KRITIK

Wer wenn nicht wir

Wer wenn nicht wir Nachdem die Zeit der NS-Diktatur immer wieder cineastisch verarbeitet wurde, wird ihr in letzter Zeit, zugunsten einer anderen dunklen Ära der deutschen Geschichte, eine kleine Auszeit gegönnt. Der deutsche Herbst, wie man die Zeit in den 1970ern des linksradikalen Terrorismus unter Baader-Meinhof und Co. in Deutschland nennt, ist noch lange nicht zu Ende analysiert. Über die Kernfiguren dieser Zeit, ihre Motive und ihre Hintergründe, gerade in den Jahren vor ihrer Radikalisierung, ist weitläufig weitaus weniger bekannt, als angenommen.

Beschäftigte sich 2008 der Film, „Der Baader Meinhof Komplex“, vom jüngst verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel, mit dem Entstehen und Wirken der Roten Armee Fraktion (RAF), versucht Andreas Veiels „Wer wen nicht wir“ ein Psychogramm der (frühen) Ensslin zu zeichnen. Die Filmhandlung setzt Anfang der 60er Jahre ein. Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis), eine junge Studentin aus gutbürgerlichem, konservativem Elternhaus, lernt den Intellektuellen Bernhard Vesper (August Diehl) kennen. Vesper ist der Sohn von Will Vesper, einem Autor, der in der NS-Zeit vom Regime wohlgelitten war und selbst ein großer Hitler-Verehrer. Bernard Vesper, der seinen Vater bewundert, trotz aller öffentlichen Kritik, die ihm im Nachkriegsdeutschland entgegenschlägt, möchte dessen Werk neu verlegen. Und wenn er keinen Verlag dafür findet, will er selbst einen dafür gründen. Der jungen Gudrun Ensslin bietet er einen Job als Lektorin und Assistentin an. Schnell kommen sie sich auch privat näher.

In kurzen Jahressprüngen tastet sich der Film vor, in die Zeit der Radikalisierung, der Studentenprozesse und der Formierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO); nach der Wahl Kurt Kissingers zum Bundeskanzler 1966, eines ehemaligen NSDAP-Mitgliedes. Begleitet werden diese Zeitsprünge von zeitgenössischem dokumentarischem Material, das helfen soll, sich in diese Zeit einzufühlen. Rein visuell geht die Rechnung auf. Design und Ausstattung sind trefflich gelungen; wie die 60er oder 70er tatsächlich tickten, bleibt einem, der sich an diese Zeit nicht bewusst erinnern kann oder später zur Welt kam dennoch verborgen.

Ein Grund liegt vor allem im Schwerpunkt der Erzählperspektive. Der Film setzt sich viel weniger mit dem politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Umwälzungen dieser Zeit auseinander. Viel mehr versucht die Inszenierung, sich den Zugang zu seinen Figuren über einen recht merkwürdigen Weg zu erarbeiten. Alle zentralen Entwicklungen kreisen in erster Linie um die sexuelle Emanzipation der Gudrun Ensslin. Angefangen bei der spröden Pastorentochter und dem Mauerblümchen bis zu der Frau, die nachdem sie Bernhard Vesper regelrecht verfallen war (der sie aber immer wieder betrog) sich anschließend nicht mehr auf einen Mann allein begrenzt. Solange zumindest bis sie Andreas Baader (Alexander Fehling) begegnet und ihm und seinen radikalen Ideen noch stärker verfällt.

Dass ein Film, der zeitgeschichtliche Personen zu porträtieren versucht, diese hautnah beleuchten muss, ist nachvollziehbar. Dem Unterfangen, diese aber hauptsächlich über ihre triebhafte Seite definieren zu wollen, haftet viel freudianische Westentaschenpsychologie an. Statt sich zu bemühen, intensiver die prägenden Familiensituationen zu durchleuchten, die mehr als genug Potenzial für die Psychogramme hergegeben hätten, verfällt Andreas Veiel auf diese fast schon naiv anmutende Vorgehensweise. Hinzu kommt, dass viele Wandlungsprozesse und Krisen, wie die Drogensucht und den Absturz Bernhard Vespers, überhaupt nicht logisch hergeleitet, sondern an einem bestimmten Zeitpunkt lediglich beiläufig zum Geschehen hinzugefügt werden.

Selbst die wichtige Figur Andreas Baader taucht nahezu unvermittelt wie ein Geist auf, ohne das vorher überhaupt daran gedacht wurde, das Loch zu benennen, aus dem dieser Extremist gekrochen kam. Und Ulrike Meinhof gerät sogar zur absoluten Randnotiz.

„Wer wenn nicht wir“ reißt insgesamt vieles an, versucht die Zeit vor der zweiten Welle der Entnazifizierung wiederzugeben und wesentliche Figuren, die später den Kern der RAF bildeten, zu charakterisieren, scheitert aber an dem selbst gestellten Anspruch einer Geschichts- und Charakterstudie ohne die Aufgabe hinreichend erfüllen zu können. Dennoch entfalten sich einige Facetten des Lebens Gudrun Ensslins, die einen gewissen Informationsgehalt bieten und somit nicht uninteressant sind. 124 Minuten sind dafür aber viel zu wenig.



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INHALT

Deutschland in den frühen 60ern. Noch ist das Land ruhig. Doch Aufbruch liegt in der Luft. Auch Bernward Vesper, Sohn des NS-Schriftstellers Will Vesper, begehrt auf. Nachts hackt er wütende Sätze in die Schreibmaschine, die er der erstarrten Gesellschaft ins Gesicht schleudern will. Als er auf Gudrun Ensslin trifft, ist das der Beginn einer extremen Liebesgeschichte: bedingungslos, maßlos, bis über die Schmerzgrenze hinaus. Gemeinsam brechen sie auf, um die Welt zu erobern. Keine zehn Jahre später verliert sich Bernward auf Drogentrips im Wahnsinn, und Gudrun katapultiert sich in den bewaffneten Untergrund. Für beide wird es kein Zurück mehr geben.
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Eure Kritiken zu Wer wenn nicht wir

  1. Eliza

    ich bin nicht ganz der Meinung wie ihr und fand den Film sehr aufschlussreich. Es ist mehr als ein reines Zeitspiegelbild, auch weil er eine junge Liebe in den 60/70ern perfekt mit allen Höhen und Tiefen widerspiegelt. Klasse!

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