KRITIK

Wenn Träume fliegen lernen

Wenn Träume fliegen lernen
Es ist die Geschichte eines Jungen, der niemals erwachsen werden will und dessen Traum von ewiger Jugend auch in Erfüllung geht. Der eines Nachts zusammen mit seinen Geschwistern von goldglitzernden Kicher-Feen an der Hand genommen und ins fantastische Nimmerland geflogen wird, wo er seinen Mut im Kampf gegen den finsteren Piraten-Kapitän Hook erproben darf – und darüber sein früheres Leben vergisst.

Das Märchen vom Peter Pan ist also, bei aller kinderseligen Fabulierlust, die Geschichte einer Flucht vor der traurigen Wirklichkeit. Und nicht von ungefähr wird ja nun vielerorts darauf verwiesen, dass eines der tragischsten Kinder der Welt, Michael Jackson, seine affenbehauste Millionen-Ranch „Neverland“ getauft und sich in seine Rolle als Peter Pan des Pop bizarr verstiegen hat.

Die Abenteuer des tapferen Gerneklein sind bereits etliche Male in harmlos-harmonischer Oberflächlichkeit verfilmt worden. Als kuscheliger Disney-Zeichentrickspaß, als schlaraffische Kitschorgie von Steven Spielberg, zuletzt als synthetischer Effekte-Zirkus von P. J. Hogan. Regisseur Marc Forster, der mit dem eindringlichen Rassismus-Drama „Monster’s Ball“ aufgefallen ist, widmet sich dem Stoff indes aus ungewohnter Perspektive.

„Wenn Träume fliegen lernen“, im Original weit schöner „Finding Neverland“ betitelt, erzählt auf der Grundlage von Allan Knees Theaterstück „The Man Who Was Peter Pan“ aus dem Leben des Mythen-Schöpfers Sir James M. Barrie. Johnny Depp spielt diesen Schriftsteller in der Schaffenskrise, der im spätviktorianischen London am Duke of York’s Theatre werkelt und mit seinem jüngsten Stück bei Publikum und Kritik durchgefallen ist. Erst als Barrie im Park die junge Witwe Sylvia Davies (Kate Winslet) und ihre vier Söhne kennen lernt, erwacht der phantasmagorische Elan wieder in ihm.

Zwischen James und Sylvia entwickelt sich eine platonische Liaison, die den Argwohn der bornierten Boheme weckt und auch die Ehe Barries belastet. Unbeirrt aber trifft er die Familie, ersinnt für die Halbwaisen immer neue Scharaden und lässt sich, vor allem vom jüngsten Spross Peter, zu seinem großen Zauberweltenwurf inspirieren.
Marc Forster will jedoch glücklicherweise nicht nur von biografischen Begebenheiten hinter dem legendären Erfolgsstück erzählen. Die Romanze, von Johnny Depp mit sanfter Melancholie getragen, blickt hinter Barries Mär und handelt im Grunde vom Tod, vom Schmerz des Abschiednehmens und der Sehnsucht nach niemals endenden Tagträumen.

Und obschon über „Finding Neverland“ ein Hauch von sentimentaler Betulichkeit liegt, ist der Film stark in jenen Passagen, die von der heilenden Kraft der Fantasieflucht künden.



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INHALT

Im London des Jahres 1903 kommt dem in einer kreativen Krise befindlichen Bühnenautor James Matthew Barrie die bald recht enge Freundschaft zu der schönen Witwe Sylvia Llewelyn Davies und ihren vier Söhnen gerade recht, bringen ihn die aufgeweckten Kinder mit ihrer blühenden Phantasie doch auf die Idee zu "Peter Pan". Misstrauisch beäugt wird diese Entwicklung indes von Barries Auftraggeber Frohman, der mit dem scheinbaren Kinderstoff einen Flop fürchtet, Sylvias strenger Schwiegermama und auch Barries Ehefrau.
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Eure Kritiken zu Wenn Träume fliegen lernen

  1. Tobi

    Kino-TippDieser Oscar-Anwärter ist jedes Geld für die Eintrittskarte und jede Minute wert. Johnny Depp trägt wie so oft dieses Märchen. Klasse!

  2. Manni

    Manchmal sagen Kritiken und Inhaltsangaben wenig über den Film aus. Hier zählen die Bilder mehr als Worte. Unbedingt ansehen!

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