KRITIK

Wilden Kerle, Die

Bild (c) Buena Vista Filmverleih.

Bild (c) Buena Vista Filmverleih.

Alles ist gut, solange Du wild bist„. Mitgezählt ein halbes Dutzend Mal wird dieses Motto innerhalb der 94 Filmminuten laut in der Gruppe zusammen intoniert. Ein Schlachtruf, der anschließend von einer ganzen Generation verinnerlicht wurde und bei zahlreichen Eltern einige graue Haare verursacht haben dürfte. Knapp eine Million Kinogänger allein in Deutschland wollten das erste Spiel der Bande, die sich selbst „Die Wilden Kerle“ nannte, im Herbst 2003 im Kino miterleben. Ein riesen Erfolg für ein Spielfilm-Debüt. Die meisten unter ihnen dürften dabei aber wohl in erster Linie daran interessiert gewesen sein, wie ihre (von Jan Birck) gezeichneten jungen Fußballhelden aus der Buchreihe „Die wilden Fußballkerle“ auf der Leinwand aussehen. Federführend für die grauen Haare der Eltern und für die am Ende insgesamt 14 Bände umfassende Kinder-Buchreihe war und ist Joachim Masannek, der bis zum Filmstart sieben Bücher herausgegebracht und damit seine Erfahrung als Vater zweier fußballverrückter Jungen und zudem als Fußball-Jugendtrainer auf Papier verewigt hatte. Der große Erfolg der im dtv-Verlag erschienenen Bücher führte dazu, dass Masannek auch gleich die Regie für die Verfilmung übernahm und seine Reihe der „wilden Fußballkerle“ am Ende insgesamt 14 Bände umfasste.

Der Familienvater aus Bockum-Hövel hatte eine Goldader entdeckt. Denn Konkurrenz gab es nicht. Auch wenn allerjüngste Fußballfans bereits zu Beginn der so genannten „Nuller-Jahre“ von der Bayern-Zahnbürste bis hin zum Werder Bremen-Babyschnuller sämtliche Merchandising-Artikel ihrer Lieblings-Fußballmannschaft käuflich erwerben konnten, mussten kinoverliebte Balljünger bislang – art imitates life – in Punkto Kinofilm zum Thema hauptsächlich auf Material aus dem Ausland zurückgreifen („Kick it Like Beckham„, „Mean Machine – Die Kampfmaschine“, „Shaolin Kickers“). Mit den „wilden Fußballkerlen“ hingegen wurde alles anders. Verständlich, dass das erfolgserprobte Produzentenduo Ewa Karlström und Andreas Ulmke-Smeaton („Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“) nicht lange zögerte, die Geschichte(n) von Masannek für die große Leinwand zu adaptieren, um sich damit locker in die Gunst der fußballinteressierten Kids zu dribbeln.

Szene_Wilden_KerleMasanneks Fußballerbande, das ist eine Truppe sechs- bis zehnjähriger, deren Leidenschaft das runde Leder ist. Zu jeder Tageszeit wird selbiges bewegt. Selbst Dauerregen und somit ein völlig matschiger Boltzplatz können die Jungs nicht aufhalten. Wohl aber ihnen die Ferien vermiesen, vor allem, wenn zu allem Überfluss auch noch die „Unbesiegbaren Sieger“, eine Gruppe wesentlich älterer Jugendlicher ins Spiel kommt, die den ‚kleinen‘ das Feld streitig machen wollen. Doch Leon, Marlon, Fabi, Raban und Co. lassen sich nicht unterkriegen. Nicht vom Dauerregen und auch nicht von den „Unbesiegbaren Siegern“. Mit vollem Enthusiasmus stürzen sie sich ins Training, um die ‚großen‘ in einem Entscheidungsspiel um ihren Lieblings-Fußballplatz, dem „Teufelstopf“, zu schlagen.

Anführer der wilden Kerle ist Leon, Bruder von Marlon. Zwei selbstbewusste Jungs eines alleinerziehenden Vaters, die von Jimi Blue und Wilson Gonzales (Söhne des Schauspieler-Ehepaares Uwe und Natascha) Ochsenknecht verkörpert werden. Und das mit so viel Eifer und Talent, dass sich beide wenig später nicht nur fußballtechnisch sofort in die Herzen ihres jungen Zielpublikums spielten sondern auch mit dem internationalen „Undine-Filmpreis“ für Nachwuchskünstler im deutschsprachigen Raum geehrt wurden. Ob es an der tollen Atmosphäre am Filmset lag? Schließlich hatten sich neben der gesamten Ochsenknecht-Familie (Mutter Natascha spielt die Mutter des Freundes Raban, Vater Uwe einen griesgrämigen Vater) und deren Nachbarn, den Masanneks (Vater Drehbuch und Regie, Sohn Leon spielt den Markus, Sohn Marlon den stillen Maxi) auch Rufus Beck mit Sohn Jonathan und Tochter Sarah ins damals arg flut-gebeutelte Prag aufgemacht, um das erste Abenteuer der Wilden Kerle auf die Leinwand zu zaubern.

Szene_2_Wilden_KerleTalentierte Darsteller und eine gute Atmosphäre am Set sind hingegen oft nur die halbe Miete für eine erfolgeiche Umsetzung. Warum gefühlt nahezu jede Handlungspause von einem Song der Band „Bananafishbones“ unterbrochen werden muss, um die Emotionen zu vertiefen oder manch verrückter komödiantischer Regie-Einfall (ein türkischer Gemüsewaren-Händler wird vom Fahrrad eines wilden Kerls „überfahren“) so oft wiederholt wird, dass auch der unaufmerksamste Kinobesucher den gespielten Witz versteht, bleibt ein offenes Geheimnis des Regisseurs Masannek. Zudem bedient sich der Autor und Regisseur viel zu oft und gerne beim deutschen Blödel- (Didi Hallervorden-)Humor aus den 80ern, wenn beispielweise eine Weltkugel als Fußball den Kopf des erbosten Vaters „verdeckt“ oder der ansonsten überzeugende Rufus Beck als Trainer in einer Szene am Flußufer über seine eigenen Beine stolpert.

Und … ist es wirklich so, dass sechs bis zehnjährige Kids nach jedem Satz ständig eine Reihe von Tiernamen und deren Ausscheidungen fluchen? KinderKatzenPups? KinderkotzundKümmelKacke? Und müssen die stark „gepimpten“ Fahrräder der Jungs bei jedem Ausflug von der Tonspur wie hubraumstarke Motorräder klingen? Nicht zuletzt wegen dieser und anderer unverständlicher Einfälle fanden Kritiker nur wenig gefallen an „Die Wilden Kerle“. Den beiden Hauptdarstellern Jimi Blue und Wilson Gonzales Ochsenknecht hingegen konnten die Verrisse nur wenig bis garnichts anhaben: Mit weiteren Abenteuern der „Wilden Kerle“ wurden sie im deutschsprachigen Raum zu großverdienenden Teenie-Stars. Einschließlich erfolgreicher Musik- und Mode-Projekte. Vielleicht ist da doch etwas dran: „Alles ist gut, solange Du wild bist“.

 

 

 



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*