KRITIK

We Need To Talk About Kevin

plakt zum Film We need to talk about KevinAm Ende von Roman Polanskis dämonischem Schocker „Rosemaries Baby“ ist der Nachwuchs des Satans geboren und es bietet sich eine Lesart für „We Need To Talk About Kevin“ an, die eine indirekte Fortsetzung des Klassikers zeigt, so abgrundtief böse und durchtrieben verhält sich die Titelfigur, dass gewöhnliche psychologische Kategorien nicht mehr greifen. Wie bei Polanski steht in Lynne Ramsays Bestsellerverfilmung allerdings die Mutter im Mittelpunkt, ihre Entfremdung, ihre Verstörung, ihr Ausgeliefertsein.

Ramsay findet dafür eindrucksvoll stilisierte Arrangements – gleich zu Beginn die exaltierte Tomatenschlacht im spanischen Buñol, in der sich Eva, die Mutter, rauschhaft in der Menge verliert, die die Leinwand blutrot tränkt. Dieses Farbmotiv durchzieht den Film und es bietet eine Analogie, die nie so ganz aufgeht, zu disparat sind die Teile des Films gegeneinander montiert, zu sehr sperrt sich „Kevin“ gegen eine lineare, sinnhafte, gar erklärende Kausalität.

Ebenso wenig wie es Eva gelingt, eine vertrauensvolle, herzliche Beziehung zu Kevin aufzubauen – nicht einmal in dessen ersten Lebensjahren – genau so sehr verweigert Lynne Ramsay die Empathie mit der erratischen Mutterfigur, die dem Rätsel ihres ansatzlos dämonischen Sohnes ratlos gegenüber steht.

Szene aus dem Film We need to talk about KevinDie kleine Schwester verliert ein Auge, ein Haustier muss daran glauben, ein Amoklauf als Kulminationspunkt – die Schreckmomente kommen stets aus dem Unvermittelten, dem Pathologischen. Eine gewisse Zeit lang könnten sie noch unglückliche Zufälle sein, für die auch der gutmütige Vater plädiert. Doch Eva weiß es besser, zumindest hat sie eine Ahnung, die ihr schnell zur Gewissheit gerinnt.
Lynne Ramsay wagt nicht wenig mit ihrem ersten Film seit mehr als neun Jahren, mit ihrer fragmentarischen Erzählweise und der Weigerung, einen Psychothriller phänomenologisch aufzuarbeiten. Doch sie kann sich jederzeit auf ihre exzellenten Mitstreiter verlassen, die „Kevin“ beflügeln: auf die einmal mehr brillante, im Wortsinn unfassbare Tilda Swinton und ihren enorm talentierten Gegenpart Ezra Miller, auf Seamus McGarveys durchdachtes Kamerakonzept und die mutige Montage von Joe Bini, Werner Herzogs langjährigem Cutter, sowie dem erneut eigenwillig-schönen Score von Radiohead’s Jonny Greenwood. Ein rares Highlight in diesem weitgehend überraschungsfreien Kinosommer.

  

 

 



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Eure Kritiken zu We Need To Talk About Kevin

  1. Tine

    Endlich in Deutschland im Kino, hatte mir den Film schon als englische DVD gekauft, sehr gelungene Umsetzung des Buches, welches mich letztes Jahr begeisterte … Auf perfide Art und Weise, den schön ist das alles nicht …

  2. Baumfreund

    Aber wir müssen noch über Tilda Swinton reden. Ihr feines Spiel ist es, was diesen Film ausmacht. Wie Tilda Swinton die Zerissenheit von Kevins Mutter zwischen Schmerz, Versagensangst und unterdrückter Wut darstellt – nicht durch Exaltiertheit, wie es so manche Filmdiva tun würde, sondern durch ein zurückgenommenes und dadurch viel intensiveres Schauspiel – das ist absolute Weltklasse. Es bleibt zu hoffen, dass Tilda Swinton dafür mit Filmpreisen überhäuft wird.

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