EVENTS

BERLINALE 2006 – Berlinale 2006

Spotlights unseres Korrespondenten Gian-Philip Andreas


Syriana-Pressekonferenz

Es gibt zweierlei Sorten von Berlinale-Gängern. Die einen stehen kreischend am roten Teppich und jubeln den Stars zu. Sie freuen sich, dass George Clooney mittlerweile nicht mehr so vollbärtig und angespeckt ist wie in dem Film, den er hier präsentiert: „Syriana“ von „Traffic“-Autor Stephen Gaghan, ein ziemlich schicker, auch guter, aber irgendwie sehr verwirrender Politthriller. Clooney sieht jetzt wieder so aus, wie wir ihn kennen, blödelt herum, zeichnet in der Pressekonferenz
Karikaturen (!) für die dänischen (!) Reporter und serviert souverän angeschwipste Fragestellerinnen ab, die ihm mit lüsternem Blick „Berlin zeigen“ wollen und zu diesem Zweck eine Flasche Martini zücken.

Ja, der Journalismus hat schon manch einen fertig gemacht. Vor allem Filmkritiker, und die tummeln sich auf der Berlinale bekanntlich in schwätzenden Schwärmen, sie stolpern von Film zu Film zur Schreibstube zur Kneipe und werden von Tag zu Tag bleicher,
teigiger und vor allem müder. Sie sind die anderen, doch zu ihnen gleich mehr.


Ewan McGregor *

Die einen jedenfalls, die Star-Bejubeler, freuen sich, wenn Meryl Streep kommt, um Robert Altmans gediegene Country-Posse „A Prairie Home Companion“ zu promoten, wenn Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen da sind wegen Oskar Roehlers halbgarer Houellebecq-Melodramatisierung „Elementarteilchen“ und Jürgen Vogel, der im fast dreistündigen „Der freie Wille“ einen Vergewaltiger spielt,
aber so bewährt zahnlückig-nett auftritt, dass man das schnell vergisst. Ewan McGregor, im Programm mit dem leicht verunglückten Psychothriller „Stay“, präsentiert sich, im Gegensatz zu
Clooney, mit einem ausgesucht hässlichen Schnurrbart, während Natalie Portmans Haare gottlob wieder nachgewachsen sind. Der Film, in dem sie sie geschoren bekam, ist eine äußerst amüsante
Comicverfilmung namens „V wie Vendetta“. Darin ist England eine Mediendiktatur, die ihre Menschen mit falschen Katastrophen-News manipuliert, bis am Ende ein maskierter Rebell die Houses of Parliament zu Tschaikowsky-Sound in die Luft jagt. Ein Happy-End wohl gemerkt,
fast wie im richtigen Leben. Die Star-Bejubeler sehen sich Filme wie diese an und tun gut daran.

Die anderen nämlich, die grimmigen Filmkritiker und Cineasten, gehen in obskure Filme.
Darin spielen Leute mit, die keiner kennt, auch die Regisseure hat man selten gehört.
Manche dieser Lichtspiele sind echte Entdeckungen, und man kann sich damit rühmen,
diese Entdeckungen entdeckt zu haben, auch wenn niemals jemand wieder dieser Werke ansichtig
wird werden können. Viele aber sind auch eine rechte Qual, aber das darf man nicht zugeben,
weil es einem den Status als Cineast abspenstig machen könnte.

Vor ein paar Tagen war ich in einem schwedischen Schwarzweißfilm, der anderthalb
Stunden lang einen dicken Mann zeigte, der in einer vermüllten Bude nahe Tschernobyl herumwuselt,
sich Zellophanpapier um den Kopf wickelt, mit Embryopuppen spielt und am Ende eine junge Dame
auf seinem Rücken durch eine sichtlich atomar beeinträchtige Ruinenlandschaft trägt.
Dazu verliest auf der Tonspur die junge amerikanische Schauspielerin Jena Malone Klatschnews
aus der Boulevardpresse vor, über Brad Pitts Liebschaften und so. In diesem Film geht es um
einen Transsexuellen, auch wenn man das nicht direkt sieht. Ich muss zugeben, dass dieser Film
sehr schwer auszuhalten war, aber ich darf das nicht sagen, weil ich Kritiker bin und Cineast.
Also hier offiziell: „Container“ ist brillant. Inszeniert hat ihn Lukas Moodysson,
der mit „Raus aus Amal“ und „Zusammen!“ populär wurde und dieser Popularität
ganz offenkundig überdrüssig geworden ist.
Ich frage mich allerdings wirklich, wieso eigentlich in jedem zweiten
Film, den ich hier gesehen habe, mindestens ein Transsexueller vorkommt.
Ein neuer Trend? Eine von mir bislang verpasste Mode? Gestern ertappte ich mich jedenfalls,
wie ich mich wunderte, dass der Held des formschönen Neandertaler-Kinderfilms „Lapislazuli“
(von Wolfgang Murnberger) bis zum Schluss ausschließlich in Herrenwäsche über die Alm lief.
Dann war da noch dieses koreanische Teeniedrama („The Peter Pan Formula“ von Cho-Chang Ho)
über einen Jungen, der stets zärtlich seine im Koma liegende Mutter wäscht, auch als deren
Katheter platzt, und dann in die Gebärmutter seiner Nachbarin hinein will. Schwer symbolisch.
Oder das neue Werk vom japanischen Schock-Altmeister Takashi Miike.
Diesmal ein schwules Gefängnisdrama in abstrakter Optik, mit semmelharten
Prügeleien und nackten Asiaten im Wasserbecken. Hab ich nicht verstanden, war aber sexy.
Oder dieses spanische Bodyguard-Psychogramm im Wettbewerb („El Custodio“ von Rodrigo Moreno),
in dem 90 Minuten lang nichts passierte. Marilyn Manson war bei der Vorstellung auch anwesend.
Man sieht: Ich bin stolz, zu den anderen zu gehören.

Jetzt zu den Highlights:

Neil Jordans neuer Film „Breakfast on Pluto“ könnte ein Publikumshit werden.
Cillian Murphy aus „Red Eye“ spielt darin einen – selbstverständlich! – irischen Transsexuellen im
London der frühen Seventies zwischen IRA-Terror und Reise zum Glück. Ein Crowd Pleaser.
Ganz im Gegensatz zum spröden Australien-Western „The Proposition“ aus der Feder von Nick Cave.
Verdreckte Schauspieler, denen im staubigen Wüstensand der Bregen aus dem Kopf geballert wird:
Da war mancher entsetzt, der Film ist trotzdem super.

breakfast on pluto berlinale06 150x105

Breakfast on Pluto *

Ebenfalls bemerkenswert gelungen ist das neue Werk von Detlev Buck: „Knallhart“ ist keine Komödie,
sondern ein hartes Jugend-Kiezdrama aus Berlin-Neukölln.
Eine echte Überraschung, zumal es jederzeit den rechten Ton trifft. Das gilt auch für „Lucy“
von Henner Winckler, das ebenfalls unter jungen Leuten im unterprivilegierten Berlin angesiedelt ist.

Im Wettbewerb sollte „Slumming“ des Österreichers Michael Glawogger einen Preis gewinnen.
August Diehl spielt darin einen seelisch entleerten Yuppie, der sich einen Spaß daraus macht,
einen brabbelnden Penner (grandios: Paulus Manker) im Suff-Delirium von Wien in ein
tschechisches Kaff zu verschleppen, was der Auftakt für eine herrlich krasse
Sinnsuche markiert.

slumming berlinale06 150x100

P. Manker/A. Diehl *




Und Valeska Grisebachs „Sehnsucht“ löst das Versprechen ein,
das sie vor ein paar Jahren mit dem 60-Minüter „Mein Stern“ abgab.
Ein Shakespeare-Liebesdrama in der brandenburgischen Altmark, mit bewundernswürdigen
Laiendarstellern unglaublich präzise in die (Fast-)Tragödie hineinerzählt:
Das kriegt die Kurve zwischen lakonischer Provinzkomik und einer Alltagsmelancholie,
die einem auch am frühen Morgen im sterilen Berlinale-Palast die Tränen
in die Augen treibt. Meisterwerk.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Events, Specials veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.