KRITIK

Welle, Die

Welle, Die Sind faschistische Strukturen auch nach dem Ende des Nazi-Regimes denkbar? Diese Frage war schon 1967 Ausgangspunkt eines realen Experiments in Amerika. Der Stoff, den wohl fast alle von uns aus der Schule kennen, wurde 1981 das erste Mal verfilmt. Darauf folgte Morton Rhues bekannter gleichnamiger Roman – ja, das Buch zum Film und nicht anders herum. Sony sicherte sich die Rechte und erst jetzt hat es ein deutsches Team um Regisseur Dennis Gansel geschafft, den Stoff erneut verfilmen zu duerfen: Auf Deutsch und für den deutschsprachigen Raum.

Gansel und Peter Thorwarth, die fuer das Drehbuch verantwortlich zeichnen, uebersetzen dabei nicht, sie transferieren gleich die ganze Geschichte ins heutige Deutschland. Das Setting ist ein Berliner Gymnasium der ganz modernen Architektur, offenes Lehrerzimmer, ein Haufen Computer in der Schuelerzeitungsredaktion, alles ist aufgeraeumt und die Schueler entstammen der Bildungsschicht. Natuerlich gibt es die zwei homoeopathisch verteilten Ausnahmen, die auch in der Handlung ihren Platz haben. Es hagelt nur so von Web 2.0. Kurz: Ein Ort, an dem die Schueler und der Beobachtende als allerletzte eine faschistoide Entwicklung erwarten.

Juergen Vogel spielt darin die Hauptrolle des Rainer Wenger als Politik- und Sportlehrer auf dem zweiten Bildungsweg, ehemaliger Hausbesetzer und Hausbootbewohner. Sie ist ihm auf den Leib geschneidert. In der Projektwoche soll er „Autokratie“ unterrichten, lieber waere ihm „Anarchie“ gewesen. Und wie in der Originalvorlage stoesst ihm die Aussage auf, Faschismus sei nicht mehr moeglich. Ein diktatorisches Experiment beginnt, das – soviel sei verraten – ein uebles Ende nimmt und sich darin sogar von der realen Vorlage unterscheidet. Gansel nahm sich sowieso nicht den Vorgaengerfilm, sondern Jones` Kurzgeschichte ueber sein Experiment zum Vorbild.

Die deutsche „Welle“ entwickelt sich rasant, ein wenig hektisch gerade am Anfang. Die Kernhandlung braucht Platz. Diese entfaltet sich dann und wird in den vielseitigen Beziehungen der Oberstufenschueler erzaehlt. Ein wenig Sommer-Sonne-Strandstimmung, eine Liebe, der gescheiterte Aussenseiter und die kleine, einsame Opposition sind die tragenden Saeulen der Geschichte. Die jugendlichen Darsteller, groesstenteils mit einiger Erfahrung im Petto, ueberzeugen durch die Bank, auch Juergen Vogel brilliert auf ganzer Linie. Daneben gibt es simple Rollen, die simpel gespielt sind (zum Beispiel Wengers unbeliebter Kollege). Doch es bleibt verzeihbar, es stoert das Gesamtkunstwerk nur wenig.

Sowieso sind alle Schwaechen zu verzeihen, denn natuerlich ist so ein Film per se belehrend. Die Handlungsstraenge sind offensichtlich und wenig tiefgehend. Zugestaendnisse gibt es, aber das unterscheidet diesen Erzaehlstoff nun einmal von einer rein fiktiven Geschichte. Der handwerklich absolut souveraene Film zeigt tatsaechlich nur in der mangelnden Tiefe seine Schwaeche. Doch das fordert die gute Sache, ueber allem steht eben die große Aussage: „Und wie denkbar es heute noch ist, hier im aufgeklaerten Deutschland!“ Und die geht ueber die Vorlage(n) weit hinaus, die bewegt, die macht nachdenklich und die ist Schuld am mulmigen Gefühl, mit dem man aus dem Kino geht.



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INHALT

er Gymnasiallehrer Rainer Wenger startet während einer Projektwoche zum Thema „Staatsformen“ einen Versuch, um den Schülern die Entstehung einer Diktatur greifbar zu machen. Ein pädagogisches Experiment mit verheerenden Folgen. Was zunächst harmlos mit Begriffen wie Disziplin und Gemeinschaft beginnt, entwickelt sich binnen weniger Tage zu einer richtigen Bewegung. Der Name: DIE WELLE. Bereits am dritten Tag beginnen Schüler, Andersdenkende auszuschließen und zu drangsalieren. Als die Situation bei einem Wasserballturnier schließlich eskaliert, beschließt der Lehrer, das Experiment abzubrechen. Zu spät. DIE WELLE ist längst außer Kontrolle geraten....
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