AKTUELL IM KINO

Wunder

Plakat zum Film Wunder mit der Familie Pulmanm, bestehend aus Julia Robert, Owen Wilson, Jacob Tremblay

Bild (c) 2018 Studiocanal Filmverleih.

Der starbesetzte Familienfilm ist ein bekömmliches und erbauliches Stück Kino, dem jedoch jegliche Ecken und Kanten fehlen. Und der vielleicht gerade deswegen so viel Erfolg an den Kinokassen in den USA hatte. Die Familie, insbesondere eine so perfekte, wie sie hier dargestellt wird, ist eine Sehnsuchtsfamilie, der es gelingt, ein gespaltenes Land wie die USA zumindest für eine Spielfilmlänge im Kinosaal zusammenführen. Die Regie für die Inszenierung, die auf einem Bestseller von R. J. Palacio basiert, übernahm Stephen Chbosky, der bereits mit seinem sensiblen Teenager-Porträt „Vielleicht lieber Morgen“ wohlwollende Zustimmung bei der Kritik erhielt. Ihm ist es letztendlich zu verdanken, dass das leichte Melodram um einen entstellten Jungen nicht komplett in Zuckerwatte versinkt.

Ein großes Haus, tolle Kinder, eine funktionierende Ehe – Auch wenn das Leben der Pullmans äußerlich perfekt erscheint, hält das Schicksal einige Tiefschläge für sie parat: Der jüngste Sohn Auggie (Jacob Tremblay) wurde mit einem Gen-Defekt, einer Gesichtsdeformation geboren, die nur teilweise und durch 30 plastische Eingriffe wieder hergestellt werden konnte. Der Junge wurde bis zu einem gewissen Alter zwar von seiner Mutter Isabel (Julia Roberts) unterrichtet, allerdings soll der 10jährige jetzt endlich eingeschult werden. Keine einfache Aufgabe für den sehr cleveren und wissenschaftsbegeisterten Auggie. Denn bis dato hatte er sich oftmals unter einem Astronautenhelm vor der Außenwelt versteckt.

Szene aus dem Film Wunder mit Jacob Tremblay in der Schule.Wie zu erwarten, stößt Auggies Äußeres bei seinen Mitschülerinnen und Mitschülern auf Befremdung, schlimmstenfalls auch auf Spott und Mobbing. Doch nicht nur er hat mit seinen Problemen zu kämpfen, auch seine ältere Schwester Via (Izabela Vidovic) muss sich mit typischen Teenager-Problemen auseinandersetzen. Die aber innerhalb der Familie kaum Beachtung finden.

Regisseur und Drehbucht-Co-Autor Stephen Chbosky beweist nach „Vielleicht lieber Morgen“ abermals ein sensibles Händchen für Teenagerprobleme, indem er ihnen auf Augenhöhe begegnet. Es gelingt ihm, auch die Schwierigkeiten auf eine einfühlsame Art und Weise darzustellen, die seinem erwachsenen Publikum andernfalls banal erscheinen könnten. Dazu wechselt Chbosky oft die Erzähl-Perspektive: Der kleine Auggie steht im Mittelpunkt, auch weil dessen Probleme am größten erscheinen. Der Regisseur rückt aber auch Auggies unmittelbare Umgebung in den Fokus des Films. Letztendlich gelingt ihm das am besten mit der Schwester des geplagten Jungen. Chbosky zeichnet dazu ein durchaus nuanciertes Porträt eines Mädchens, das zwar Verständnis für die Probleme ihres Bruders hat, gleichzeitig aber auch leidet, weil sie sich mit ihren eigenen Schwierigkeiten weitestgehend alleine auseinandersetzen muss.

Szene aus dem Film Wunder mit Julia Roberts und Owen Wilson in der Schule. Alle anderen Handlungsfäden bleiben relativ vorhersehbar. Die Schulerfahrung ist für Auggie irgendwann nicht mehr so schlimm, auch wenn ihm durch seine Mitschüler immer mehr Steine in den Weg gelegt werden. Hilfreich ist dabei natürlich, dass er eine Familie und einen Schuldirektor (Mandy Patinkin) hat, die meistens die richtigen Entscheidungen in Bezug auf Auggies Erziehung und Bildung treffen. Es ist nicht so, dass Chbosky die Probleme seiner Figuren nicht ernst nähme, vielmehr traut er ihnen nicht zu, mit schwereren Widrigkeiten zurecht zu kommen. Hin und wieder lugt unter der Zuckerwatte ein differenziertes Familiendrama hervor, bevor es kurze Zeit später unter noch mehr Zuckerwatte begraben wird.

Das filmische Personengeflecht, das hier erschaffen wird und den jungen Auggie umgibt, ist einfach zu nett und gut, um plausibel zu sein. Ein Schlaraffenland, aus dem letztendlich niemand eine Lernerfahrung ziehen kann. Insbesondere das Publikum nicht, das keine Figuren sieht, die an ihren Problemen wachsen, sondern Menschen, die immer wieder weich landen, sobald sie hinfallen. Das „Wunder“, das in Chboskys Romanverfilmung geschehen soll, ist tatsächlich nur halb so wundersam, wenn die Hauptfiguren nahezu ohne Mühen an den dramatischen Hürden vorbeigehen und dennoch unbeschadet und kaum geläutert als Sieger ins Ziel kommen.

 

 

Kritikerspiegel Wunder



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


 

Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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