KRITIK

Wolke, Die

Wolke, Die Nach der Katastrophe von Tschernobyl herrschte auch in Deutschland Hysterie. Saurer Regen, strahlenbelastete Lebensmittel, Becquerel: Der Sommer 1986 pochte dumpf im Knattertakt des Geigerzählers. In diesem Klima schrieb die hessische Pädagogin Gudrun Pausewang den mehrfach preisgekrönten Jugendroman „Die Wolke“, in dem sich der „größte anzunehmende Unfall“ beängstigenderweise in einem fränkischen AKW zuträgt. Seit 1987 ist das Werk Pflichtlektüre in jedem auch nur geringfügig politisch bewegten Kreisgymnasium – und als solche bei manchen gefürchtet, bei anderen populär.

Aus unbekannten Gründen hat es bis zur Verfilmung des Buchs nun ganze 20 Jahre gedauert, passenderweise bis zum diesjährigen Tschernobyl-„Jubiläum“. Die Regie übernahm Gregor Schnitzler, der mit Filmen wie „Soloalbum“ und „Was tun, wenn’s brennt“ bislang weniger als tiefgründelnder Filmpoet denn als stylisher Handwerker aufgefallen ist. „Die Wolke“, diese engagierte Anti-AKW-Fibel, in den Händen eines Mode-Regisseurs?

Die Rechnung ging auf. Der Film nämlich, der das Buch angemessen in die Gegenwart verlegt und die Figuren dramaturgisch teilweise anders gewichtet, geht weitgehend in Ordnung und hat gar das Potenzial, die entpolitisierte Jugend von heute mit Themen zu konfrontieren, die ihr bislang herzlich egal waren: Strom? Kommt doch aus der Steckdose!

Die Vehemenz, mit der der Film ganz im Geiste der pädagogisierenden Pausewang-Mär gegen Atomkraft wettert, fügt sich dabei recht geschmeidig in die Liebesgeschichte, die hier vor allem anderen erzählt wird. Die 16-jährige Hannah kommt gerade mit dem leicht versponnenen Außenseiter Elmar zusammen, als auch schon der ABC-Alarm schrillt. Verstrahlt wird später dann weitergeliebt, im Sanatorium bei Hamburg, wo die kontaminierte Hannah mit der Radioaktivität kämpft.

Weil Autor Marco Kreuzpaintner (Regisseur von „Sommersturm“) die Dialoge der Anfangsszenen hölzerner als jede Schrankwand hinbekommen hat, ahnt man schon das Schlimmste: ein Thesenfilm, in dem gelehrig nukleare Fakten diskutiert werden, und das aus dem Munde szeniger Oberschüler in gängigem Teenmovie-Umfeld? Solche Befürchtungen kommen auch am Ende des Dramas wieder auf, wenn Schnitzler die Story leicht seifig ausklingen lässt. Aber zum Glück punktet der Film im Mittelteil. Die Szenen vom Superstau nach dem Supergau, von der Massenhysterie am Bahnhof Bad Hersfeld und von der verzweifelten Flucht Hannahs vor der (sauren) Wolke, mit ihrem kleinen Bruder (Hans-Laurin Beyerling) im Schlepptau: Sie gehen unter die Haut und präsentieren ihr Anliegen dringlicher und apokalyptischer, als man es in letzter Zeit für möglich gehalten hätte.

Am tollsten sind allerdings die Darsteller. Paula Kalenberg (als Hannah) sah man neulich noch in Leander Haußmanns Fernseh-Schiller „Kabale und Liebe“ als Luise Miller, und spätestens mit ihrem Auftritt in „Die Wolke“ dürfte sie sich im deutschen Kino fest etabliert haben. Hoffentlich, zumindest. Und Franz Dinda (als Elmar) macht als jugendlicher Revoluzzer in Keanu-Reeves-Optik ebenfalls eine gute Figur. Im Thema kennt er sich sowieso aus, denn in „Am Tag, als Bobby Ewing starb“ spielte er neulich noch den verstockten Sohn einer Atomkraftgegnerkommune in den 80ern, deren AKW-Protestierei auf den Boden der Tatsachen kracht, als Tschernobyl in die Luft fliegt. Hier wie dort spielen übrigens auch Richy Müller und Gabriela Maria Schmeide mit. Das neue AKW-Nein-danke-Trio des deutschen Films?



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INHALT

Ein schöner Sommertag. Zwischen Hannah und Elmar funkt es gewaltig. Doch der gemeinsame übliche Schulalltag rückt in den Hintegrund, als die Alarmsirene schrillt. Nach einem Störfall in einem Kernkraftwerk breitet sich eine todbringende Wolke aus. Chaos, Panik, Anarchie greifen um sich. Tausende sterben sofort, Tausende sind kontaminiert, darunter auch Hannah. Die junge Liebe zwischen Hannah und Elmar wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt.
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Eure Kritiken zu Wolke, Die

  1. Manni

    Gut gemacht! Ohne falsche Betroffenheit und Gefühlsduselei, klasse Darsteller, sehenswert.

  2. Lena

    Ich habe „Die Wolke“ am Wochenende gesehen und fand ihn genial. Die Leistung der beiden jungen Schauspieler ist sehr beeindruckend. Und auch der Roman selbst ist eindrucksvoll umgesetzt worden. Toller Film, der hoffentlich eine breite Publikumsschicht erreichen wird.

  3. Vagabund

    Endlich mal wieder ein ricchtig guter deutscher Film. Ohne lästige HighSociety Blödeleien, sondern mit einer ernsten Geschichte. Sehr sehenswert. Ich wusste gar nicht, wie ernst die Bedrohung immer noch ist.

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