KRITIK

Wu Ren Qu – No Man´s Land

Plakat_No_Mans_LandHao Nings höhnische Thriller-Farce ist ein Film, den ich zuvor schon einmal gesehen habe. Nicht in einem Stück, sondern bruchteilhaft im Kino, im Fernsehen und vor ein paar Jahren auf der Berlinale selbst. Damals lief Zhang Yimous „A Woman, a Gun and a Noodle Shop“, dessen ironische Western-Referenzen und überdrehte Slapstick-Action Hao Ning kopiert. Wenn Hauptcharakter Pan Xiao (Xu Zheng) zu Pferd durch die Wüste prescht und dabei immer noch an seinem Aktenkoffer festhält – Ist der Aktenkoffer hier womöglich ein Symbol Pans normalen Alltags als durchtriebener Anwalt, an das er sich selbst im Angesicht desintegrierender Vernunft klammert? Nein, ich glaube es ist lediglich ein Aktenkoffer – hat „Wu Ren Qu“ definitiv etwas „A Woman, a Gun and a Noodle Shop“-mäßiges.

Die Anfangsszene, in der ein kaltblütiger Falkner (Duo Bujie) und sein Handlanger (Huang Bo) einen Vogel fangen und der Off-Erzähler allen, denen das plakative Gleichnis entgangen ist – der Raubvogel und seine Beute als Symbole für das unbarmherzige Naturprinzip von Jägern und Gejagten – bedeutungsschwer wissen lassen, dass dies „ein Geschichte über Tiere“ sei, hat „Wu Ren Qu“ wiederum etwas „The Counselor“-haftes. Das Zwischenspiel mit dem Polizisten erinnerte mich kurz an Takashi Miikes „Sukiyaki Western Django“, aber dann geht es gleich wieder mit Ridley Scotts Crime-Drama weiter. Der Falkner landet im Gefängnis und braucht einen…? Exakt, Anwalt. Und wer ist Anwalt? Richtig, Pan. Der überschätzt seine eigene Position ein wenig, ähnlich wie Michael Fassbenders Anwalt in „The Counselor„.

Wer den Film oder irgendeinen anderen Krimi, in dem ein eingebildeter Rechtsgelehrter einem fiesen Drogenboss die Spielregeln diktieren will, gesehen hat, ahnt, dass Pans Verhalten unklug ist. Es ist der Auslöser der grotesken Gunmen-Story in den staubigen Weiten der Wüste Gobi. Die Szenerie weckt neben den unvermeidlichen und von Ning gewollten Assoziationen mit dem klassischen Western solche mit Endzeitfilmen und dem postapokalyptischen Road Movie. Das lebensfeindliche Terrain wird zum Sinnbild einer auf den archaischen Selbsterhaltungstrieb – im weiteren Sinne den der Selbstbereicherung – reduzierten Gesellschaft. Zugleich bilden die Straßen, entlang derer sich die Wege der Figuren zu deren Unglück immer wieder kreuzen, die Open-Air-Arena eines skurrilen Gladiatorenkampfs.

Bild (c) China Film Company

Bild (c) China Film Company

In der Tradition eines solchen erscheinen die Kombattanten nicht als menschliche Individuen, sondern als Vertreter eines bestimmten Typus. Neben Antiheld Pan und seiner Nemesis gibt es das bedrohte Lustobjekt (Yu Nan), das Schläger-Duo (Wang Shuangbao und Sun Jianmin als Trucker aus der Hölle) und den abgeklärten Cop (Zhao Hu). Bildlich und buchstäblich am Rande des grellen Neo-Noir steht die schmierigste aller Raststätten, geführt von einem widerlichen Preistreiber (Yan Xinming) und dessen tumben Sohn (Pei Wang).

Das Detail ist ein bisschen „U-Turn“, in dem Oliver Stone Sean Penn in einem Wüstenkaff voller durchgeknallter Gestalten und Penns Wagen in der dreckigsten aller Autowerkstätten enden lässt. Auf einer ranzigen Ebene spiegelt der Truck-Stop-Besitzer die Selbstgerechtigkeit und Habgier Pans´, der im Grunde nicht viel besser ist als seine psychopathischen Gegner. Der zynische Unterton des Regisseurs, dessen Thriller-Groteske vier Jahre lang bis zur finalen Fassung bearbeitet wurde, verrät höhere Ambitionen als Stones Dead-End-Story. Er will epische Parabeln, Düsternis und schwarzen Humor wie bei den Coen Brüdern, deren „No Country for Old Man“ gleich einer Fata Morgana am filmischen Horizont flimmert: als Ziel klar erkennbar, jedoch praktisch unerreichbar.

„Wu Ren Qu“ – oder für das internationale Verleihgeschäft mit „No Man´s Land“ betitelt – ist ist in allen Aspekten der Inszenierung bis hin zu seinem schon zu oft verwendeten Titel zu formelhaft, um über die zweistündige Handlungsdauer zu amüsieren. Dass Amüsieren das einzige ist, was man im Wettbewerb von dem Lückenfüller ohne Chance auf Goldbären erwartet, macht das Scheitern noch eklatanter.

 

 



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INHALT

"Das ist eine Geschichte über Tiere", kündigt der Held des Films an, der aus der Großstadt stammende Rechtsanwalt Pan Xiao. Tatsächlich rücken als nächstes zwei stolze Falken ins Bild, die in der Xinjiang-Wüste illegal gefangen wurden. Sie sollen eine Menge Bares einbringen, Recht und Gesetz spielen dabei keine Rolle. So wird die Gier nach Geld zum Treibmittel für die Story. Und Pan Xiao, der für seinen nächsten Prozess rund 500 Kilometer durch das felsenreiche Niemandsland der Wüste reisen muss, zum getriebenen Protagonisten: gepeinigt von ebenso grotesken wie hochgefährlichen Zufallsbekanntschaften und mysteriösen Wegbegleitern, die vor Gewalt nicht zurückschrecken. Regisseur Ning Hao, der 2005 im Forum der Berlinale Mongolian Ping Pong zeigte, präsentiert mit No Man’s Land eine bildgewaltige philosophische Parabel auf eine aus allen Fugen geratene Gesellschaft, in der im Kampf um Reichtum und Macht keine moralischen Skrupel mehr gelten. Inszeniert als Hommage an die Italowestern eines Sergio Leone, macht der Film die kargen, zerklüfteten Wüstenexterieurs auch als Seelenlandschaften seiner Figuren erfahrbar. (Text: Berlinale 2014)
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