KRITIK

Wild

Bild (c) 2016 NFP Film.

Bild (c) 2016 NFP Film.

Ania ist Mitte zwanzig. Tagsüber arbeitet sie in einer IT-Firma, abends sitzt sie in ihrer Plattenbauwohnung, ein bisschen gelangweilt, ein wenig einsam. Nichts ist schlimm, nur ganz gewöhnlich beängstigend in seiner Alltagsnormalität. In Ania aber, die stets leicht somnambul durch ihre Stadt zu schweben scheint, ringen fremde Energien um Befreiung. Irgendetwas schlummert in ihr. Eines Morgens begegnet sie auf dem Weg zur Arbeit im Park einem Wolf. Der Moment, in dem sich Frau und Raubtier in die Augen blicken, lässt sie nicht mehr los.

Ania lockt den Wolf nach Hause, modifiziert ihre Wohnung zum Bau um. Was aber folgt, ist nicht die Zähmung des wilden Tieres, sondern die lustvolle Verwilderung der sozial auf Linie gebrachten Frau. Während die Intimität dieser Beziehung zunimmt, verändert sich Anias Persönlichkeit. Nicht nur im Büro wird das heftige Konsequenzen haben. Denn auch ihrem Chef sind Anias Stimmungsschwankungen ein Dorn im Auge.

Szene_Wild_2Nicolette Krebitz, die man vor allem als Schauspielerin („Bandits“, „Der Tunnel“) kennt, hat mit ihrer wunderbar eigensinnigen dritten Regiearbeit im Januar auf dem Sundance Festival in den USA für Furore gesorgt – und für Verstörung. Tatsächlich verlangt ihr Film aufgeschlossene Betrachter, da er sich all dem verweigert, was das deutsche Kino sonst ausmacht. Keine Spur von den ewig gleichen Dramaturgien und Realitätsversessenheiten. Man kann „Wild“ als radikale Gesellschaftskritik deuten, als feministische Ermächtigungsgeste, als grenzüberschreitende Lovestory – und doch träfe man damit nicht den Kern des Films, der sich bewundernswert stilsicher zwischen Distanzierung und Hingabe einrichtet.

Man sollte das gesehen haben, allein schon wegen Lilith Stangenberg, die als Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne längst ein Theaterstar ist und in dieser ersten Kino-Hauptrolle weit über das hinausgeht, was für Schauspielerinnen üblicherweise als mutig eingestuft wird. Intensiver als in „Wild“ ist das deutsche Kino in den letzten Jahren nicht gewesen. Sehenswert. Nicht verpassen!

 

 

 



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Wild

  1. Louisa

    Wow, endlich mal wieder ein guter Frauenfilm aus Deutschland. Mit einer absolut herausragenden Hauptdarstellerin. Zum Glück erhebt Nicolette Krebitz im Rahmen ihres Natur-Befreiungsthemas nie den moralischen Zeigefinger oder lässt sich sonstwie auf eine Deutung festschreiben. Das ist erfrischend eigensinniges Kino.
    Schauspielerisch (und damit ist auch die Tierführung gemeint) und visuell hat „Wild“ ebenfalls einiges zu bieten, schwankt zwischen nachdenklich-kühler Statik und verschrobenem Exzess (wenn auch in kleinen, separierten Dosen). Das hat mich an den großartigen „Love Steaks“ erinnert, auch junges, selbstbewusstes Kino mit tollen Darstellern. Bitte mehr davon!

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*