KRITIK

Work Hard – Play Hard

Plakat zu der Dokumentation Work Hard Play HardArbeit ist ein Gut, das immer knapper wird. Frauen sind weitaus häufiger erwerbstätig als noch vor wenigen Jahrzehnten, Arbeitsprozesse werden computerisiert, die Menschen werden immer älter. Was folgt daraus? Der Kampf um den Arbeitsplatz wird härter. Das Streben nach Gewinnmaximierung und grenzenlosen Wachstum hat nun die Ressource Mensch entdeckt. Genau darum geht es in dieser beeindruckenden Dokumentation.

Mit ruhiger, fast akribischer Kamera blickt Carmen Losmann in die Personalbüros, Kaffee-Ecken und Großraumbüros einiger großer deutscher Konzerne und fördert dadurch – fast im Vorbeigehen – Erschreckendes zu Tage. Ihre Reise beginnt in Hamburg. Ein Architektur-Büro gewinnt die Ausschreibung für die neue Unilever-Zentrale, das Gebäude soll „innovativ und dynamisch, flexibel, vital und weltoffen“ gestaltet sein. Die Architekten zerbrechen sich die Köpfe. In der nächsten Einstellung wandert die Kamera durch ein luftiges Bürogebäude in der Hamburger Hafencity im Jahr 2009. Ein Ameisen-ähnlicher Bau aus Glas und Wandelsteigen, Laufwege, wo hin das Auge reicht. „In Zukunft„, so heißt es weiter im unterlegten Off-Kommentar eines Kommunikationswissenschaftlers „würden die Mitarbeiter nur noch zu Kommunikationszwecken im Büro erscheinen, 80 Prozent der Innovationen werden jetzt schon am Kaffeautomaten geboren.“ Carmen Losmanns Kameramann Dirk Lütter liefert prompt die passenden Bilder dazu.

Szene aus dem Film Work Hard PLay HardDoch wie sieht der `perfekte` Arbeitsplatz von morgen aus? Wie erwirkt man den „Spaß am Arbeiten“? Wie lässt sich diese Maxime in Büro-Architektur umsetzen, wenn man nicht, wie Unilever, siebenstellige Beträge investieren will oder vor allem kann? Ohne zu sehr in private Büroräume vorzudringen (Drehgenehmigung?) liefert Carmen Losmann zahlreiche Einstellungen aus Großraumbüros und Empfangshallen, die vor allem eins zeigen: Neben dem High-Tech hat auch eine beängstigende Entmaterialisierung Einzug gehalten in die Arbeitswelt von morgen. Laptop, Smartphone und Anzug müssen am Arbeitsplatz reichen. Mit analytischer Schärfer entlarft der Film den schleichenden Verlust von Privatheit. „Wir müssen versuchen, den kulturellen Wandel nachhaltig in die DNA unserer Angestellten einzupflanzen„, wird zu diesen Bildern später eine Personalchefin sagen.

Das Zusammenspiel von ruhigen Blicken (in klinisch saubere Großraumbüros bzw. Empfangshallen) mit den Interview-Segmenten evoziert ein beunruhigendes Gefühl der Leere und des Selbstverlustes. Dadurch konterkariert der Film die Bestrebungen der vorgestellten Personalmanager. Ein Horrorszenario. Agritpop hat hier keinen Platz. Und das spärlich eingesetzte Sounddesign verstärkt das Gefühl der Leere noch. Wie Glücksmomente wirken die ehrlichen aber viel zu seltenen Statements der Personen, um die es eigentlich geht. Dazu eine Szene aus einem DHL-Meeting: „Und wie war ihr Tag gestern? – Besser. Warum? Gestern war ich nicht hier.“ 2004 war ´Humankapital´ das Unwort des Jahres. Dieser Film zeigt unter anderem auch, warum.

Szene aus dem Film Work Hard Play HardSollte der Kinobesucher zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Newspeak-Dschungel zwischen „Soft Skills, Change-Kultur und Human-Capital-Management“ den Überblick verloren haben, dürfte ihm Angst und Bange werden, wenn er sieht, wie ihm schon bald das (Arbeits-)Leben eines modularen Arbeitsklons in einer neuen Umgebung blüht. Herz, Seele und Dasein sollen in Zukunft mehr denn je der Firma gehören. Dann nur in einer „Schöner Arbeiten“-Umgebung. Den Protagonisten möchte man in diesem Job-Kauderwelsch am liebsten eine Flasche Whisky auf den Tisch stellen: Na dann mal, Prost! Kommt mal runter!

Die junge Absolventin der Kölner Hochschule Carmen Losmann hat diese neuen Arbeitswelten besucht, nüchtern, kommentarlos und ohne einen ablenkenden oder gar verstärkenden Gebrauch von Filmmusik. Mit ihrem ruhigen Blick in diese Welten und auf diese Bemühungen, eine neue „Schöner Arbeiten“-Welt erschaffen zu wollen, ist ihr ein beeindruckendes, erhellendes und aufwühlendes Zeitdokument gelungen. Direct Cinema at it´s best. Nicht verpassen! 



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