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16te Internationale Filmfestival Oldenburg – Bericht vom 16. Internationalen Filmfestival

von Christian Gertz


Cineplex in Oldenburg

Schwarze Limousinen, Scheinwerfer, Hollywood-Prominenz oder Workshops in diversen Lokalitäten? Diese Insignien großer Filmfestivals wird der Filmfreund in Oldenburg vergeblich suchen. Oldenburg will nicht mit den sog. A-Festivals in Europa konkurrieren. Und das ist auch gut so!

Nein, die zahlreichen Cineasten, die jedes Jahr in die niedersächsische Stadt, die zwischen Bremen und der holländischen Grenze liegt, reisen, freuen sich auf die vielen neuen Independent Filme, die die Festivalleitung jedes Jahr in Oldenburg präsentiert.
Nicht von ungefähr kommt daher die Bezeichnung „das deutsche Sundance Filmfestival“. Eine Etikett, verliehen im Jahre 2008 u.a. vom „Hollywood Reporter“ oder der „Cannes Market News“, auf das die Festivalleitung in Oldenburg alles anderes als mit Unbehagen reagiert hat.

In Oldenburg werden Filme gefeiert wie Darren Aronofskys „The Fountain“ oder Larry Clarks „Ken Park“. Unter den Gewinnern des GERMAN INDEPENDENCE AWARD für den besten Film der Independent-Reihe sind Filme wie Dennis Ilidias „Hardcore“, „Pretty Persuation“ von Marcos Siega oder, am aktuellsten, „Das Fremde in mir“ von Emily Atef zu finden.

Zur Eröffnung des 16. fünftägigen Filmfests am 16. September 2009 stand die Bestseller-Verfilmung „Wüstenblume“ auf dem Programm. Eine solide inszenierte Romanverfilmung der Autobiographie des afrikanischen Topmodels und Beschneidungsopfers Waris Dirie. Sowohl Regisseurin Sherry Horman, die britische Schauspielerin Sally Hawkins, die im vergangene Jahr für ihre Rolle in „Happy-Go-Lucky“ den Silbernen Bären in Berlin in Empfang nehmen durfte, als auch der deutsche Darsteller Peter Lohmeyer, bekannt aus Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ wurden im Anschluss an die Premiere auf dem roten Teppich vor dem Staatstheater gesichtet.

Zu den filmischen Höhepunkten gehörten jedoch andere Filme. Wie zum Beispiel die Deutschland-Premiere des Rache-Thrillers „Vengeance“ von Johnnie To, in dem der französische Sänger und Schauspieler Johnny Hallyday die Hauptrolle spielt. Oder vielleicht auch „Don`t Look Back“ mit Sophie Marceau und Monica Bellucci in den Hauptrollen.

Als besonders sehenswert müssen auf jeden Fall die Filme bezeichnet werden, die in diesem Jahr in der sog. „Independent Reihe“ gelaufen sind. Darunter Perlen des unabhängig produzierten Kinos wie Buddy Giovinazzos Episodendrama „Life Is Hot In Cracktown“, eine Melange aus vier Geschichten aus Los Angeles rund um den „Krieg gegen die Drogen“, in dem es auf allen Seiten nur Verlierer gibt oder Bruno Barretos aktueller sozialkritischer Film „Last Stop 174“, in dem der Kinogänger die Heimatstadt des Regisseurs, Rio de Janeiro, von einer anderen Seite kennen lernt: Eine Stadt, bestimmt von Armut, Drogen und Gewalt, in der verwahrloste Kids ums nackte Überleben kämpfen. Dieses bewegende Drama wurde als brasilianischer Beitrag für den Oscar vorgeschlagen. Und der brasilianische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Bruno Barreto wurde gleich mit einer nahezu kompletten Retrospektive geehrt.

Weitere sehenswerte Filme waren aber auch James DeMonacos Regiedebüt, der prominent besetzte Gangsterfilm „Staten Island“, in dem Ethan Hawke als geistig zurückgebliebener Sully einem Mafiaboss 50.000 Dollar abluchsen will oder „Dolan`s Cadillac“, ein Film des Genres Film-Noir, in dem sich Christian Slater als zynischer Bösewicht und Wes Bentley („American Beauty“) in der Rolle des verzweifelten Racheengels einen Schlagabtausch erster Güte liefern.

Alle Horrorfans freuten sich auf die Filme der Sektion „Midnight Express“. Hier waren gleich zwei Filme des diesjährigen Fantasy Filmfestes vertreten: der Zombiestreifen „Pontypool“ von Bruce McDonald und „I Sell The Dead“ mit Ron Perlman. Filme, die durchaus das Fürchten lehren aber Kinderkram sind im Gegensatz zum diesjährigen „Must See“ für alle Freunde der härteren Horrorgangart: Andrew van den Houtens „Offspring“, ein Slasher-Thriller nach einem Roman des aktuell extrem gehypten Horrorautors Jack Ketchum („Jack Ketchum`s Evil“, „Red“).

Nach ereignisreichen Festivaltagen mit 9 Weltpremieren, 22 Deutschlandpremieren, 5 Internationalen- und 8 Europapremieren aus 76 Filmen ging das 16. Internationale Filmfest Oldenburg mit der Deutschlandpremiere des Films „Uncertainty“ von Scott McGehee und David Siegel zu Ende.

Den mit 8.000 Euro dotierten „German Independence Award – Bester Deutscher Film“ gewann das Drama „Distanz“ von Thomas Sieben. Eine fragwürdige Entscheidung. Ich fand mehr Gefallen am deutschen Filmmusical „Liebeslied“ von Anne Hoegh Hrohn mit dem Frontmann der deutschen Grupper Selig, Jan Plewka, und der herausragenden Nicolette Krebitz in den Hauptrollen. Dieser Film wird, im Gegensatz zu vielen anderen Festivalfilmen, das Licht der großen deutschen Kinoleinwände erblicken, voraussichtlich im Dezember 2009.

distanz siegerfilm oldenburg 2009

Das Team um `Distanz`




Der Siegerfilm „Distanz“ mit den Schauspielern Ken Duken und Franziska Weisz erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der zum Amokläufer wird. In der Jurybegründung hieß es: „Distanz überzeugt mit intensivem Spiel und einer eindringlichen Kameraführung. Es ist ein Film ohne Verachtung, sondern mit viel Menschlichkeit, der kontrastiv zwischen Liebesgeschichte und Gewalt eine unvorhersehbare Geschichte erzählt. Ihm gelingt das schwierige Kunststück, Empathie für einen Soziopathen aufzubringen.“ Ich fand ihn schlicht langweilig. Aber so ist das auf Filmfestivals, eine Auswahl wie in einer Pralinenschachtel: Was des einen Favorit ist des anderen Flop. Und umgekehrt. Und das ist auch gut so! Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf das nächste Jahr.



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