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Berlinale 2007 – Abschlussbericht – Berlinale 2007

Abschlussbericht unseres Korrespondenten Gian-Philip Andreas

Es ist geschafft, vollbracht und vorbei. Die Filmfestspiele liegen hinter uns. Aber um es mal deutlich zu sagen: Ein bemerkenswerter Berlinale-Jahrgang war das diesmal nicht. Dazu lief im Wettbewerb zu wenig Erinnerungswürdiges, dazu geschah am Rande zu wenig Sensationelles. Auch in den Nebenreihen hat man in früheren Jahren schon mal mehr Perlen entdecken können. Was natürlich nicht heißt, dass nichts Gutes dabei war. Aber so richtige Filmperlen, von denen man wüsste, dass sie zu den Highlights des noch jungen Kinojahres zählen, waren in diesem Jahrgang leider Mangelware. Bezeichnend genug, dass, rein cineastisch gesehen, die Höhepunkte eher retrospektiv gesät waren: die Wiederaufführung von Fassbinders Serie „Berlin Alexanderplatz“, 15 Stunden am Stück in der Volksbühne zu sehen, der Stummfilm-„Hamlet“ mit Asta Nielsen in neuer Kopie, sonst nie gezeigte Stummfilme in der „City Girls“-Retro: Der Cineast hätte sich allein mit diesen Sachen zehn anregende Tage bescheren können.

Doch der Filmfreund will natürlich wissen, was das Kino aktuell zu bieten hat. Ein Festival muss zeigen, wohin die Filmkunst unserer Tage driftet, welche Trends en vogue sind. Doch in dieser Hinsicht hatte die Berlinale diesmal einfach zu wenig zu bieten.

Bordertown

Jennifer Lopez Berlinale 2007

„La Lopez“ in der Menschenmenge

Die letzten Wettbewerbstage zum Beispiel: Es bleibt wirklich das Geheimnis von Festivalleiter Dieter Kosslick und seinen Programmgestaltern, warum sie den hundserbärmlichen Polit-Reißer „Bordertown“ ins Rennen geschickt haben. Das ehrenwerte Thema (Morde und Ausbeutung weiblicher Arbeiter in einer mexikanischen Grenzstadt) rechtfertigt jedenfalls kein derart plumpes Actionthriller-B-Filmchen. Jennifer Lopez als aufrechte Starjournalistin ist so oberpeinlich, dass es schmerzt: Auf dem roten Teppich vorm Berlinalepalast (und nur um ihn scheint sich alle audiovisuelle Berichterstattung zu drehen) war sie dennoch der Star. Und um darum ging es wohl. Sei`s drum. Immerhin gab es zum Abschluss noch ein Highlight, auch wenn die Mehrzahl der Kritiker das anders sah – Francois Ozons überlanges Kostümdrama „Angel“ funktioniert als liebevolles Zitat altehrwürdigen Douglas-Sirk-Hollywoodkinos bestens. Den meisten war das Melodram um eine kulleräugige Groschenromanautorin zu Kriegszeiten wohl zu unironisch. Mir hat es gerade deshalb so gut gefallen.

Tuyas Ehe

Der Gewinner „Tuyas Ehe“ *

Dass der Goldene Bär dann an das chinesische Bauern-Ehedrama „Tuyas Ehe“ ging, passt gut zu meiner Faustregel, niemals während des Wettbewerbs den späteren Gewinnerfilm zu sehen. Die Jurys scheinen sich grundsätzlich für Werke aus der Wettbewerbs-Frühschiene zu entscheiden, die das Publikum (noch benommen von den Bildern der letzttäglichen Spätfilme) mit langen Einstellungen und nicht vorhandenen Dialogen piesacken. Scheint toll zu sein der Film. Vielleicht kommt er ja auch regulär ins Kino? Vielleicht aber auch nicht. Auch die beiden Silbernen Bären für das argentinische Identitätsdrama „El Otro“ gehen in diese Richtung.

Wie üblich griff auch in diesem Jahr bei den Preisentscheidungen das Gießkannen- und Proporzprinzip. Das Ensemble von De Niros CIA-Porträt „Der gute Hirte“ für eine „besondere künstlerische Leistung“ auszuzeichnen, geht sicher in Ordnung, wirkt aber auch ein wenig beliebig. Nimmt man alle offiziellen und unabhängigen Preise, vom Amnesty-International-Preis bis zum Dokumentarfilm-Teddy, bleibt sowieso kaum ein Lichtspiel übrig, das meritenfrei blieb.

Überraschungen

Nina Hoss Berlinale 2007

Nina Hoss *

Wirklich überraschend ist eigentlich nur die Auszeichnung der besten Darstellerin gewesen. Da hätte wohl jeder auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Marianne Faithfull (als „wichsende Witwe“ in „Irina Palm“) und, mehr noch, Marion Cotillard, der umwerfenden Edith-Piaf-Porträtistin, gewettet. Auch Nina Hoss hätte das erwartet, wurde aber dann selbst ausgezeichnet für ihre leblose Rolle in „Yella“. Die Auslandspresse, die „Yella“ kollektiv verschmäht hatte, dürfte darüber nur den Kopf schütteln. Ich gönne es ihr trotzdem.

Jess Weixler Teeth

Jess Weixler *

Gab es denn noch Hits am Rande? Oh ja, natürlich. „Teeth“ (im Panorama) zum Beispiel, ein kleines, aber feines B-Filmchen von Mitchell Lichtenstein, Sohn des berühmten Malers Roy Lichtenstein. Darin quält ein liebesabstinentes Highschool-Girl zudringliche Verehrer mit ihrer Vagina Dentata. Wer nicht weiß, was das ist, möge jetzt bitte nachgoogeln und sicht über eine derlei beknackte Story-Idee freuen. Ähnlich geschmacklos und noch besser: „This Filthy World“, in dem einfach nur das Bühnenprogramm von Kultfilmer John Waters („Pink Flamingos“) abfotografiert wurde. Was der Typ mit dem haarfeinen Kinderschänder-Oberlippenbart zu Gott, der Welt und seinem eigenen filmischen Oeuvre zu sagen hat, gehörte sicher zum Witzigsten und auch Erhellendsten, was mir auf dieser Berlinale untergekommen ist.

Mit „Ferien“ (im Forum) hat Thomas Arslan einen der besseren diesjährigen Vertreter der Berliner Schule gedreht: Familienangehörige verschiedener Altersstufen faulenzen in der Uckermark und müssen ihre Beziehungsverhältnisse überprüfen. Das raschelt manchmal papieren im Dialog, nervt manchmal durch gestelztes Spiel (Angela Winkler mal wieder) und weist ein wenig zu viele Stimmungsaufnahmen wogender Baumwipfel auf, kommt aber immer noch weniger gekünstelt rüber als Angela Schanelecs „Nachmittag“.

Ansonsten kam mir auch im Rahmenprogramm wenig Memorables vor die Augen, auch das Queer Cinema, das auf der Berlinale traditionsgemäß einen gewichtigen Stellenwert besitzt, schwächelte erheblich. Abgesehen von der unterhaltsamen Doku „Schau mir in die Augen, Kleiner“ (die zudem am Freitag schon auf Arte lief) über die Genese des queeren Films seit den Siebzigern und dem erfrischend unbekümmerten koreanischen Stricherdrama „No Regret“ konnte man vieles schlichtweg sofort vergessen. Die ungarische „Tod in Venedig“-Hommage „Ferfiakt“ wirkte zu verstaubt, die Kurzfilm-Compilation „Fucking Different New York“ erwies sich gar als noch unterirdischer als sein deutsches Vorbild „Fucking Different“, das vor zwei Jahren meinte, auf der Leinwand erscheinen zu müssen.

Alles in allem zwiespältig also, diese Berlinale. Am heutigen letzten (Sonn-)Tag des Festivals waren die meisten Rezensenten und Journalisten schon abgereist, das „normale“ Publikum stürmte die Kinos. Und das kann durchaus als Wohltat bezeichnet werden, denn es wurde mal wieder so etwas wie ein kollektiver Respekt vor dem bevorstehenden Film spürbar und keine vorauseilende Skepsis wie in den meisten Pressevorführungen.

Generation KPlus Berlinale 2007

Generation KPlus *

So machte es zum Beispiel ungemein Spaß, im Kinderfilm „Lotte im Dorf der Erfinder“ (der auch schon nächste Woche regulär im Kino starten wird), unter lauter Kindern zu sitzen, die den niedlichen Zeichentrickfilm aus der neu geschaffenen „Generation“-Reihe frenetisch feierten: Da machte sich ganz direkt und ungefiltert Festivalatmosphäre breit. Und auch am letzten Abend wurde nach der Vorführung von „Osdorf“, dem finalen Beitrag der diesjährigen „Perspektive Deutsches Kino“, noch lange mit Newcomer-Regisseurin Maja Classen diskutiert. Wenn mehr Filme so hautnah und dringlich über die Leinwand geprasselt wären wie diese sehenswerte Doku über Hamburger Ghettokids – es wäre insgesamt eine bessere Berlinale geworden. Schade.

Hier der Bericht der ersten Woche…

* Photos (© Filmfestspiele Berlin)




Mit müdem Gruss aus Berlin,



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