INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

Bericht von der Sneak-Preview zu `Kukushka` von Rogoshkin – Münster, 21.06.2005

Die etwas andere Sneak-Preview

Dieser kleine aber feine Film war in dieser Nacht eine „Notlösung“. Doch diese „Notlösung“ hat sich in die Herzen der wenigen Zuschauer gespielt.
Zuvor wurden die zunächst zahlreichen Besucher der Preview durch einen jungen Moderator vorgewarnt: Da der große Blockbuster nicht rechtzeitig eingetroffen war, mussten sich die Verantwortlichen für diesen Film entschieden. Der außergewöhnliche Film sei schon auf kleineren Festivals gelaufen hieß es zunächst geheimnisvoll, und hat dort einige Preise abgesahnt. Die drei Sprachen würden wohl nur wenige im Publikum verstehen und bei nicht-gefallen sollte es das Eintrittsgeld zurückgeben. Die Spannung stieg.

Vorhang auf. Kyrillische Buchstaben verraten die Zeit. September 1944. Ein Kriegsfilm. Die Rote Armee befindet sich auf finnischem Boden. Wir begegnen zunächst Veikko, einem finnischen Scharfschützen, der von deutschen Soldaten an einen Felsen in der nähe einer Straße angekettet wird, um so die russische Armee zurück zu halten und kämpfend zu sterben. Während Veikko mit Geschick und Beharrlichkeit versucht, sich von seinen Fesseln zu befreien, wird er Zeuge, wie ein Jeep der russischen Militärpolizei versehentlich von den eigenen Flugzeugen bombardiert wird. Nur ein Insasse überlebt schwerverletzt und hat damit doppelt Glück. Der Soldat sollte wegen Verfassens von Naturpoesie hingerichtet werden. Der Schwerverletzte Ivan wird von der jungen Lappin Anni geborgen und in ihre einsame Behausung am Rande eines Sees gebracht. Auch Veiko findet, nach dramatisch geglückter Befreiung, den Weg zu der kleinen Rentierfarm. Die Kamera verfolgt diese so parallel entstandenen Handlungen mit viel Geduld und mit zeitweise äußerst langen Einstellungen. Dem Zuschauer fällt es schwer, der fast apathischen Bildsprache zu folgen. Die ersten verlassen den Kinosaal.

Doch mit dem Zusammentreffen der drei Hauptdarsteller nimmt die Geschichte fahrt auf. Die „Menáge á troi“ entwickelt sich zu einem fast komisch wirkenden babylonischen „Melting Pot“ dreier Kriegsopfer. Der russische Poet, der finnische Prometheus und die schöne Lappin würden sich prima ergänzen, gäbe es nicht das kleine Problem der drei unterschiedlichen Sprachen. Während Ivan den Finnen in deutscher Uniform für einen Faschisten hält, den es zu töten gilt, ist Anni von dem plötzlichen Angebot an männlichen Partnern überwältig. Den eigenen Mann hat der Krieg vor vier Jahren geschluckt, nun heißt es für die sinnliche Schöne die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Die Wahl fällt auf den jungen Finnen und Ivans Plan, ihn zu töten, bekommt durch die Eifersucht neue Nahrung.

So entsteht zwischen allen beteiligten Kriegsopfern ein immer währendes Duell, eingefügt in die jeweilige ideologische Denkweise der sehr real wirkenden Figuren. Zugleich kann sich keiner der beteiligten den anderen verständlich machen. Zu verschieden sind ihre jeweiligen Sprachen und Denkweisen. Für den Zuschauer bedeuten diese Missverständnisse eine wunderbar ironische Abwechselung zu der sonst doch eher ernsten Stimmung an den Ufern des Weißen Meeres.

Während der Kinobesucher im ersten Teil, der fast ohne Worte auskommt, damit beschäftig ist, die verwirrende Teile des Puzzles zu einem ganzen Bild zusammenzufügen, führt Regisseur Rogoshkin die Spannung im zweiten Teil mit der gegengesetzten Methode weiter. Wo man anfangs als Zuschauer weniger wusste als die Protagonisten, kehrt sich das Verhältnis nach dem Zusammentreffen um.

Rogoskins Parabel über das glückliche Zusammenfinden dreier unterschiedlicher Kriegsopfer ist kein uneingeschränkt empfehlenswerter Anti-Kriegsfilm. Teilweise haftet eine zu deutliche pro-russische Einstellung an den behutsamen Bildern. Auch dauert es zu lange, bis man sich auf die Handlung einstellen kann. Dennoch bleibt das Gesehene noch lange nach dem glücklichen Ende im Gedächtnis und rechtfertigt damit die zahlreichen Auszeichnungen, die der bereits 2001 entstandene Film, der zudem auch schon im TV zu sehen war, für sich beanspruchen durfte.

Der Film startet am 14. Juli 2005 in den deutschen Kinos.




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