KRITIK

Willkommen in der Bretagne

Plakat zum Film Willkommen in der BretagneMach dir keine Sorgen. Alles wird gut.“ Das ist der tiefschürfende Rat, den Catherine für ihre junge Freundin Louise bereit hält und „Willkommen in der Bretagne“ für die Zuschauer. Sie verlassen „gut gelaunt und mit einem Lächeln im Gesicht“ den Kinosaal, in dem zuvor die französische Sozialkomödie zu sehen war. Das jedenfalls erhofft sich Co-Drehbuchautorin Marie-Castille Mention-Schaar. Ihr Regiedebüt inszenierte die Filmproduzentin nach wahren Begebenheiten, die nur ein wenig poliert und romantisiert werden mussten: schon wird aus einem Beispiel gemeinsamen Widerstands eine Lektion im Nachgeben.

Letzte muss jede der vier Freundinnen im Zentrum des Geschehens lernen; am gründlichsten Catherine (Catherine Frot). Die Familienmutter arbeitet im ländlichen Carhaix als Hebamme in einem von den fürsorglichsten aller fürsorglichen Schwestern gepflegten Krankenhaus, dessen Effizienz die aus Paris angereiste Personalmanagerin Mathilde (Mathilde Seigner) prüfen soll. Ihr ernüchternder Bericht resultiert im Beschluss der Schließung der Babystation. Deren Mitarbeiter müssen nun beweisen, dass sie auch anders können und mobilisieren die ganze Region für Proteste unter Aufsicht von Catherine, die Mathilde als Klassenfeindin sieht. Doch ein Besuch im Bowling-Center von Louise (Laurence Arne), die Mathilde zum Mannschaftssport mit Catherine und deren Kollegin Firmine (Firmine Richard) ermutigt, lenkt das Leben der Protagonistinnen in neue Bahnen. Erschien eben noch alles aussichtslos, kämpft das frisch geschmiedete Freundinnen-Quartett nun für einen Doppelsieg: beim Bowling-Turnier und vor Gericht um ihren Arbeitsplatz. Denn wenn keiner mehr in Carhaix geboren wird, woher kommen dann neue Einwohner?

Szene aus dem Film Willkommen in der BretagneNoch naiver als die Frage von Catherines kleinem Sohn ist die Antwort von „Willkommen in der Bretagne“. Als ihr Gatte sie an ihre Mutteraufgaben erinnert, macht Catherine mit ihm flugs ein drittes Kind und vereint derart beispielhaft berufliche und familiäre Verpflichtungen. Vorgelebt hat ihr die private Effizienzoptimierung Louise. Die Jüngste im Bowling-Bund überwindet ihre mit zu frühem Elternverlust begründete Scheu vor der traditionellen Frauenrolle und sagt „Ja“ zu Baby Bürgermeister-Partner. Wer diesem Leinwand-Konzept bretonischer Bürgerlichkeit nicht genügt, tut es unfreiwillig. Firmine kann nach einem Unfall keine Kinder bekommen und umsorgt ersatzweise ihren invaliden Gatten. Der reuigen Mathilde indes verwehre ihr Mann einst die Mutterfreude, die in dem artigen Sozialmärchen Zeichen von Anstand und Gemeinschaftsbewusstsein ist. Welches „K“ es neben Kind und Kegel für ein soziales Gütesiegel noch bedarf, zeigt Catherines subtile Bekehrung zum Glauben ihrer entfremdeten Mutter.

So schematisch geschnitzt wie die robusten Symapthieträgerinnen sind die männlichen Negativfiguren, wie zum Beispiel die des Krankenhausdirektors (Gilles Bataille), des Ehemanns und des skurrilen Fahrprüfers von Mathilde. Dass sie schließlich im Wagen der Freundinnen selbst am Steuer sitzt, ist nur eines von einem gefühlten Dutzend Happy Ends. Man rede immer über all das, was im Argen liegt, klagt die Regisseurin, aber „Die Bewohner von Carhaix haben uns gezeigt, dass man nicht fatalistisch sein muss.“ Nicht in Carhaix, in dessen rustikaler Kleinbürgeridylle eine reale Existenzbedrohung unglaubwürdig bleibt, wo Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Leitgrundsätze des Bürgermeisters sind und „Résistance“ der Schlachtruf der Demonstranten. „Geschichten wie die ihre müssen eben erzählt werden!“, erklärt Mention-Schaar und übernimmt dies gleich selbst mit ihrem den beherzten Darstellerinnen auf den Leib geschriebenen Regiedebüt, das über weite Strecken an hoffnunglose Romantiker oder viel böser an Aki Karusmäki für (geistig) Arme erinnert.

Weniger Witze. Humor ist nicht unsere Stärke.“, sagt der Krankenhauschef und deutet unfreiwillig auf die harmlosen bis lahmen Pointen. Das passende Urteil für die Moralphilosophie, die den euphemistischen Mix aus Gesellschafts- und Lokalskizze mit dem Originaltitel „Bowling“ lähmt, hat Mathilde selbst: „Provinziell.“

  

 



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