KRITIK

Was hat uns bloss so ruiniert?

Kinder oder keine Kinder? Diese Frage stellt sich vielen Paaren sobald der richtige Partner gefunden ist und das erste eigene Geld verdient wird. Doch das Selbstverständnis der Familie steckt in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer tiefen Krise. Das tradierte Bild von Nachkommen, die im Alter in der Familie für (finanzielle) Sicherheit sorgen sollen, ist ein Relikt vergangener Tage. In Ländern wie Deutschland, Österreich, Italien und Portugal geht die natürliche Bevölkerungsentwicklung (ohne Zuzug) seit den 90er Jahren kontinuierlich zurück, das heißt, es sterben mehr Menschen als neu geboren werden. Unsere Gesellschaft „überaltert“.

Sterben wir Europäer aus? Nein, Hoffnung ist in Sicht. Die Fertilitätsraten steigen wieder, Kinder kommen wieder „in Mode“. Auch in Deutschland – und vor allem in Österreich. Aber war das der Grund, für die 1977 in Graz geborene Filmemacherin Marie Kreutzer eine Komödie zu drehen, die den so genannten „BoBo-Eltern“ (bourgeois und bohémien – Möchtegern-Bohémien) in den Großstädten (wie hier in Wien) einen Spiegel vorhält? Auch wenn sie sich selbst dazuzählt? Und was soll in dem Zusammenhang der vielsagende Titel „Was uns bloß so ruiniert?“ Ein Fingerzeig?

Mit „Ich darf jetzt erst einmal keinen Alkohol mehr trinken“ offenbart Filmemacherin Stella (Vicky Krieps) ihren Freundinnen beim Wein, dass ihr Freund Markus (Marcel Mohab) und sie Nachwuchs erwarten. Die Freude ist groß. Die Vorfreude eher weniger. Dennoch überreden ihre Freundinnen Mignon (Pheline Roggan) und Ines (Pia Hierzegger) ihren anwesenden männlichen Anhang, es ihren Freunden gleichzutun. Regisseurin Kreutzer unterlegt diese Szene mit dem (Die Sterne) Song: „Was hat Dich bloss so ruiniert?“ und sofort wird klar, dass die Eltern an ihren Ambitionen scheitern werden und es in den nächsten 90 Minuten nicht um die Attraktivität des Elternseins gehen wird.

Nein Schatz, Kiffen und Baby, das geht nicht zusammen.“ Die drei Mitte-30-Paare in Wien, befreundet seit Studentenzeiten, werden ins Eltern-Dasein katapultiert, und alle haben unterschiedliche (pädagogische) Ambitionen und unterschiedliche Vorstellungen. Nur finanzielle Sorgen spielen bei allen Paaren keine Rolle, ebensowenig wie (neue) Fragen nach der Work-Life-Balance oder den Kompromissen, zu denen man als Elternteil bereit sein sollte. Nein, das eigene Leben wird sich ja deswegen nicht ändern. Man bleibt kreativ, man bleibt anders als all die anderen Spießer. Man trinkt weiter regional gerösteten Kaffee aus dem Fair-Trade-Laden, schreibt Food-Blogs und sammelt Luxusgüter mit dem angebissenen Apfel drauf. Mit der Realität, den Sorgen und Nöten junger Eltern auf der Welt hat das nichts zu tun.

Szenisch gewährt uns Marie Kreutzer private Einblicke ins Elternsein, wie etwa der Sex während der Schwangerschaft, Geburten Zuhause oder bei ersten Elternabenden in der KiTa, in denen es auch um die richtige Zubereitung des Müslis geht. Die Klammer bildet dabei das neue Dokumentarfilmprojekt von (Marie Kreutzer Alter-Ego?) Stella, von einer dauergrinsenden Vicky Krieps halbwegs glaubhaft verkörpert, die sämtliche Freunde vor ihrer Kamera zu Wort kommen lässt. Das ist alles weder komisch noch unterhaltsam, eher bitter und tragisch. Vielleicht ein wenig tragik-komisch. Auf jeden Fall mehr „Feel bad“ als „Feel good“.

Nein. Egal ob Film-im-Film (der sich nur um sich selbst dreht) oder Spiegelbild. Für eine Satire ist diese Klischee-Sammlung viel zu stumpf, für eine Komödie fehlen Timing und Pointen, für eine Selbstanklage ist der Film schlichtweg zu „cool“ und zu arrogant. Der Film selbst, nicht nur die Fragestellung also, ein einziger Zweifel. Denn am Ende stehen alle vor einem Scherbenhaufen. Kinderkriegen ist doof! Danke für Nichts, Frau Kreutzer!

 

 

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