji für seine Leistung im iranischen Wettbewerbsbeitrag „Song of Sparrows“ von Majid Majidi („Kinder des Himmels“). Damit hatte der Schauspieler wohl selbst nicht
gerechnet.

Erwartbarer war da schon der Darstellerinnen-Bär für Sally Hawkins. Ihre dauerfröhliche Polly aus Mike Leighs „Happy Go Lucky“ schrammte haarscharf am Nervtötenden vorbei, fiel aber schon allein deshalb aus dem Rahmen, weil ihr den ganzen Film über nichts wirklich Verdrießliches zustieß, während in eigentlich fast allen anderen Wettbewerbsbeiträgen sowie im überwiegenden Rest der anderen Festivalsektionen unter Frauen und Kindern und Männern, also allen, am laufenden Band gestorben, verreckt, missbraucht und gequält wurde. So ausgiebig, dass man schon im Kinosaal den erstaunlich häufigen
Sonnenstrahlen am Februarhimmel überm Potsdamer Platz sehnsüchtig entgegenfieberte.

Sally Hawkins

Sally Hawkins

Und auch Sally Hawkins war so eine Art Sonnenstrahl. Ihr Bär geht also in Ordnung. Zweifelhafter ist da schon der „Große Preis der Jury“ für Errol Morris` lang erwartete Abu-Ghureib-Doku „Standard Operating Procedure“. So erhellend es auch sein mochte, den Beteiligten im Folterknast-Dienst (darunter das häufigste Fotomodell der anno 2004 an die Öffentlichkeit geratenen Gräuelfotos: Lynndie England) bei ihren Rechtfertigungsversuchen zuzusehen, so gut Morris die Interviews auch geführt haben mag – ich persönlich (und wohl auch viele andere) hätte gerne darauf verzichtet, die demütigenden Fotos aus dem berüchtigten Gefängnis wieder und wieder und in allen nackten Details leinwandfüllend vorgeführt zu sehen. Und erst recht hätte ich auf die fiktiven „Re-Enactments“ in schick-ästhetischen Bildern und Zeitlupen verzichten können, mit denen der „Fog of War“-Regisseur sein Werk strukturiert und anreichert. Zwiespältig.

IN COMPETITION

Was gab es da nicht alles im Wettbewerb: chinesische Schwangerschaftsdramen („Zou You“, der fürs beste Drehbuch ausgezeichnet wurde), zäh im Wüstensand herumstolpernde Kindersoldatentragödien (der deutsche Beitrag, die Bestsellerverfilmung „Feuerherz“, stieß international auf wenig Wohlwollen), italienische Parkbankphilosophereien (Nanni Moretti in „Caos Calmo“), französische
Kindsmörderinnen (Kristin Scott-Thomas in „Il y a longtemps que je t`aime“). Außerdem gab es gleich zwei Kindesentführungsdramen: „Julia“ mit einer aufgedrehten Tilda Swinton rief gemischte Reaktionen
hervor, „Gardens of the Night“ fiel sogar mit Pauken und Trompeten durch; etwas ungerechtfertigt allerdings, hatte das Missbrauchsszenario doch durchaus einige intensive Momente aufzubieten. John Malkovich, der einen kurzen Auftritt als Sozialarbeiter hat, kam entgegen ursprünglichen Ankündigungen leider nicht in Berlin vorbei. Was noch?
Regiedebütanten sorgten für zwei der besseren Beiträge mit mexikanischen Alltagsgeschichten in Fernando Eimbckes
„Lake Tahoe“ und schwarzen Elendsgestalten im Mississippi-Delta (karg, herb und irritierend musikfrei: „Ballast“ von Lance Hammer). Müde durchgewunken wurden dagegen das finnische Ehedrama „Musta jää“ und die französische Gaunerstory „Lady Jane“. Nicht vorstellbar, dass davon jemals noch die Rede sein könnte. Dazu gab es dann eine Reihe von Filmen bereits bekannter Regisseure bzw. von Regie-Veteranen,
die den ganz großen Eindruck jedoch nicht hinterließen: Hongkong-Zampano Johnnie To lieferte mit „Man Jeuk“ eine
läppische Gaunerklamotte ab – kein Vergleich mit seinen knallharten „Election“-Filmen. Die Spanierin Isabel Coixet, berühmt für die Sarah-Polley-Filme „Mein Leben ohne mich“ und „Das geheime Leben der Worte“, präsentierte ihre erste US-Arbeit, doch die Philip-Roth-Verfilmung „Elegy“ bietet lediglich solides Handwerk, mehr leider nicht. Immerhin brachte sie Ben Kingsley und Pénelope Cruz mit und bereicherte damit Kosslicks Glamour-Programm um einen ordentlichen Anteil: Cruz auf allen Kanälen. Als ähnlich solide, aber wenig herausragende Kost entpuppte sich auch „Kabei“, ein wohl kadriertes Mutterdrama vom japanischen Altmeister Yoji Yamada. Manche konnten dem koreanischen Zweieinhalbstundenwerk „Bam gua Nat“ etwas abgewinnen – andere nutzten den Termin in der Festival-Frühschiene für
längst fällige Schlafdefizitreduzierung. Amos Kollek („Fast Food, Fast Women“), von New York nach Israel gezogen, siedelte seinen neuen Film „Restless“ trotzdem noch im Big Apple an: Das raubeinige Porträt eines heruntergekommenen jüdischen Poeten, der nach dem Tod seiner israelischen Ex-Frau an seinen traumatisierten Sohn gerät, hat ein paar tolle Momente, kann seinen Charme aber nicht über die volle Distanz retten: halbgar.

Es ist ja beinahe Berlinale-Tradition, dass sich die Qualität ihrer wichtigsten Reihe, nämlich des Wettbewerbs, nicht mal ansatzweise mit der ihrer Konkurrenzfestivals Cannes und Venedig messen kann. Zu viel Altbackenes, zu wenig Junges, Originelles, Ungewöhnliches, zu viel Fokus auf bieder aufbereitete Politthemen, und zu wenig Fokus auf künstlerisches Neuland. Das ist schade, nach wie vor. Dennoch, das muss man fairerweise anerkennen, ist der diesjährige Wettbewerb insgesamt ein paar Deute besser gewesen als derjenige des letzten Jahres – was freilich nicht viel Mühe gekostet haben dürfte.

AUSSER KONKURRENZ

Die unsinnige Kategorie der „Wettbewerbsbeiträge außer Konkurrenz“ dient traditionell nur der Vorab-Werbung für später in
den Kinos anlaufende Hollywood- oder Europudding-Ware und damit natürlich auch als Star-Köder. Das hat in diesem Jahr
glänzend geklappt – insofern also Respekt für den dauerfröhlichen Festivalchef Dieter Kosslick, den man jetzt getrost
Dieter „Happy-Go-Lucky“ Kosslick nennen darf. Für den Eröffnungsfilm „Shine a Light“, ein unterhaltsamer, aber wenig außergewöhnlicher Konzert-Bootleg, rollten die rüstigen Stones samt ihres Regisseurs Martin Scorsese über den Teppich, und nur weil das Werk „außer Konkurrenz“ lief, hat Faltenruine Keith Richards wohl den Preis als beste Darstellerin verpasst – schließlich sieht er ja den ganzen Film über so aus wie Omma Klawuttke im Lidl von nebenan. Für „The Other Boleyn Girl“
schauten gegen Ende der Festspiele noch Scarlett Johansson und Natalie Portman vorbei – eine durchaus attraktive Werbung für
den unterhaltsam-bunten, aber nicht wirklich Berlinale-tauglichen Historienschinken. Bei „Fireflies in the Garden“ hat der Star-Appeal hingegen nicht funktioniert: Das dröge Indie-Familiendrama, offenbar in der Drehbuchschule des Sundance Festivals entstanden, brachte zwar Willem Dafoe und „Heroes“-Heroin Hayden Pannetiere nach Berlin, nicht aber den eigentlichen Star des Films: Julia Roberts. Allerdings muss man sie in Schutz nehmen: Im Film hat sie nur ein paar wenige Szenen, und die sind nicht mal sonderlich gut, also wischen wir lieber mit dem Schwamm drüber. Außerdem lief noch „Katyn“ außer Konkurrenz,
Andrzej Wajdas Geschichtsepos über die Massaker der Roten Armee an polnischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs. Wajda, 81, dreht bekanntlich seit zwei Jahrzehnten nur noch gediegene Historienkost, und so darf man getrost sagen, dass „Katyn“ als Besinnungshilfe für die Polen sicher seine Berechtigung hat, im Rest der Welt dieses Interesse aber mit der Lupe suchen muss. Gut und ernst gemacht, aber auch sehr distanziert erzählt und samt überdramatischem Penderecki-Soundtrack insgesamt zu pathetisch.

Der Abschlussfilm, immerhin, war nochmal sehr schön: „Be Kind Rewind“, der in Kürze unter dem kreuzbeknackten Titel „Abgedreht“
in deutsche Kinos gelangen wird, erzählt von zwei Videothekenangestellten (Mos Def und Jack Black), die ihre versehentlich
gelöschten Ladenhüter in Windeseile mit der Videokamera nachstellen. Das glänzt mit skurrilem Witz und einigen äußerst wunderbaren Einfällen. „Science of Sleep“-Regisseur und Videoclip-Guru Michel Gondry war leider ohne seine Stars angereist – aber einen besseren, filmbezogeneren, cinephileren Abschluss hätte die Berlinale wohl nicht finden können.
Ein feines Abschiedsbonbon.

TALENTFÖRDERUNG

Die meisten Beobachter stimmen mittlerweile darin überein, dass die Berlinale nicht wegen ihres Wettbewerbs, sondern wegen
ihrer ausufernden, weitverzweigten Nebenreihen bedeutsam ist. Der „Talent Campus“ beispielsweise, seit einigen Jahren der
Berlinale angegliedert, versammelt Tausende von Filmhochschülern aus aller Welt zum Austausch – die erwähnten Wettbewerbsfilme
„Lake Tahoe“ und „Ballast“ zum Beispiel stammen von amerikanischen Regisseuren, die vor Jahren in Berlin an diesem Campus
teilgenommen haben. In diesem Jahr gesellte sich noch ein separat organisierter Empfang deutscher Filmhochschüler dazu:
Die luden am zweiten Freitag des Festivals zu diversen Trailer- und Pitching-Sessions, in denen sie bereits fertig gestellte
oder aber erst projektierte Filme in Bild oder Wort vorstellten, um mit möglichen Finanziers, Unterstützern und TV-Redakteuren
ins Gespräch zu kommen.

Erstmals übrigens habe ich in diesem Jahr auch mehrfach in den Kurzfilmwettbewerb reingeschaut, und ich bin sehr überrascht
über die überragende Qualität der ausgesuchten Werke. Selbst im Vergleich mit reinen Kurzfilmfestivals war die Auswahl tadellos.
Umso beschämender übrigens, dass von den auch dort verteilten Goldenen Bären auf der finalen Preisverleihung keine Rede mehr war.
In dieser Reihe lief übrigens auch mein Lieblingsfilm der Berlinale – „Mompelaar“, zwanzig Minuten lang, aus Belgien.
Ein einziges sinnloses, surreales Machwerk zwischen Luis Bunuel, Roy Andersson und Helge Schneider. Ein vierzigjähriges
Muttersöhnchen, das nur mümmeln kann wie Beaker aus der Muppet Show, zieht über Felder und Wiesen, gerät an zerteilte Leichen,
Monster und Touristengruppen, und das alles zu Beethovens Siebter. Grotesk und gnadenlos witzig.

PANORAMA, FORUM, PERSPEKTIVE, GENERATION, SPECIAL

Das „Panorama“, traditionell Sammelstätte des weltweiten narrativen und Dokumentar-Kinos, bot diesmal weit mehr Genrekost als
üblich, Komödien, Krimis, Actionfilme. In „Transsiberian“ etwa reisen Woody Harrelson und Emily Mortimer mit der transsibirischen Eisenbahn arglos durch Russland, geraten dort aber an Drogenschmuggler und einen wunderbar undurchsichtigen Ben Kingsley. Stark. „Chiko“, produziert von Fatih Akin, reanimiert dagegen das Genre des Kiezdramas: Mit der Kraft einer griechischen Tragödie geht`s für die Titelfigur (Denis Moschitto) unausweichlich abwärts. Moritz Bleibtreu glänzt als brutaler
Drogenkönig. Toll. Oder „Rusalka“, neues russisches Kino zwischen Fellini-Surrealismus und Berliner Schule. Ein Mädchen fungiert für andere als Wunschfee, kriegt ihr eigenes Leben aber gar nicht auf die Reihe. Den sympathischen Film sieht man hoffentlich bald noch anderswo.
Unter den Dokus ragte „Jesus Christus Erlöser“ hervor. Regisseur Peter Geyer, Klaus Kinskis Nachlassverwalter, ist es gelungen,
aus alten Aufnahmen den kompletten Ablauf jenes berüchtigten Theatermonologs zu rekonstruieren, den der legendäre Schauspieler
1971 in der Berliner Deutschlandhalle vortrug, bzw. vortragen wollte. Denn nach ausdauernd wiederholten Publikumszwischenrufen
verließ er damals im Jähzorn die Bühne. Wen die entsprechenden Ausschnitte aus Werner Herzogs Kinski-Doku „Mein bester Feind“
neugierig gemacht haben, der sollte sich auf diesen Film freuen.

Das schwul-lesbische Kino ist ebenfalls traditionell im „Panorama“ beheimatet; in diesem Jahr ging allerdings nicht allzu viel Bedeutsames ins Rennen um den „Teddy“, den Preis fürs beste Queer-Kino. Bruce LaBruce zeigte mit „Otto, or: Up with Dead People“ einen schwulen Zombie-Splatterfilm, was durchaus seine Momente hatte und vor allem wesentlich weniger angestrengt ablief als zuletzt sein Terroristen-Murks „Raspberry Reich“. Besser noch war der neue Film des „Graffiti Artists“-Regisseurs James Bolton: „Dream Boy“ erzählte, wortkarg, ganz und gar unkitschig und mit überraschendem Finale, eine Teenie-Liebesgeschichte aus dem gottesfürchtigen Illinois. Und Fans des Kultfilmers Gregg Araki („Nowhere“) konnten sich über ein Wiedersehen mit dessen frühen Aids-Experimental-Roadmovie „The Living End“ freuen. Andere Beiträge aber – etwa die Coming-Out-Posse „Hatsu-koi“ aus
Japan – verärgerten durch dilettantischste Machart.

Im „Forum“ versammeln sich vorwiegend Erstlingswerke, Avantgarde- und Experimentalfilme. Eröffnet wurde diesmal mit einem schwarzweißen Essayfilm des alten Bekannten Guy Maddin („Saddest Music in the World“). In „My Winnipeg“ porträtiert er seine kanadische Heimatstadt – inklusive der Nachstellung seiner eigenen Familiensituation in den Sixties. Einziger deutscher Spielfilm-Beitrag dieser Sektion war „Nacht vor Augen“ von Brigitte Bertele, das überraschend eindringliche Psychogramm eines traumatisierten deutschen Afghanistan-Soldaten.
Das gelungene Werk bekommt wohl demnächst auch einen regulären Kinoeinsatz.

Mehr Deutsches, nein: nur Deutsches bietet naturgemäß die Reihe „Perspektive Deutsches Kino“. Dort laufen nur mittellange
Kurzfilme und abendfüllende Werke vom Nachwuchs der deutschen Filmhochschulen. Den dazugehörigen Preis „Dialogues en Perspectives“
gewann „Drifter“, ein bitteres, durchaus quälendes Doku-Porträt über Teenager-Prostituierte und Stricher am Bahnhof Zoo.
Man merkt schon: Auch in diesen Reihen kam man um die dunklen Seiten unserer Welt nicht herum. Selbst in „Generation“-Sektion
(unterteilt in „K-plus“ für Kinderfilme und „14plus“ für Jugendfilme) ging`s düster zu: In „Cidade dos Homens“, Quasi-Sequel
von „City of God“, folgt man, durch fiebrige Handkamerabilder, zwei Jungs in die Bandenkriege in brasilianischen Favelas.
Im Doppelfeature mit dem Bären-Gewinner „Tropa da Elite“ konnte man sich da also einen besonders nihilistischen Filmtag
kredenzen.

Gegenschuss

Regisseure aus `Gegenschuss`

Für Filme, die in so gar keine Kategorie passen, gibt es noch die Reihe „Berlinale Special“. Da lief diesmal auch die sehenswerte Doku „Gegenschuss“ über die Gründung des „Filmverlags der Autoren“, in dem sich so unterschiedliche deutsche Regisseure wie Hark Bohm und Wim Wenders, später auch Werner Herzog und R. W. Fassbinder zusammentaten, um ihre Filme eigenhändig zu vermarkten. Ein spannender, lehrreicher Film über die Aufbruchszeit des Neuen Deutschen Kinos, in dem Fassbinder gleich zu Beginn einen Fernsehmoderator zusammenfaltet, der seinen in Cannes gelaufenen Film „Angst essen Seele auf“ als „provinziell“ einstufte: „Ich glaube, mein Film ist nicht halb so provinziell wie Sie.“

GESUNDHEIT!

Zehn Tage Berlinale – das ist nicht gesund. Vier bis fünf Filme am Tag sehen, dazwischen nie Zeit haben für eine ordentliche
Mahlzeit, immer nur Kaffee und Brötchen einwerfen, viel zu wenig schlafen – das schlaucht und schwächt die Abwehrkräfte.
Dennoch tut man sich das als Berlinale-Fan immer wieder an, und sei es nur, um mal ausnahmsweise einer richtig packenden
Pressekonferenz beizuwohnen (Patti Smith sang der Journaille ein Ständchen mit Gitarre, Luigi „Feuerherz“ Falorni musste sich
sichtbar genervt gegen politische Anzweifelungen eritreischer Journalisten wehren, und der selbstgefällige Errol Morris
bezeichnete die Fragen seiner Kritiker gleich augenrollend als „nonsense“). Oder sei es, um nach dem Spätfilm nachts in einer
Kneipe noch mit Bekannten oder Kollegen über das Gesehene zu debattieren, nur um dann wieder um 7 Uhr aufstehen zu müssen für
den Frühfilm… Wie gesagt: Der Körper ist jedes Mal froh, wenn die Berlinale wieder vorbei ist, denn „there will be blood“.

NACHTRAG




Über Madonna reden wir hier nicht. Sie bescherte dem Festival, nach den Stones, erwartungsgemäß den größten Rummel. Ihr Film aber,
„Filth and Wisdom“, der im Panorama lief, interessierte fast niemanden. Akkreditierte Journalisten schafften es sowieso nur im Ausnahmefall in die Premiere, denn die Plätze waren wohl für Berliner Scheinprominenz reserviert. Da ging man lieber nochmal zu den „Green Pornos“ von Isabella Rossellini: Kürzestfilme, in denen die Schauspielerin sich im Insektenkostüm räkelt und das Sexualverhalten von Glühwurm oder Grille demonstrierte. Ein schöner Scherz, der während des gesamten Festivals als Installation vor dem Arsenal-Kino zu bestaunen war. Für mich ganz klar: Besser liebevolle Kinospielereien als Starrummel um schlechte
Debütregisseurinnen. Aber nur meckern bringt auch nichts: Selbst wer mit dem regulären Programm in diesem Jahr rein gar nix
anfangen konnte, hätte sich ja immer noch täglich mehrfach in die diesjährigen Retrospektiven und Hommagen begeben können,
um Meisterwerke vergangener Epochen kennenzulernen oder aber wiederzusehen: Um Luis Bunuel ging es diesmal, den spanischen
Meisterregisseur, um den italienischen Politfilmer Francesco Rosi („Die Macht und ihr Preis“) und um den japanischen
Exploitation-Inszenierer Koji Wakamatsu, der sogar mit einem aktuellen Werk dabei war. Von 350 Filmen habe ich 32 gesehen;
die meisten davon gerne.



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