KRITIK

Winterreise

Winterreise Hans Steinbichler, seit seinem fulminanten Neo-Heimatfilm „Hierankl“ als einer der interessantesten deutschen Jungregisseure gehandelt, wandelt in seinem zweiten Kinodrama schwergewichtig und seelengram auf Schuberts Liederspuren. Wie das singende Ich aus dem berüchtigt melancholischen Liederzyklus „Winterreise“ grollt und schimpft sich hier erneut Josef Bierbichler, der bajuwarische Schauspiel-Berserker, mit wildem Furor der Selbstzerstörung ins psychische Abseits.

Als hoffnungslos bankrotter Kleinunternehmer Brenninger spielt sich Bierbichler die Seele aus dem Leib, gerne auch nackt, beleidigt und betrügt er seine erblindende Gattin (Hanna Schygulla als bleiches Schreckgespenst aus bleiernen Zeiten), demütigt er seine gescheiterten Kinder im Restaurant und ruft dann sarkastisch nach dem Kellner: „Jetzt braucht`s noch oan doppelt`n Whiskey.“ Dann reist er nach Kenia, um mit „den Negern“ abzurechnen, die ihn betrogen haben, und natürlich, um seinen inneren Frieden wiederzufinden. „Gegen die Wand“-Sternchen Sibel Kekilli, die ihn dorthin begleitet, ist an seiner Seite übrigens genauso schlecht wie neulich noch in „Der letzte Zug“.

Bis am Ende die drei Sonnen aus Schuberts Depressionsballaden bildlich am Himmel Kenias ausgeschossen werden, gilt es fürchterlich anstrengende, oft auch unausgegorene, immer am Rand der Unerträglichkeit balancierende Kost durchzustehen – die aber trotzdem packt. Weil sie so ungewöhnlich ist. Denn Steinbichler baut mit nervöser Wackelkamera und einer durch seinen grandiosen Hauptdarsteller permanent aufrecht erhaltenen Unruhe eine Atmosphäre auf, die man sonst so im deutschen Kino nicht geboten bekommt. Dazu gehören auch die vielen Fragezeichen im Drehbuch, die man schön mysteriös und angenehm sonderbar ebenso finden kann wie völlig verquast und kunstgewerblich: André Hennicke („Der freie Wille“) geistert als deutscher Mann im Anzug Schubert-selig durch Nairobi, im Pro- und Epilog raunt die Kekilli schwurbelige Schamanenprosa über alte blinde Männer aus dem Off, und wenn Brenninger nicht gerade Lieder aus der „Winterreise“ intoniert, hört er grausamsten Schweinerock, der durch sein Haus dröhnt. Wie gesagt: Achtung, Kunst. Nur für Profis.



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INHALT

Als sein Unternehmen vor der Pleite steht, lässt sich Franz Brenninger auf ein dubioses Geschäft mit kenianischen Geschäftsleuten ein - und verliert auch noch seine letzten Reserven. Im kleinen Heimatort isoliert, macht er sich auf die Reise nach Kenia, um sein Geld zurückzuholen. Begleitet wird er von der jungen Dolmetscherin Layla.
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