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13te Filmfestival Münster – Resümee – Kein großes aber ein besucherstarkes Festival

Abschlussbericht von C. Gertz

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Das Team und die Preisträger des 13. Filmfestival Münster

Klappe, die 13te! Das Filmfestival Münster stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Wettbewerbthemas “Risiko”. Dabei war nicht das Risiko seitens der neuen Festivalleitung gemeint, ein Filmfestival in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise zu feiern, sondern „Risiko“ war das zentrale Thema des Europäischen Spielfilmwettbewerbs in Münster. Acht Produktionen nahmen in diesem Jahr daran teil.

„Die Protagonisten nehmen einen oft sehr riskanten, aber auch mutigen und herausfordernden Weg auf sich, um ihrem Ziel, ihrer Passion und ihrer Überzeugung Folge zu leisten“, lautete die Grundzutat aller Spielfilme, die die neue Festivalleiterin Nicky Schulte mit ihrem Team für den Jahrgang 2009 ausgesucht hatte. Doch die acht Produktionen des Festival-Jahrgangs rissen die Cineasten alles andere als zu Begeisterungsausbrüchen hin. Nein, wieder einmal nicht. Auch die Filme der 13ten Auflage, so deutlich muss man es sagen, rechtfertigten die weite Anreise zum Filmfestival in die schöne Westfalenmetropole nicht. Obwohl in diesem Jahr eine Deutschland-Premiere mit reichlich A-Prominenz und Presse-Bohey das Festival eröffnen durfte.

Den Startschuss für das Filmfestival Münster 2009 lieferte am 7. Oktober die Deutschland-Premiere von UNTER BAUERN – RETTER IN DER NACHT (siehe Artikel) in Anwesenheit des holländischen Regisseurs Ludi Boeken und vielen prominenten Gästen wie Hauptdarstellerin Veronica Ferres, dem Hauptdarsteller Armin Rohde und mit der 97jährigen Frau, deren Geschichte in dem mittelmäßigen TV-Spielfilm erzählt wird, Marga Spiegel.

Sicher, die Deutschland-Premiere hätte auch ohne Filmfestival in Münster stattgefunden, aber so bekam das Festival bereits am ersten Abend reichlich Presse. Mehr als 6.500 Besucher sorgten daraufhin für einen neuen Besucherrekord im Festivalkino Cineplex. Ohne die drei ausverkauften Vorstellungen der Deutschland-Premiere und die drei nahezu ausverkauften Vorstellungen der Premiere des vorab im Kino präsentierten „Münster“-Tatorts hätte sich diese Zuschauer-Zahl sicher auch im 2009er-Jahrgang auf ein normales Niveau eingependelt. Ja, in den Vorjahren durfte sich die Festivalleitung freuen, wenn die Zuschauerzahl vierstellig war. Doch Beifall ist hier nicht angebracht.

Aber woran liegt das Desinteresse des Filmpublikums? Liegt es an den Münsteraner Kinogängern? Nein, Münster hat deutschlandweit den vierthöchsten Kinobesuch pro Einwohner des Landes. Liegt es an dem unglücklichen Termin? Nein, das Münsteraner Filmfestival 2009 trat am zweiten Oktober-Wochenende mit keinem anderen Filmfest in Konkurrenz. Die Resonanz und Anteilnahme seitens des Publikums auf einem Festival hat ausschließlich und allein etwas mit der Auswahl des Programms, hier also – der Filme zu tun. Und die waren auch mit der 13ten Auflage in Münster eher mittelmäßig. Da bieten Filmfestivals in anderen Städten wie Leipzig, Oldenburg oder Lünen weitaus klangvollere Titel und Namen.

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Szene aus „Versailles“

Nur drei der acht Spielfilme des europäischen Wettbewerbs trugen zu Recht das Prädikat „Kinotauglich“. Darunter sicherlich auch der spätere Gewinnerfilm „Versailles“, ein schnörkellos inszeniertes, nachtfinsteres Gesellschaftsdrama, in dem Guillaume Dépardieu in einer seiner letzten Rollen grandios einen asozialen Herumtreiber verkörpert, der sich als Ersatzvater öffnen muss.

Und dazu zählt sicherlich auch „North“, ein norwegisches, von launiger Country-Musik befeuertes Schneemobil-Roadmovie, das den Geist von Jim Jarmusch und Bent „Kitchen Stories“ Hamer atmet und mit seiner Lakonie und kurzgeschorenen Trockenkomik noch viel weiter als seine Vorbilder geht.

ff09 ew nordErzählt wird hier die Geschichte von Jomar, einem früheren Ski-Profi, der von Depressionen geplagt an einem Skilift in Trondheim arbeitet und eigentlich viel lieber zurück in die Psychiatrie will. Dann erfährt er aber, dass er am Polarkreis ein Kind hat, von dem er nichts wusste, fackelt die Arbeitsstelle ab und ist schon unterwegs. Gen Norden.

Mein Favorit oder vielmehr meine Favoritin auf den mit 7.500 Euro dotierten Regiepreis war die Belgierin Patrice Toye mit ihrem neuen Spielfilm „Niemand – Nowhere Man“. Diese belgische Produktion aus dem Jahre 2008 ist eine doppelbödige Exkursion, deren Identitätsspiel von fern an Michelangelo Antonionis „Beruf: Reporter“ erinnert und nicht ohne lakonischen Humor eine Reihe philosophischer Fragen aufwirft. Was braucht es zum Glücklichsein? Quält den Protagonisten die Durchschnittlichkeit seines Lebens, oder die Vorstellung, wie aufregend es hätte sein können? Erzählt wird hier die Geschichte des mit der schönen Sara verheirateten Tomas, der den eigenen Tod vortäuscht und der sich daraufhin auf eine exotische Insel absetzt. Nur muss Tomas bald feststellen, dass er auch als Wiedergeborener keineswegs sein Paradies gefunden hat. Fünf Jahre später wird er zurückkehren – und nicht nur das eigene Leben noch einmal auf den Kopf stellen.

Filmfestival EW Gewinner Pierre Schoeller

Pierre Schoeller

Die Jury des europäischen Spielfilmwettbewerbs, bestehend aus der spanischen Schauspielerin Irene Visedo, dem Autor, Regisseur und Schauspieler Holger Franke und dem Autor und Regisseur Matthias Luthardt, dessen Film „Pingpong“ als beste europäische Entdeckung des Jahres 2009 gefeiert wird, hat sich aber für Pierre Schoeller und sein Gesellschaftsdrama „Versailles“ entschieden. Das geht ok!

Nicht zu vergessen sei an dieser Stelle der deutschsprachige Kurzfilmwettbewerb, der mit drei Preisen ausgestattet ist. Der große Preis der Filmwerkstatt Münster (dotiert mit 5.000 Euro) ging an: „FALLEN GELASSEN“ von Daniel Büttner und Max Baberg. Die Kurzfilmjuroren Katharina Liebert, Florian Mischa Böder, Robert Gwisdek und Peter Stockhaus, die bis tief in die Nacht diskutiert hatten, übermittelten folgende Worte für ihre Entscheidung:
„Der Animationsfilm „Fallen gelassen“ von Daniel Büttner und Max Baberg schafft es mit großer Leichtigkeit ein natürliches und sehr lebendiges Abbild unserer modernen Welt zu erzeugen. In seiner stilisierten Abstraktion findet der Film zu erzählerischer Präzision, womit den Machern ein vielseitiger und ungeheuer unterhaltsamer Film gelungen ist. Die Jungs von Peppermill-Berlin rocken fetter, als es Disney erlaubt hätte.“ Jawoll!




Allein diese Begründung zeigt, dass die Stimmung sehr gut war unter den Beteiligten am verregneten langen Oktober-Wochenende in Münster. Wenn im übernächsten Jahr (das Filmfestival in Münster findet nur alle zwei Jahre statt) auch das Programm noch etwas hochklassiger wird, entwickelt sich vielleicht auch so etwas wie ein eigenes Profil oder ein eigenes Image des Filmfestivals, wie es anderen Festivals anderer Städte wie Lünen oder Oldenburg längst vergönnt ist. Münster liefert mindestens gute Voraussetzungen dafür. Das hat das 13te Filmfestival Münster wieder einmal gezeigt.



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