KRITIK

Young@Heart

Young@Heart Wer dachte, die Problemkinder aus dem Erfolgsfilm „Rhythm Is It!“ seien das letzte Wort in Sachen kinotauglicher Doku-Soap gewesen, kennt die rockenden Alten aus Massachusetts nicht. Wenn die nämlich in Gesang und trockene Sprüche ausbrechen, bleibt kein Auge trocken. Garantiert.

Vor 25 Jahren wurde der „Young@Heart“-Chor gegründet, mittlerweile tourt er durch die Welt. Stephen Walker sah ihn live und drehte sofort diese Dokumentation. Ein Film über die Proben eines Seniorengesangsvereins? Klingt sterbenslangweilig, ist es aber nicht.

Das liegt einerseits an der Art dieses Chores. Denn unterm gestrengen Dirigat des Gründers Bob Cilman werden hier keine ollen Kaffeekränzchen-Heuler gesungen, sondern Klassiker aus Punk und Rock`n Roll. Gleich zu Beginn grölt eine über 90-Jährige, die zu sexuellen Anspielungen neigt, die alte „Clash“-Frage ins Mikro: „Should I Stay or Should I Go?“ Die Antwort des enthusiasmierten Publikums dürfte klar sein. Später rackert sich der Chor dann mit dem lärmigen „Schizophrenia“ von Sonic Youth ab. Zum anderen sind es die 75- bis 91-jährigen Alten selbst, die den Film zum Ereignis machen: Sie haben sich Energie und Witz und Weisheit bewahrt und geben Walker bereitwillig Auskunft, auch über letzte Dinge

Chor-Veteran Fred Knittle haut etwa Sprüche wie diesen hier raus: „Ich reiste von Kontinent zu Kontinent, bis ich inkontinent wurde.“ Jetzt hängt er am Sauerstoffgerät und singt zum rührenden Ende mit Schläuchen in der Nase Coldplays „Fix You“. Ganz allein, denn Duett-Partner Bob starb während der Dreharbeiten – und blieb damit nicht der einzige.

Egal, der Chor rockt weiter, und der Film läuft zwischen Totentanz und Lebensfeier zielsicher in seinen Hafen ein: Mehr Mut zum Weiterkämpfen hat schon lange kein Film mehr gemacht. Sehenswert.



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INHALT

Young at Heart ist ein einzigartiger und ungewöhnlicher Chor von 75- bis 92-Jährigen: Einige der Chorsänger haben beide Weltkriege erlebt und nun bringen sie mit modernen Punk-, Soul- und Rock-Songs von The Clash über James Brown bis Nirvana weltweit die Säle zum Kochen und die Herzen zum Schmelzen. Regisseur Stephen Walker zeichnet ein Portrait der weißhaarigen Damen und Herren aus Massachusetts. Er begleitet sie während der Proben für ihr neues Programm, bei ihrem bewegenden Auftritt in einem Männergefängnis unmittelbar nach dem Tod zweier Chor-Mitglieder und schließlich beim großen mitreißenden Auftritt vor Tausenden von Zuschauern.
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Eure Kritiken zu Young@Heart

  1. Christian

    Eine herausragende Dokumentation, die mit der Kamera zwar stets nah vor Ort aber nie zu aufdringlich wirkt. Hier werden die Protagonisten sehr ernst genommen, nie bloßgestellt und sehr lebensnah eingefangen. Taschentücher nicht vergessen – klasse!

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