KRITIK

weiße Rauschen, Das

weiße Rauschen, Das Anabelle Lachattes Oberkörper wippt auf dem Hochbett, die ungewöhnlich ruhige DV Handkamera verweilt in Bodennähe auf Kniehöhe unterhalb des Hochbettes, wie ein kleiner Bruder, der seiner großen Schwester bei etwas Verbotenem zuschaut. „Was machst Du hier?“ schreit es förmlich aus Anabelle Lachattes Gesicht (die im Film Kathi heißt) heraus. Doch Eile ist geboten, der Bruder, den man hier erwartet, sitzt im Zug auf dem Weg zu seiner Schwester in die Großstadt und wartet auf selbige wenig später am Hauptbahnhof. Schnitt. Auf Ruhe folgt Unruhe.

Das Tempo wird wieder angezogen, die DV-Kamera blickt aus einem Zugfenster. Fast zappelig verfolgt sie die vorbeirauschende Umwelt. Alle Geräusche sind überdimensional laut, wobei die wackelige Kamera Haltlosigkeit und Verlorenheit suggeriert. Und diese Unruhe wird sich in den nächsten 95 Minuten nicht legen.
So beginnt das weiße Rauschen, ein alles andere als entspannender Film. Und das aus lediglich zwei Gründen. Zum einen kann einem die hier sichtlich um Authentizität bemühte zappelige, fast unnatürlich-wirkende-Bilder-produzierende Handkamera ganz schön den Magen verstimmen, und zum anderen der (wenig später) omnipotente Ton, der fast ausschließlich Stimmengewirr von der Tonspur entlässt, den letzten Rest Durchhaltevermögen rauben; nur um zu verdeutlichen, was der Hauptperson Lukas mit der kopfzerbrechenden Krankheit wiederfährt.

Lukas, das ist Daniel Brühl, Daniel Brühl ist Lukas in einem dennoch atemberaubenden Erstlingsfilm von Hans Weingartner. Ein Film der Kategorie Aufwühler, die einem zwar alles abverlangen aber auch vieles geben können. Nicht nur durch den sehr radikalen Umgang mit Kamera und Tonspur, der sehr an die dänischen Dogma-Filme erinnert, sondern auch weil es hier um ein ungreifbar schwieriges Thema geht. Um eine Krankheit, die so häufig in Deutschland vorkommt wie Diabetes – die Schizophrenie.

„Das weiße Rauschen soll keine Fallstudie oder Psychiatriefilm sein“, erklärt Regisseur Hans Weingartner, der zuvor Gehirnforschung in Wien studiert hat. Ihm geht es vielmehr um etwas Fundamentaleres, um künstlerische Wirklichkeitsbilder der Menschen an sich. Ein großes Vorhaben für einen Abschlussfilm an einer Kunsthochschule für Medien. Mutig, aber auch wie hier mit den richtigen Mitteln gekonnt umgesetzt hätte dieses Vorhaben an wichtigen Faktoren scheitern können: An den Schauspielern beispielsweise oder an der Charakterzeichnung durch das Drehbuch. Nicht so beim weissen Rauschen. Daniel Brühl kann hier für Weingartner die Kohlen aus dem Feuer reißen. Gekonnt, fast übernatürlich gut verkörpert er den jungen Lukas, der eigentlich in die große Stadt gekommen war, um Party zu machen und ein bisschen zu studieren; wenig später aber an seiner Krankheit zu zerbrechen droht. Für diese Leistung gab es dann auch den Bayrischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller.

Die Charakterzeichnung, wie der ganze Spannungsbogen, wird bestimmt durch die schleichende Krankheit. Szenen und Dialoge stehen dabei immer für sich selbst, Psychotisches wird nicht für einen dramaturgischen Spannungsbogen ausgeschlachtet, sondern formen Bilder einer Krankheit. Das Ende dieser langen Reise mündet dann, wie zu erwarten war, am Meer, um dem weißen Rauschen zu lauschen. Und wir haben es endlich geschafft und verspüren ein Glücksgefühl. Aber es liegt nicht daran, dass unser Magen nicht mehr rebelliert. DAS WEISSE RAUSCHEN ist kein Film. Es ist eine Erfahrung.

 

Interview mit dem Regisseur Hans Weingartner:




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INHALT

Lukas zieht mit 21 Jahren in die Großstadt, in die WG seiner Schwester. Er hat das sichere Gefühl: Jetzt fängt das Leben an. Sofort stürzt man sich ins Nachtleben. Es gibt Partys, Drogen und eigentlich eine Menge Spaß.
Doch nach einem Drogentrip beginnt Lukas plötzlich Stimmen zu hören. Er hört Stimmen, die auf eine schizophrene Erkrankung schließen lassen. Nicht äußere Einflüsse steuern dabei fortan seine Entwicklung, in ihm selbst sitzen die Kräfte, die für seinen Weg entscheidend sind. Der Zuschauer wird erfahren, dass diese Krankheit in der Familie angelegt ist, er erfährt auch einiges über soziale Einsamkeit und mehr oder weniger angemessene Reaktionen der Umwelt darauf.
Die Stimmen beschimpfen ihn und er fühlt sich verfolgt. Paranoide Schizophrenie, lautet die nüchterne Diagnose der Ärzte. Nun beginnt für Lukas der Kampf gegen das Chaos in seinem Kopf. Am Ende einer Reise, die ihn bis an die spanische Atlantikküste führt, scheint er etwas gefunden zu haben, das aus dem Wahnsinn herausführen könnte: DAS WEISSE RAUSCHEN
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Eure Kritiken zu weiße Rauschen, Das

  1. tine

    tja, …… es ist keine stunde her das ich aus dem kino gekommen bin und mir ist noch ganz flau im magen. mit der handkamera kam ich klar, aber der film löst wirklich einiges in einem aus, vor allem wenn man selbst erfahrungen mit drogen gemacht hat. daniel brühl ist grossartig, wenn er mir auch manchmal etwas ZU authentisch war .. es hat gepasst. anabelle lachate als schwester hat mich beeindruckt. vor allem in den momenten in welchen sie versteht, das das alles kein spiel mehr ist, sondern bitterer ernst.

    in jedem fall ein empfehlenswerter film. wer allerdings schonmal böse erfahrungen mit halluzinogenen gemacht hat sollte es entweder lassen oder jemanden mitnehmen, der auf ihn aufpasst.

  2. nico

    hölle in kölle
    ..bin nach dem film in’s nächste „büdchen“ gelaufen und hab mir nen piccolo gekauft, um meinen kreislauf wieder anzukurbeln.. mannomann.. also wer schon bei dogma’eskem – handkameragefrickel seekrank-ähnliche erfahrungen macht, sollte diesen film besser meiden. letztere filme haben mir nichts angetan (was den kreislauf angeht), aber dieser geballte audiovisuelle trip war ein wenig zu viel für mich. soviel zur vorwarnung für zart besaitete..

    anders als fear and loathing oder naked lunch etc. wurden psychotische wahrnehmungen hier ausserordentlich „nachvollziehbar“ dargestellt. mal sah man mitleidig von aussen zu, mal (durch extrem realistische toneffekte) war man mittendrin. hier wurde nicht auf deibel komm raus „eingeworfen“ sondern versucht, das ungewollte nachspiel eines trips zu bekämpfen. der film ist also kein typischer „drogentrip“-streifen, auch wenn es erst den anschein macht.letztendlich ist es eine drogeninduzierte paranoid-halluzinatorische Psychose die lukas, gepaart mit den für ihn neuen eindrücken des großstadtlebens, zu bewältigen hat.daniel brühl spielt das unnglaublich realistisch.

  3. Udo

    Komme gerade ausdiesem Schizo-Film und habe immer noch Stimmen im Ohr..:-) Mensch, was für ein 90Grad-Waschgang für die Magengrube. Daniel Brühl ist ja wohl spitze, doch was bitte sollte das am Ende mit dieser elendig langen öko-hippie-komunen Atmosphäre? Das aber der deutsche Film noch funktioniert, sieht man hier..

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