KRITIK

Wendy and Lucy

Wendy and Lucy Wendy will nach Alaska. Sie ist jung und vogelfrei. In Alaska, so ist sie sich sicher, werden noch Jobs vergeben und Menschen gebraucht. Alles was sie besitzt, hat sie bei sich. Einen alten klapprigen Honda Accord, Baujahr 1988, ein paar Klamotten in einem Seesack und vor allem ihren Hund Lucy, einen etwa 4 Jahre alten Kurzhaar-Mischling. Auf dem Weg nach Alaska? Auto? – Wer bei dieser dünnen Storyline an ein Roadmovie denkt, liegt falsch. Erst irgendwo in Oregon stößt die fast wortlose Filmerzählung auf ihre Protagonistin und ob diese jemals ankommt, wird der Zuschauer nie erfahren.

Genauso falsch liegt auch, wer jetzt an die Geschichte eines anderen Aussteigers denkt, an Chris McCandless aus dem Sean Penn Meisterwerk „Into the Wild“. Ein sehr ähnlicher Film. Aber ein Ausstieg, basierend auf einer anderen Motivation. Jon Krakauers´ Chris war ein Getriebener, getrieben von der ur-amerikanischen Sehnsucht nach der letzten Grenze, Ausstiegswünsche, die auf Naturphantasien basierten. Kelly Reichardts Wendy, herausragend zurückgenommen verkörpert von Michelle Williams (Oscar-nominiert für ihre Nebenrolle in „Brokeback Mountain“) ist auf der Suche nach dem „Gebraucht-werden“. Mit ihrem letzten Kleingeld und einigen Rückschlägen sucht sie eine öffentliche Telefonzelle auf, um sich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen. Doch der Anruf endet in einem bitteren familiären Drama. Nach wenigen Minuten ist die Leitung tot.

Auch der dritte Langspielfilm der amerikanischen Autorenfilmerin Kelly Reichardt kommt mit einem sehr dünnen Drehbuch aus. Oder hatte sie überhaupt eins? Destilliert man die Geschichte auf das Grundgerüst, geht es um eine Aussteigerin, die auf ihrer Strecke nach Alaska zuerst ihr Auto und dann ihren Hund verliert. Wobei verlieren das falsche Wort ist. Sie lässt beides zurück. Diesem inneren Wunsch nach Abkehr, nach dem Loslassen folgt Regisseurin Reichardt formal mit einer Nüchternheit in der Bildsprache, die an das frühe amerikanische Independent-Kino und hier speziell an Filme von Gus Van Sant oder Jim Jarmusch oder im Vergleich zu neueren Produktionen an die leisen Filmen der belgischen Gebrüder Dardenne erinnert.

Dass diese ruhige, fast lakonische Inszenierung dennoch den Nerv der Zuschauer trifft, dürfte auch mit an der intensiven aber zurückhaltenden Performance der Hauptdarstellerin Michelle Williams liegen. Die Ex-Verlobte des verstorbenen Schauspielers Heath Ledger ist geradezu perfekt in der Rolle der Wendy. Der Aussteigerin und Hundeliebhaberin verleiht sie eine überwältigende Aura der Verlorenheit. Wendy ist stark. Sie ist nicht bereit aufzugeben. Ihr Ziel wird sie trotz zahlreicher Rückschläge nicht aus den Augen verlieren. Zusammen mit diesem Spiel, der nahezu perfekten Schauspielführung und der Nüchternheit der Inszenierung ist Kelly Reichardt wieder einmal ein kleines, stilles Meisterwerk gelungen. Ein Film, der Mut macht, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, dass die grosse Depression längst angekommen ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Wendy hat nicht mehr als ein paar Dollar in der Tasche. Zusammen mit ihrer Hündin Lucy wohnt sie in einem alten Honda, der sie nach Alaska bringen soll, wo sie auf einen Job in einer Fischfabrik hofft. Doch mitten im Nirgendwo gibt das Auto seinen Geist auf, was sich als Beginn einer großen Pechsträhne erweist. Wendy wird beim Stehlen von Hundefutter erwischt, und während sie in Gewahrsam ist, verschwindet auch noch Lucy. Ein alter Wachmann, den Wendy während ihrer Suche trifft, hat als einziger Mitleid mit der jungen Frau und versucht sie nach Kräften zu unterstützen.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*