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BERLINALE 2006 – Berlinale 2006

Resümee unseres Korrespondenten Gian-Philip Andreas

preistraeger Berlinale06

Berlinale-Preisträger

Es gehört zu den unumstößlichen Gesetzen meiner nunmehr zehnjährigen Berlinale-Erfahrung:
Den Gewinnerfilm, also das Werk, das mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet wird, verpasse ich stets. Das war auch in diesem Jahr wieder so. „Grbavica“, ein Drama um im Bosnienkrieg vergewaltigte Frauen und die fruchtbaren Folgen dieser größtenteils
bis heute ungesühnten Taten, lief in einer Pressevorstellung morgens um 9 Uhr und war komplett aus meinem Aufmerksamkeitsraster gefallen. Schließlich hatte ich ja auch nachts zuvor pflichtbewusst die Spätvorstellung eines koreanischen Jugenddramas in
der Nebensektion „Forum“ besucht. Da macht man morgens halt mal Pause.

Jetzt, nach der charmant-dilettierend über die Bühne gestotterten Preisverleihung,
fällt die Einordnung der diesjährigen Berlinale etwas leichter. Sie war auf jeden
Fall eine gute Berlinale, wenn man nicht nur den Wettbewerb, sondern auch die Reihen
„Panorama“, „Forum“, „German Cinema“ und das Kinderfilmfest mit berücksichtigt. Dort
liefen überproportional viele außergewöhnliche Filme, denen man dringend einen Verleih
und damit ein reguläres Anlaufen in unseren Kinos wünscht.

Der Wettbewerb an sich war hingegen insgesamt von eher durchwachsener Qualität,
mal abgesehen von den außer Konkurrenz laufenden Prestigeproduktionen von Terrence
Malick („The New World“) oder Bennett Miller („Capote“), die ohnehin demnächst alle
ins Kino kommen. Die politische Botschaft stand bei den meisten Filmen eindeutig im
Vordergrund, die künstlerische Qualität war dagegen oft nachrangig.

Dass der Hauptpreis an einen Außenseiter wie „Grbavica“ geht, ist sicher am
ehesten vor diesem Hintergrund nachzuvollziehen. Ähnlich muss man wohl die
Entscheidung sehen, dass der wichtige „Spezialpreis der Jury“ ex aequo an
eine dänische und eine iranische Produktion vergeben wurde. Weder die
Transsexuellenschnulze „En Soap“ (die unnötigerweise noch als bestes
Erstlingswerk ausgezeichnet wurde) noch das um Frauenrechte bemühte
Fußballdrama „Offside“ galten als Favoriten, so dass der kulturversöhnliche
Doppel-Preis wohl eher als deutliches Zeichen in den Wirren des Karikaturenstreits
gelten darf. In diese Riege passt dann auch der Regiepreis für Michael
Winterbottom, dessen Halb-Doku „The Road to Guantanamo“ ebenfalls eher durch
seine konsenspolitische Stoßrichtung als durch außergewöhnliche filmische
Substanz bestach.

vogel Berlinale06

Jürgen Vogel (P: A. Teich)

Neben den politischen Filmen durften sich die deutschen Produktionen freuen:
Beide Darsteller-Preise gingen an hiesige Mimen. Während das im Falle von
Sandra Hüller als psychosengeknechteter Studentin in „Requiem“ sehr
begrüßenswert ist, runzelte manch einer die Stirn darüber, dass ausgerechnet
Moritz Bleibtreu als sexbesessener Lehrer in Oskar Roehlers halbgarer
Houellebecq-Verfilmung „Elementarteilchen“ die Auszeichnung erhielt.
Von Paulus Manker („Slumming“) bis Heath Ledger („Candy“) hätte es
eine ganze Reihe würdigerer Aspiranten gegeben. Zum Beispiel auch
Jürgen Vogel im fast dreistündigen Vergewaltigungsfilm „Der freie Wille“,
der aber für seine „künstlerische Leistung“ immerhin auch einen Bären erhielt.
Insgesamt ist dieser Preisregen ein deutlicher Boost für den
(durchaus auch unbequemen) deutschen Film. Auch wenn der beste deutsche
Beitrag im Wettbewerb, Valeska Grisebachs „Sehnsucht“, komplett leer ausging.

Die wahren Preis-Überraschungen der Berlinale muss man sowieso, wie meist,
auch in diesem Jahr wieder jenseits des Wettbewerbs suchen. Zum Beispiel hat
es wohl noch nie gegeben, dass der „Teddy“-Gewinner für den besten schwul-lesbischen
Film gleichzeitig auch eine „lobende Erwähnung“ der Kinderjury des Kinderfilmfests
erhalten hat: Tatsächlich lief der philippinische Beitrag „Maximo Oliveros blüht auf“
in der Reihe für die jüngsten Kinogänger. Zudem ging der Preis der Filmkritiker in
der Reihe „Panorama“ sehr zu Recht an den Kiezkrimi „Knallhart“, den neuen Film
von Detlev Buck: So weit hat es der einstige „Männerpension“-Klamottenkönig
also jetzt gebracht. Und das ist immer noch nicht das Ende des teutonischen
Bescherungsregens ˆ ein deutscher Kurzfilm, Jan Koesters „Our Man in Nirvana“,
wurde mit dem „Preis der Kurzfilmjury“ ausgezeichnet.

Unterdessen werden längst die roten Teppiche eingerollt, und die gestressten
Einlassbediensteten dürfen ihre Aufputschmittel absetzen. Die Filmfans, Kritiker
und anderen Dauergucker können ihren zehntägig überbeanspruchten Augen, Gesäßen
und Hirnen endlich die ersehnte Erholung bieten. Ein langer Spaziergang täte mal
gut. Und endlich wieder was anderes essen als labbrige, überteuerte Fischbrötchen
aus den Potsdamer-Platz-Arkaden.




Abschließend noch ein Berlinale-Geheimtipp aus dem Sammelsurium des Gesehenen:
„Im Schwitzkasten“ von Eoin Moore, gelaufen in der Reihe „German Cinema“.
Eine sympathische Saunakomödie um findige Hartz-IV-Opfer, mit Christiane Paul,
Laura Tonke und Edgar Selge. Dürfte alle begeistern, die auch
„Sommer vorm Balkon“ mochten. Läuft Ende März regulär an. Bitte vormerken!
Und ich muss es jetzt noch irgendwie schaffen, „Grbavica“ nachzuholen…
Peinlich, peinlich.



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