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13. FILMFEST LÜNEN – 13. Filmfest Lünen

Ein kleines Festival mit großen Kino-Momenten

Das kleine Kinofest in Lünen will kein Jahrmarkt der Eitelkeiten sein.
Glamour, Blitzlichtgewitter und Smoking gehören in andere Städte, nach
Cannes etwa oder nach Berlin. In der kleinen Stadt zwischen Hamm und Dortmund
wird ausschließlich der deutsche Film gefeiert. Kein Filmfest mit
Selbstzweckfunktion also, sondern es sei „wichtig, um den ungeahnten
Publikumspotenzialen jenseits der Metropolen Raum zu geben“, wie uns die
Verantwortlichen um Elfriede Schmitt und Ute Teigler zu verstehen geben.

In Lünen kommt der Filmfan auf seine Kosten, vier Tage Kino am
Stück mit einem kleinen Rahmenprogramm. Das Festival bietet somit im
ausklingenden Jahr einen idealen Einstieg in die anstehende Festivalsaison.
Für die wenigen lokalen Berichterstatter und sonstigen Filmfreunde eine
gute Möglichkeit, sich ein Bild über den Zustand des deutschen Films
zu machen. Und das Vorhaben gelingt – jedes Jahr aufs Neue.

Bereits zum dreizehnten Mal laden die Verantwortlichen an die Lippe ein. In
diesem Jahr erstmalig in das neue Kino Cineworld. Ein Umzug, der nicht bei allen
erfahrenen „Lünen-Freunden“ auf breite Zustimmung stieß.
Mit dem Gewinn an Komfort, Platz und Qualität sollte ein wichtiges, wenn
nicht das wichtigste Merkmal, das das Filmfest über all die Jahre
ausgezeichnete, verloren gehen: Die familiäre Enge des Lünener Kinos
Lichtburg wollte man nicht missen. Dass die Befürchtungen bereits am ersten
Tag zerschlagen werden konnten, lag jedoch nicht (nur) an der guten
Atmosphäre, die das neue Lichtspielhaus Cineworld verbreitet, sondern
vielmehr an den omnipräsenten Schauspielern. Spätestens wenn Joachim
Krol oder Daniel Brühl zum Bier und Popcorn anstehen ist sie wieder da, die
herzerfrischende Normalität, die das Festival über all die Jahre
ausgezeichnet hat wie kein zweites in Deutschland.

Durch diese fast intime Nähe zum Publikum bekommen die Macher vor allem
eins: Deutliche Reaktionen, ja Signale, die Fachbesucher und „normale“
Kinogänger durch ihre ersten Empfindungen nach dem Film aussenden –
Filmschaffende wissen sofort, wie ihr Film wirkt oder nicht wirkt.

Da ist es nur konsequent, dass in Lünen allein das Publikum den
Filmpreis bestimmt. Auf Stimmkarten kann der Besucher nach jeder Vorstellung die
Fläche „Klasse“, „Ok“ oder „Schlecht“
einreißen. In diesem Jahr stand am letzten Filmfesttag etwas
überraschend Nicolette Krebitz` Experimentalfilm „Jeans“ ganz
vorne. Eine Publikumsentscheidung, die für mich kaum nachvollziehbar war.
Statt realitätsferne Drehbuchzeilen aufzusagen, improvisieren die
Schauspieler in „Jeans“ ihre Dialoge, einer hauchdünnen Plotlinie
folgend, die von der Suche nach Liebe, Wärme und Sex handeln. „Ich
will die Menschen zeigen, wie sie sind“, sagte Krebitz nach dem Film,
„Man sieht sonst immer nur, wie sie sein wollen.“ Der Film
polarisierte das Publikum wie kein Film vor ihm. „Ein netter
Experimentier-Versuch“ meinte eine bekannte deutsche Filmkritikerin nach
dem Abspann. Das trifft es wohl am besten.

Viele Lünen-Besucher hatten zuvor den Eröffnungsfilm, Züli
Aladags „Elefantenherz“, in ihr menschliches Herz geschlossen und bis
zuletzt fest an einen Gewinn der LÜDIA geglaubt. Bessere und weitaus
erfolgreichere „Versuche“ als Krebitz´ Regiedebüt
„Jeans“ gab es allemal. Kai S. Piecks Doku-Drama „Ein Leben lang
kurze Hosen tragen“ beispielsweise ließ eindrucksvoll den
Kindermörder Jürgen Bartsch wieder auferstehen. Der Jungdarsteller
Sebastian Urzenowsky („Paul is dead“) und später der von mir
vielleicht zu unrecht zu oft kritisierte Tobias Schenk („Harte Jungs“)
verkörperten eindrucksvoll die schillernde Figur Jürgen Bartsch, einen
verstörten Teenager, der durch seine grausamen Taten „lediglich“
Aufmerksamkeit erregen wollte, um den Zwängen des erzkonservativen
Elternhauses zu entfliehen. Über 1000 Briefe hatte der hochintelligente
Kindermörder aus dem Gefängnis an seinen Psychiater Paul Moore
geschrieben, der daraus zwei Bücher machte. Durch die wenigen Worte Moores,
mit denen er nach der Vorstellung die eigenen Empfindungen vortrug, sprach er
den viel zu wenigen Zuschauern aus der Seele. „Ich bin tief bewegt“
sagte er mit zittriger Stimme. Bis in die letzte Reihe konnte man daraufhin das
Fallen der Steine vom Herzen des Regisseurs Kai Piecks vernehmen.

Ein weiterer, ähnlich erfolgreicher Versuch kam vom jungen Regisseur
Torsten Löhn. Sein Teenager-Straßendrama „Paule und Julia“
sollte „das Publikum vergessen lassen, das es einen Film sieht“, wie
Löhn nachher zu Protokoll gab. Zugegeben, die Sprache ´der
Slang´ der Straße musste den Jungdarstellern nicht in den Mund
gelegt werden. Verwunderlich nur, das der Film vor allem in Punkto Rhythmus und
Glaubwürdigkeit der Geschichte starke Defizite aufwies. Löhn ist
erfolgreicher Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin mit dem
Schwerpunkt Drehbuch. Lediglich durch die beeindruckenden Leistungen seiner
Jungdarsteller Marlon Kittel und Arnel Taci könnte der Film einen kurz
anhaltenden Eindruck hinterlassen.

Einen wesentlich längeren bleibenden Eindruck hinterließ hier die
Deutsch-Niederländische Co-Produktion „Baby“ von Philipp
Stölzl, den der ein oder andere Musikfan vielleicht als Regisseur von
diversen Musikvideos kennt. Seinem „Spielfilmdebüt“ durfte man
getrost den Stempel „Publikumsfilm“ verpassen, erzählt er doch
auf äußerst publikumschmeichelnde Art und Weise die Geschichte eines
selbstbewussten jungen Mädchens, das von zwei sehr verschiedenen
Männern und Freunden erzogen wird. Hauptdarstellerin Alice Dwyer zog das
Publikum ebenso schnell in ihren Bann wie der ganze Film, eine wilde Mischung
aus Drama, Komödie, Gangster-Groteske und „Lolita“.

Erstmalig fand in Lünen in diesem Jahr ein Länderfocus statt.
Ähnlich denen der großen Filmfestivals wurden einige Filme und
Gäste aus einem europäischen Nachbarland eingeladen. In diesem Jahr
waren es Filme aus den Niederlanden. Publikumsliebling war hier unbestritten
Jereon Krabbés „Die Entdeckung des Himmels“, eine
Romanverfilmung des gleichnamigen Harry Mulisch Bestsellers. Über zwei
Stunden überzeugten die beiden Darsteller Stephen Fry und Greg Wise in
einem nicht immer stringent inszenierten aber dennoch gelungenen Drama über
zwei Freunde namens Onno Quist und Max Delius, denen die Aufgabe zuteil wird,
die beiden Väter des vom Himmel auserwählten Quinten zu sein. Genau
der richtige Film für den frühen Samstagabend.




Und dann, am Sonntag, gab´s die Abschluss-Gala, die nach der
Bekanntgabe des Gewinnerfilms noch mit Fatih Akins großartiger
Mileu-Studie „Solino“ einen würdigen Abschluss fand. An den
Thresen hielten sich derweil Joachim Krol, Lokalpatriot Peter Lohmeyer, das
entspannte Viva-Film-ab-Team um Simon Gosejohann und diverse Schauspieler auf,
um ganz nah dran zu sein, an den Reaktionen, Empfindungen und Emotionen. Vor
allem diese Nähe machte den Reiz des Filmfestes aus. Auf das es beim
vierzehnten Filmfest im nächsten Jahr ähnlich nah am Publikum und
somit aus Zuschauer-Sicht genauso erfolgreich sein möge.



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