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„Love“ – Staffel 1

Plakat_Love_NetflixNetflix ist wirklich clever. Mit den modernen Methoden des digitalen Marketings brennt sich der US-Streamingdienst auf seiner weltweiten Eroberungstour auch bei der (kritischen) deutschen Zielgruppe immer mehr ins Langzeitgedächtnis. Ein Entkommen? Als Film- und Serienfan? Nahezu aussichtslos. Fast sämtliche digitale Anlaufstellen des Informationsaustausches sind bereits seit geraumer Zeit mit netflix-Ads „verziert“. Der kostenlose Probemonat verführt zum umfangreichen Film- und Serientest. Und das Sortiment sorgt auch bei Kennern inzwischen für erhöhten Speichelfluss. Mit der Marvel-Serie „Jessica Jones“ hatten wir den Dienst bereits ausreichend vorgestellt. Gründe genug, nun eine weitere Produktion zu empfehlen, die einen Blick lohnt: Die Serie „Love“ von Judd Apatow.

Entschuldige die Wortwahl aber: Wie geil muss das bitteschön sein …? Da kommt plötzlich ein Mann oder eine Frau mit einer Tasche voller Geld auf Dich zu. Du hast mit ein paar unterhaltsamen Produktionen dein Talent für die richtige Zielgruppenansprache bereits erfolgreich unter Beweis gestellt. Und nun bekommst Du freie Hand. Die absolute künstlerische Freiheit. Nur das Format wird vorgegeben. Eine Geschichte, bestehend aus mindestens sechs Episoden, weder jugendgefährdend noch gewaltverherrlichend. Das war´s. That´s it. Wer lässt sich da zwei Mal bitten? Immer mehr Kreative nehmen dieses Angebot dankend an. Auch der New Yorker Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Judd Apatow hat es getan.

Szene_love-tv_kritik_netflixApatows Grundidee für seine erste Netflix-Produktion basiert auf dem ältesten Gerüst des Geschichteerzählens (nicht erst seit es Bewegtbilder gibt): Mann trifft Frau. Apatow, der mit Spielfilmen wie „Jungfrau (40), männlich sucht …“ (2005), „Beim ersten Mal“ (2007) oder „Ananas Express“ (2008) sein komödiantisches Talent ausreichend bewiesen hatte, platziert seine Ausgangssituation in das Los Angeles der Jetztzeit. Eine Kennenlerngeschichte in der Generation Y: Mann, Anfang 30, kinderlos, trifft auf Frau, Ende 20, kinderlos, beziehungsgeschädigt. Apatows Ansatz ist aber kein romantischer sondern ein analytischer: Wie funktioniert der Aufbau einer ernsthaften Beziehung in einer Generation voller postmaterieller Skeptiker? In einer Generation, in der nahezu jeder Schritt durch die rasante Entwicklung im Hard- und Software-Bereich zu jederzeit und von jedem Ort dokumentiert und vor allem kommentiert werden kann bzw. wird?

Und um die Geschichte noch unterhaltsamer zu machen, bringt Apatow zwei Menschen zusammen, die unterschiedlicher kaum sein können: Mickey (Gillian Jacobs), fatalistische Borderlinerin, hat genug von ihrer Immer-mal-wieder-Beziehung mit dem daueraktiven, drogensüchtigen Eric (Kyle Kinane). Sie will ihr Leben endlich in den Griff bekommen und als Programm-Managerin bei einem Internet-Radio nicht nur beruflich neuen Halt finden. Mickey liebt gute Musik, Fast-Food, ihre Katze „Grandpa“ und ihren alten Benz, mit dem sie immer mal wieder durch die City cruist.

Als Mickey eines Tages ihre Wohnung, die sie mit einer Australierin teilt, verlässt, um Kaffee zu kaufen, trifft sie in einer Tankstelle auf Gus. Der 31-jährige On-Set-Lehrer (Paul Rust, Mit-Autor der Serie) versucht gerade die Scherben, die eine langjährige Beziehung bei ihm hinterließen, an einem neuen Ort zusammen zu kehren. Gus ist im Gegensatz zu Mickey alles andere als impulsiv, spontan oder gar mutig. Gus hat es am liebsten ruhig, bei den regelmäßigen Jam-Sessions mit seinen Freunden oder auf dem Weg zur Arbeit mit seinem Hybrid-PKW. Klar, dass der liebenswürdige Gus der tolpatschigen Mickey aus der Patsche hilft, als diese ohne Geld ihren Kaffee bezahlen will.

Was passiert?

Zwei verwirrte und verletzte junge Neu-Singles werde vom Schicksal zueinander geführt. Schauplatz ist Echo Park, ein In-Viertel von L.A., in dem sich Hipster und junge Familien angesiedelt haben. Und mittendrin diese beiden verkrachten Existenzen. Nach den jeweiligen Trennungen in der Pilotfolge kommen sich Mickey und Gus in der zweiten Folge näher. Sie mögen sich trotz eklatanter Gegensätze und versuchen, eine Beziehung aufzubauen. Dies führt zu allerlei schmerzhaft peinlichen Situationen und folglich zu jeder Menge Komik, hinter der sich viel Wahrheit über die Umständlichkeit von Menschen der Generation Y verbirgt. Inszeniert werden die einzelnen Folgen teils von namhaften, auch als Schauspieler bekannten Regisseuren wie John Slattery („Mad Men“), Steve Buscemi („Boardwalk Empire“) und Michael Showalter („Wet Hot American Summer“). Dabei wirken die insgesamt 10 Episoden eher wie Teile eines Independentfilms als wie hinlänglich bekannte Episoden aus sonstigen Ensemble-Comedy-Formaten. Eine Geschichte im engeren Sinn gibt es meist nicht, stattdessen ist man stiller Beobachter und Freund der Figuren, die ihren Alltag meistern, ihre langweiligen Partys, misslungenen Dates oder auch teilweise frustrierenden Jobs.

Was passiert wirklich?

Ernste Liebe in Zeiten von Selbstbestimmung, Partnerbörsen und Dating-Apps. Wie soll das funktionieren? Komödienspezialist Judd Apatow lässt mit zwei Figuren der Generation Y nicht nur zwei grundverschiedene Menschen sondern auch zwei Weltanschauungen aufeinanderprallen, um zu zeigen, dass Werte wie Vertrauen, Treue und Ehrlichkeit selbst unter schwierigsten Bedingungen noch längst nicht verloren sind. Und ganz nebenbei wird beim Mitfiebern und Kopfschütteln über das Chaos dieser eigentlich zum Scheitern verdammten Romanze noch der aktuellen Medienlandschaft der kritische Spiegel vorgehalten und die eine oder andere Wahrheit im zwischenmenschlichen Umgang aufgedeckt.

 

 

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