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Berlinale 2007 – Die erste Woche – Berlinale 2007

Spotlights unseres Korrespondenten Gian-Philip Andreas

BerlinalePalast

Vor dem Palast

Nach sechseinhalb Tagen Berlinale – viereinhalb werden noch folgen – sind die Augen müd, die Gelenke schwer, der Kopf belegt. All die Geschichten, die man hier auf der Leinwand erzählt bekommt, vier oder fünf am Tag, in fiktionaler oder dokumentarischer Form: Letztlich ist es unfair, sie wie am Fließband an sich vorbeirauschen zu lassen. Es besteht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig aufheben, dass ein eigentlich wertvolles Werk in der Masse des Gesehenen neutralisiert wird. Manches wünscht man nie gesehen zu haben, anderes würde man gern später noch einmal sehen, in Ruhe, ohne den Druck, nach der Ansicht direkt zur nächsten Vorführstation hetzen zu müssen.

Was bisher zu sehen war in den Kinos vom Zoo-Palast bis zum Potsdamer Platz macht den diesjährigen, 57. Berlinale-Jahrgang gewiss nicht zu den besten der vergangenen Jahre. Manch Kritiker behauptet gar, vielleicht auch aus dissidenter Querulanz heraus, er sei seit langem der schlechteste. Vor allem der Wettbewerb. Aber das ist natürlich übertrieben. Es zeigt aber auch, dass ein Festival wie die Berlinale, das in seinen diversen Nebensektionen rund 400 Filme zur Ansicht anbietet (mal lang, mal kurz), trotz alledem immer noch auf seinen Wettbewerb reduziert wird. Und dort läuft auch in diesem Jahr wieder genügend Schrott, um allerlei Hass aus Korrespondentenfedern tropfen zu lassen.

Der Eröffnungsfilm

La Vie en Rose

„La Vie en Rose“

Obwohl alles recht gut losging. Seit Jahren wurde kein Berlinale-Eröffnungsfilm mehr so wohlwollend angenommen wie „La Vie en Rose“ über das Leben der Edith Piaf. Dabei handelt es sich um ein recht konventionelles Bio-Pic, das sich aus Filmen wie „Walk the Line“ oder „Ray“ bewährter Weise, also mit Rück- und Vorausblenden und teilweise parallel sich entwickelnden Zeitebenen, das Leben der berühmtesten Chansonnière Frankreichs rekapituliert – freilich mit klarem Fokus auf die jungen Jahre des Noch-nicht-berühmt-Seins und aufs spätere Siechtum. Das nämlich lässt sich am spektakulärsten spielen, und tatsächlich liefert Marion Cotillard, die neulich noch als Gespielin im dümmlichen Russell-Crowe-Vehikel und Altherrengesäftel „Ein gutes Jahr“ zu sehen war, eine absolute Glanzleistung ab. Kieksendes Mädel und moribunder Zausel – ihre Jahrzehnte umspannende Darstellung ist souverän und wurde heftigst bejubelt. Der Silberne Bär als beste Schauspielerin dürfte ihr nicht zu nehmen sein.

The good German

„Der gute Deutsche“

Auch nicht von Cate Blanchett, die hier als einer der größten Stars über den roten Teppich gleiten durfte. Sie hat zwei Filme im Wettbewerb, wenngleich auch einen außer Konkurrenz. „Der gute Deutsche“ ist im Rennen und enttäuscht. „Ocean`s Eleven“-Regisseur Steven Soderbergh wollte eine Film-Noir-Kopie drehen, hat deren Stil in Kameratechnik, Dekor, schwarzweißer Lichtsetzung bis in die letzte Kreisblende kopiert und darüber vergessen, eine spannende Story zu erzählen. Das Agentengeplänkel um einen Journalisten (George Clooney, der sich in Berlin entschuldigen ließ), ein deutsches Soldatenliebchen (Blanchett, die hier als Imitation von Dietrich/Knef/Bergman durch die scharfen Schatten stolziert) und eine leicht undurchsichtige Intrige kommt einfach nicht aus den Puschen. Ein eindeutiger Fall von „Style over Substance“. Nach der Pressevorführung setzte es Pfiffe und Buhs. Soderbergh selbst gestand denn prompt, auch in Amerika sei sein Film „äußerst schlecht“ aufgenommen worden.

Der gute Hirte

„Der gute Hirte“

Wesentlich besser war der andere Agentenfilm aus den USA. „Der gute Hirte“, der jetzt schon ins Kino kommt, ist trotz seiner epischen Länge von 170 Minuten ein mitreißendes Porträt geworden. Robert De Niros zweite Regiearbeit ist sperrig genug, um nicht als Mainstream durchzugehen, bietet einen Matt Damon auf, der auf jede mimische Regung verzichtet und deshalb als Agent ohne Eigenschaften, der am Ende selbst die eigene Familie verrät, die beste Leistung seiner Karriere abliefert. Ein spannender, intelligenter Film, der bislang die Kritikerrangliste dieses Festivals anführt. Geht der Goldene Bär, den die Jury um Regisseur Paul Schrader und die Darsteller Mario Adorf und Gael Garcia Bernal am Samstag vergeben wird, also nach Amerika? Es könnte sein.

Der Gute Hirte Palast

„Der gute Hirte“- Cast

Denn ansonsten lief nicht so viel Brillantes im Wettbewerb. Das gefühlige Apartheiddrama „Goodbye Bafana“ mit „24“-Präsident Dennis Haysbert als nervend nettem Nelson Mandela hat jedenfalls keinerlei Chancen. Und unter all den „kleineren“ Werken aus Ländern wie China, Israel oder Argentinien ließ sich bislang auch keine größere Entdeckung ausmachen.

Die Deutschen

Die deutschen Beiträge (anderthalb) waren ordentlich, aber keine großen Würfe. Der Österreicher Stefan Ruzowitzky („Anatomie“) erzählt in „Die Fälscher“ die wahre Geschichte einer jüdischen Geldfälscherbrigade im KZ Sachsenhausen. Der Film umschiffte zum Glück alle Klischee- und Peinlichkeitsfallen, glänzte mit toller Besetzung (darunter Devid Striesow als Sturmbannführer und August Diehl als glühender Kommunist), verblieb aber letztlich doch in inszenatorischer Routine.

Die Faelscher

Szene aus „Die Fälscher“

Und „Yella“, der dritte Teil der „Gespenster“-Trilogie von Christian Petzold, gehört leider nicht zu dessen stärkeren Werken: Zuzusehen, wie Nina Hoss anderthalb Stunden deprimiert durchs Brandenburger und Hannover Ödland geistert, ermüdetete am Ende doch allzu sehr, trotz brillanter Bildkompositionen.

Die Stars

Am meisten Aufmerksamkeit innerhalb des Wettbewerbs ging folglich und absurderweise an Filme, die außer Konkurrenz laufen – weil sie anderswo schon längst im Kino laufen oder anderweitig abgefrühstückt sind. Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“ zum Beispiel, eine beklemmend dunkle Kriegsstudie aus japanischer Perspektive, wesentlich konzentrierter als der USA-zentrierte Vorgänger „Flags of our Fathers“, aber nicht minder auch ein Heldenlied.

Letters from Iwo Jima

„Letters from Iwo Jima“

Oder die Oscar-nominierten „Notes on a Scandal“, in denen eine herrlich zerrupfte Judi Dench als lesbische Psychopathin die junge Kunstlehrerin Sheba (wiederum Cate Blanchett) ganz für sich haben möchte. Eine Kolportagegeschichte, die allein von den brillanten Dialogen des britischen Dramatikers Patrick Marber („Hautnah“) und den tollen Darstellerinnen lebt. Diese Filme gehen nicht ins Rennen um den Bären, aber um ihre Pressevorführungen schlug sich die Journaille gegenseitig die Brillen von der Nase. Auch „The Walker“ wollte man sehen, Paul Schraders Nachklapp zum Klassiker „American Gigolo“. Doch über das müde Krimidrama mit Woody Harrelson als schwulem Südstaatendandy hüllt man am besten den Mantel des Vergessens – es lief wohl nur, weil Schrader Jurypräsident ist.

Die Geheimtipps

Notes On A Scandal

„Notes on a Scandal“-Pressekonferenz

Drei Geheimtipps gibt es aber doch noch im Wettbewerb: Park Chan-Wook, bekannt für seine beinharten Rächerfilme „Old Boy“ und zuletzt „Lady Vengeance“, verzichtet in seinem neuen Werk „I`m a Cyborg, but that`s okay“ zwar nicht ganz auf Gewalt, schenkt uns ansonsten aber ein liebenswertes, ordentlich surreales Märchen aus einer geschlossenen Anstalt. Das bezaubernde Duo Lim Soo-Jung (als Mädchen, das sich für einen Cyborg hält) und Rain (ein koreanischer Sängerknabe) sorgt für optisches Vergnügen, Parks durchgeknallte Erzählorgie für umso mehr Vergnügen. Es wird gejodelt in dem Film, geballert und geknutscht, und eine zahnlose Oma wird von langen Bändern in den Himmel geschleudert: knuffig.

Irina Palm

Marianne Faithful

André Téchiné, einer der renommiertesten französischen Arthouse-Regisseure, erzählt in „Die Zeugen“ halb-autobiografisch aus sexuell unbekümmerten Zeiten Mitte der Achtziger, in die plötzlich das Aids-Virus Unheil brachte: ein schnörkelloses, gut besetztes (u. a. Emmanuelle Béart) Drama, das es aber wohl schwer haben wird, internationalen Anklang zu finden. „Irina Palm“ hingegen sorgte für größte Erheiterung: Sängerin Marianne Faithfull spielt darin – sensationell gut – ein ältliches Hausmütterlein, das, um eine teure Operation ihres todkranken Enkels finanzieren zu können, als „Hostess“ in einem Londoner Sexclub anheuert. Ihre Schwierigkeiten als „wanking widow“, die die Erektionen ihrer Kundschaft durch ein Loch in der Kabinenwand versorgen muss, und zwar im Blumenkittel und mit Stullendose neben sich, haben auch die bärbeißigsten Kritiker amüsiert, durch intelligent verknappte Dialoge und die richtige Dosis Feel-Good-Humor im ansonsten eher düster verhangenen Wettbewerb. Jetzt endlich weiß man, wie es nach acht Stunden Schichtdienst zu einem „Penisarm“ kommen kann. „Palm“ heißt übrigens Handfläche, wer demgemäß frei assoziieren will, soll das tun. Wenn „Irina Palm“ den Bären bekommt, taufe ich ihn um in Onanier-Oscar.

Alles in allem ist ein klarer Favorit noch nicht auszumachen, die restlichen Tage bleiben also spannend. Immerhin sind noch große Namen von Jacques Rivette bis Francois Ozon dabei. Weniger Aufmerksamkeit erhalten üblicherweise die Filme in den Nebenreihen, die natürlich in Wirklichkeit wesentlich größere Reihen sind als der Wettbewerb.
Im „Panorama“, der Sektion für Weltkino und schwul-lesbisches Filmgut, überzeugte zum Beispiel Pascale Ferrans streng werkgetreue Verfilmung des ehemaligen Skandalbuchs „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence. Fast drei Stunden lang Naturbetrachtungen, Adelige erst im, dann ohne Kostüm, herziges Herumgetolle im Regen mit dem virilen Wildhüter, niemand kommt zu Schaden, keiner stirbt – ein Ausnahmewerk, das sehr entspannend wirkte im sonstigen Bildersturm der Berlinale. Hoffentlich findet es einen Verleih.

Kontrovers war „When Darkness Falls“ des Schweden Anders Nilsson, der in „Babel“-Manier verschiedene Geschichten nebeneinander hererzählt, die sich allesamt mit Rassismus und Gewalt auseinandersetzten. Zumindest der Handlungsstrang einer jungen Muslimin, die der Ehre ihrer Familie wegen brutalst geopfert wird, riss mit. Steve Buscemi, der ewige Star der US-Indie-Industrie, bewies derweil Entertainer-Qualitäten bei der Vorstellung seiner neuen Regiearbeit „Interview“: Im Remake eines Films des ermordeten Niederländers Theo van Gogh spielt er einen verkrachten Journalisten, der sich beim Interview mit einer vermeintlich dümmlichen Blondine (toll: Sienna Miller) schwer verhebt, und nach der Premiere erzählte er launig, wie er selbst in Interviews von verkrachten Journalisten verwurstet wurde.

Außerhalb des Wettbewerbs

Neben solchen Highlights sitzt man natürlich auch in der „Panorama“-Sektion recht häufig in Filmen, die sich prächtig für ein kurzes Nickerchen nutzen lassen oder aber schlicht für Wutzustände sorgen. Ich saß etwa in einem bildgewaltigen Lichtspiel („La Léon“), in dem ein knorziger Paraguayaner stundenlang ein Boot durch den stockdunklen Dschungel steuerte (wunderbar erholsamer Schlaf), in „Surveillance“, einem britischen Drama über das Unheilpotenzial von Überwachungskameras (unfassbar missraten) und auch in „The Bubble“, einer israelischen Schwulenkomödie, die gegen Ende urplötzlich und völlig unglaubwürdig in ein pathetisches Selbstmordattentatdrama umschlägt: komplett verschenkt. Filme über Geschlechtskrankheiten an koreanischen Highschools und über eine Frau mit bezahnter Vagina habe ich noch vor mir.

Hardcore-Cineasten suchen in der übrigen Zeit natürlich auch die Retrospektive (in diesem Jahr über Ladies im Stummfilm), die Hommagen (über „Bonnie & Clyde“-Regisseur Arthur Penn und den japanischen Obskurantisten Okamoto Kihachi), die „Perspektive Deutsches Kino“ (mit neuen Werken bislang unbekannter Jungregisseure), Sonderprogramme (übers Kochen im Film und über die Fotografen der „Magnum“-Agentur) und natürlich die Avantgarde-Sektion „Forum“ auf. Dahin lockten mich bislang nicht nur die wiederum bildstark-groteske neue Polit-Posse des Kurden Hiner Saleem („Dol“, kommt demnächst auch regulär ins Kino, wie schon sein Vorgänger „Kilomètre Zéro“) und der sich dann leider als bloß nervende Super-8-Wackelei entpuppende WM-Film „Substitute“ des französischen Nationalmannschafts-Ersatzspielers Vikash Dorasoo, sondern auch neue Werke der derzeit angesagten Berliner Schule.
Doch „Nachmittag“, der neue Film von Angela Schanelec („Marseille“) und locker auf Tschechows „Die Möwe“ basierend, ging mir schwer auf den Wecker mit seinen pausenlosen, papiernen Diskursdialogen. Besser, amüsanter und nachhaltiger präsentierte sich „Jagdhunde“ mit dem begnadeten Kabarettisten Josef Hader („Silentium“) und „Falscher Bekenner“-Star Constantin von Jascheroff, die hier als verkrachtes Vater- und Sohn-Gespann in der verschneiten Uckermark lakonische Familienscharmützel austragen.

Park Chan Wook

Park Chan-Wook

Empfehlenswert auch „Shotgun Stories“ des Regie-Newcomers Jeff Nicholls, der in der staubigsten Provinz von Arkansas zwei halbdebile White-Trash-Familien sehr tödlich aufeinanderhetzt – und „Heimatklänge“, die neue Doku des vielfach preisgekrönten Stefan Schwietert („Accordion Tribe“), diesmal über Schweizer Avantgarde-Musiker, die traditionelle Einflüsse verarbeiten. Klingt entlegen, ist aber wieder einmal sehr unterhaltsam und lehrreich – es wird natürlich noch mehr gejodelt als in Park Chan-Wooks Wettbewerbsbeitrag.

Vom Alphornblues zur CIA über schwule Israelis und französische Fußballer bis in die Uckermark: die Berlinale ist immer auch eine Reise quer durch die Welt, durch alle Milieus und Genres. Auch wenn`s manchmal nervt, wenn man mitunter über vergeudete Zeit stöhnt: Es überwiegt das Neue, das man von dieser Reise mitnimmt.
Was fehlt in diesem Text? Gewiss, die Kinder- und Jugendfilmsektion, die ab diesem Jahr „Generation“ heißt. Ich versprech`s: Für den nächsten Artikel habe ich auch aus dieser Sektion was gesehen.




Mit Gruss aus Berlin,



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