INTERVIEWS UND HINTERGRüNDE

„Wir haben wortlos das Wortlose versucht zu finden und auszudrücken.“ – Interview mit Julian Pölsler zum Film „Die Wand“

Um unsere Freiheit ist es sehr traurig bestellt. Wahrscheinlich hat es nie anderswo als auf dem Papier gegeben„, schreibt Marlen Haushofer in „Die Wand“. Doch gerade dort findet sich nichts davon; zumindest auf dem Papier des Romans, den Julian Pölsler als gedankenversunkenen Naturdrama adaptierte. Lida Bach sprach zum Kinostart von „Die Wand“ mit dem österreichischen Autor und Regisseur über innere und äußere Wandlungen und des Films und seiner selbst.

 

Mehrfilm: Das Abschneiden der Haare ist ein einschneidendes Erlebnis. Warum lassen Sie es bei der Frau unerwähnt?

Julian Pölsler: Ich habe mich das so oft gefragt und das natürlich gedreht. Frauen finden Haareschneiden wichtig, weil Frauen machen, wenn sich irgendetwas verändert in ihrem Leben, zwei Dinge: sie kaufen sich neue Schuhe oder legen sich eine neue Frisur zu. Jetzt habe ich mir aber gedacht, die Frau in der „Wand“ reagiert anders auf ihre Verwandlung. Es war eine Intention von mir möglichst viele Interpretationsspielräume zu geben. Was ist die Wand? Wer ist die Frau? Wie wird es weitergehen? So auch: Wie hat sie sich die Haare geschnitten und warum? Hat das in etwa Ihre Frage beantwortet?

Mehrfilm: Es lässt zumindest Ihre Interpretationsmöglichkeiten offen.

Pölsler: Wir hatten das aufwendig gedreht mit doppelter Belichtung. Die Frau mit langen Haaren schaut sich selbst zu, wie sie die kurzen schneidet. Aber ich war Regieassistenz bei Axel Kotti und der hat mir einen Satz mitgegeben, den ich versuche zu beherzigen: „Das Einfache ist das Schwere. Aber das Einfache ist das Ziel.“ Das gilt auch für diese Haarsache.

Mehrfilm: Zeigt das Reduzieren der Äußerlichkeiten der schon anfangs unscheinbaren Frau, dass die Perspektive Fremder ihre Bedeutung verliert, wenn man naturverbundener wird?

Pölsler: Die Haartracht der Frau hat einen einfachen dramaturgischen Grund. Ich habe bemerkt, dass manche diese Ebenen nicht verstanden haben, die Zeitebenen. Der Film fängt in einer „Jetztzeit“ an, geht zweieinhalb Jahre zurück und dann macht Haushofer noch eine dramaturgische Klammer. Um das visualisieren zu könne, habe ich die Frau in der „Jetztzeit“ mit kurzen Haaren ausgestattet. Natürlich hab ich mir auch überlegt, warum hat sie die kurzen Haare. Da kommt was von dem, was wir besprochen haben, wie Frauen reagieren auf Katastrophen in ihrem Leben. Ich möchte, dass die Kinobesucher, wenn sie aus dem Kino kommen, noch weiter nachdenken über viele Fragen. Eine davon könnte sein: Warum hat die da die kurzen Haare und warum sehe ich es nicht, wie sie sie abschneidet?

Mehrfilm: Die Naturbindung steht aversiv zur Menschenbindung. Den ersten, den die Frau nach all der Zeit sieht, tötet sie ohne Zögern. Die Möglichkeit einer Veränderung oder nur Fragen zu stellen, eliminiert sie mit einem Schuss.

Pölsler: Im Radio Österreich Eins gab´s die Diskussion unter dem Titel. „Seismographen der Welt – Frauen in der Kunst“. Da wurde angesprochen warum am Ende alles Männliche, der Mann, der Stier, der Hund, stirbt und alles Weibliche, die Frau, die Kuh, die Katze, überlebt. Gibt es so etwas wie spezifisch Weibliches und wie äußert sich das? Hier ist es so, dass dieses Schützende, Bewahrende, Nachinnengerichtete, eher ein weibliches Element ist. In ihrem Bedürfnis, ihre Tiere, das ihr anvertraute, zu schützen, überlegt sie nicht. Der Mann ist ja einer, der völlig aggressiv auftritt.

Mehrfilm: Zu diesem negativen „Männlichkeitskonzept“ existiert kein Gegenbild in der Geschichte.

Pölsler: Ich glaube, das ist der emanzipatorische Ansatz von Frau Haushofer. Die hat in ihrer persönlichen Geschichte in einem sehr frauenfeindlichen Umfeld gelebt. Da hat sie das alles anscheinend verpackt.

Mehrfilm: Ab wann war Martina Gedeck für Sie die Idealverkörperung der Frau und wie arbeiten Sie bei so einer Einzelrolle zusammen?

Pölsler: Ab dem Moment, wo fest stand, dass es eine österreichisch-deutsche Co-Produktion wird, war für mich und uns alle klar: Das kann nur Martina Gedeck spielen. Das Außergewöhnliche an der Zusammenarbeit mit Frau Gedeck war, dass wir sehr reduziert miteinander kommuniziert haben. Wir haben wortlos das Wortlose versucht zu finden und auszudrücken. Ich bin letzte Woche aus Helsinki gekommen, wo der Film erfolgreich gelaufen ist und viele Finnen die Arbeit von der Frau Gedeck gelobt haben, weil es keinen Dialog gibt, der ablenken würde. Außer der Voice-Over natürlich. Es ist ein Film ohne Filmmusik. Die Bach-Partien, die ich verwendet habe, sind für mich die Fortsetzung der Voice-Over in einer anderen Sprache. Die dritte Sprache ist Stille. Ich hätte gerne mehr gehabt, aber meine Produzenten waren nicht ganz meiner Meinung. Das ist die dritte Ebene der Voice-Over: wann sagt sie etwas, wann sagt sie nichts und wann erzählt Bach weiter. Gibt viel, die sagen: Schrecklich der Bach!

Mehrfilm: Es waren mir etwas viele Stilmittel, als sie den Mann erschießt, wo Sie bereits mit Slowmotion arbeiten.

Pölsler: Habe ich auch lange überlegt. Mich stört es fast mehr auf der Alm, wo sie sitzt. Aber es ist so, dass Haushofer hier in diesen Kapiteln des Romans sehr viel sagt. Ich wollte eine andere Form der Sprache und so bin ich auf Bach gekommen. Ich habe sehr lange überlegt, ob ich sie verwenden darf und sie immer wieder gehört. Irgendwann sagt man, ich kann das nicht mehr hören. Bei Bach ist genau das Gegenteil passiert, weil er eine Sprache spricht, die wir nicht auf Anhieb verstehen und das ist die zweite Ebene der Sprache.

Mehrfilm: Herr Pölsler, vielen Dank für das Interview.

 

Hier geht es zur Kritik zum Film „Die Wand“.

 

Video-Interview mit Julian R. Pölsler zu „Die Wand“ auf der Berlinale 2012: 



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