KRITIK

Winter´s Bone

Winter´s Bone Wenn „Winter`s Bone“ Ende März in den deutschen Kinos angekommen ist, hat er eine beispiellose Reise durch Festivals, Preisverleihungen und Jahresbestenlisten hinter sich, die mit dem Grand Jury Prize beim Sundance Film Festival 2010 begann – und die letztlich auch ein Paradebeispiel für einen kleinen Independentfilm ist, der groß raus kommt. Und fürwahr, der zweite Langfilm von Regisseurin Debra Granik ist eine echte Entdeckung, der alle Meriten und Lobpreisungen verdient hat.

Von der ersten Minute an baut „Winter`s Bone“ eine ungemein stimmige Atmosphäre seines Schauplatzes, den Ozark Mountains in Missouri, auf. Das Leben ist hart in dieser abwertend als hinterwäldlerisch zu bezeichnenden Gegend, das Klima unwirtlich, die Arbeit – sofern es sie überhaupt gibt – stumpfsinnig, die Menschen abweisend und desillusioniert. Gezwungenermaßen hat die 17-jährige Ree für ihre psychisch kranke Mutter die Fürsorge der kleinen Geschwister übernommen, ihr drogendealender Vater ist schon seit langem dem Familienbund entschwunden. Dass er gerade einmal keine Haftstrafe absitzt, sondern gerichtlich gesucht wird, erfährt Ree erst, als die Polizei mit der Pfändung ihrer Blockhütte und dem gesamten Hab und Gut der Familie droht. Dem toughen, zu früh erwachsen gewordenen Mädchen bleibt als einziger Ausweg, ihren Vater ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Trotz aller dramatischen Zuspitzungen ist „Winter`s Bone“ vielmehr eine Gesellschaftsstudie, die mit ethnografischem Blick ihr Sujet seziert und mit Hingabe in eine fremde, faszinierende wie abstoßende Welt eintaucht. Anklänge des Film Noir verbindet der Film mit dokumentarisch präzisen Beobachtungen eines Lebens abseits des American Way of Life und erreicht streckenweise eine Authentizität, die schlicht atemberaubend ist, weil sie einen unverstellten, traurig-schönen Blick auf das andere Amerika gestattet, dem weder Obama noch Michael Moore beikommen.

Gerade aus dieser erstaunlichen Realitätsnähe entfaltet sich schleichend ein Redneck-Horror, der aus der Ferne an John Boormans „Beim Sterben ist jeder der Erste“ gemahnt. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell, der zuvor auch am Drehbuch des ähnlich sensiblen „Ride with the Devil“ mitschrieb und seinen Stil ganz treffend als „country noir“ umschreibt, besticht neben seinen dokumentarischen Qualitäten vor allem auch durch sein engagiertes Ensemble. Insbesondere die junge Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence spielt sensationell und ist mittlerweile längst an den Mainstream (in Form des nächsten „X-Men“-Abenteuers) verloren. Oder anders betrachtet, setzt sie die eindrucksvolle Reise von „Winter`s Bone“ auf anderer Ebene fort. Man wird sicherlich noch viel von ihr hören. Diesen Film sollte man indes keinesfalls verpassen!



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INHALT

In den Wäldern der Ozark Mountains. Verzweifelt sucht die siebzehnjährige Ree ihren Vater, der untergetaucht ist und das Haus der Familie samt Grundstück verpfändet hat. Wenn sie ihn nicht auftreiben kann, wird sie mit ihren kleinen Geschwistern und der kranken Mutter auf der Straße stehen. In heruntergekommenen Blockhäusern haben sich die Menschen in den Wäldern notdürftig eingerichtet. Unbehauste Gestalten, die quasi von der Hand in den Mund leben. Bei ihren Nachbarn findet Ree kaum Unterstützung, als sie nach ihrem Vater sucht, überall stößt sie auf eine eiserne Wand des Schweigens.
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