KRITIK

Was Du nicht siehst

Filmplakat Was Du nicht siehstSpätsommer. Bretagne. Ein Geländewagen fährt die Serpentinen an der rauen Atlantikküste entlang. In einer langen Einstellung begleitet die Kamera den Wagen einer modernen Patchworkfamilie, der mit Mutter Luzia (Bibiana Beglau), ihrem Sohn Anton (Ludwig Trepte) und ihrem Liebhaber Paul besetzt ist. Die Stimmung ist freudig aufgewühlt. Nur der 17-jährige Anton weiß noch nicht genau, was auf ihn zukommt. Dass in den meisten Fällen in einer Dreierkonstellation einer zu viel ist, wird ihm später an anderer Stelle noch einmal schmerzhaft vor Augen geführt.

Die drei Urlauber erreichen ihr Ziel: Ein schöner Flachdach-Bungalow, nur einen Steinschlag von der Küste entfernt. Anton bezieht sein Zimmer, er ist mit 17 eigentlich viel zu alt, um noch mit seiner Mutter und deren Freund zu verreisen. Aber auf ihren besonderen Wunsch hin begleitet er sie. Anton und auch Luzia sind hin- und hergerissen zwischen der Trauer um ihren Ehemann und seinen leiblichen Vater, dessen Selbstmord beide noch nicht richtig verarbeitet haben. Der Leidtragende ist Paul, der zur „Verstärkung“ seinen geliebten Hund mitgenommen hat. Doch Paul reißt sich zusammen und ist mehr und mehr um ein gutes Klima bemüht. Mit Erfolg: Je näher sich Luzia und ihr neuer angehender Lebensgefährte (Andreas Platton) kommen, desto mehr sucht Anton seine Freiheiten und eigene Beschäftigungen.

Szene aus dem Film Was Du nicht siehstBei seinen Ausflügen ans Meer lernt Anton nur wenig später die Nachbarn kennen, Katja und David, ein Geschwisterpaar, so behaupten sie, das in der Nachbarvilla den Sommer verbringt. Dass bei den beiden – herausragend verkörpert von Alice Dwyer als Katja und Frederick Lau als David (die nach „Freischwimmer“ erneut als Paar zusammen auf der Leinwand zu sehen sind) – nicht alles mit rechten Dingen zugeht, wird schnell klar, als die hervorragende Kamera von Martin Gschlacht einen Blick in den Vorgarten der Nachbarvilla wirft: In diesem liegt das zerstörte „Zu vermieten“-Schild, mit dem zuvor die Villa den Urlaubsgästen in dieser kargen Landschaft feilgeboten wurde. Damit wäre Wolfgang Fischers Familiendrama in einem weiteren Genre angekommen. Willkommen im Mistery-Thriller!

Lange Einstellungen, feinsinnige Menschenbeobachtungen und dichte Atmosphärengestaltung, vieles erinnert hier an die Thriller von David Lynch oder auch Michael Haneke. Dass es sich bei „Was Du nicht siehst“ um ein Debüt handelt, will man dem studierten Psychologen und Maler Wolfgang Fischer nicht so recht abnehmen, zu versiert nimmt der Thriller im weiteren Verlauf seine Zuschauer in den Bann, zu meisterlich wirkt die Schauspielführung, vor allem im Zusammenspiel zwischen Trepte, Dwyer und Lau.

Da sie als Trio nie von der Außenwelt wahrgenommen werden, nicht einmal von Mutter Luzia oder Freund Paul, wird der Gedanke an die Ur-Polarität, das Gute und das Böse im Menschen, geweckt. Anton ist zu Anfang von dem geheimnisvollen Paar verstört, von ihrer schroffen, merkwürdigen Art. Aber mehr und mehr lässt er sich in deren fremde Lebenswelt hineinziehen. Es ist ein unheimliches Terrain, auf das er sich begibt, bestimmt von Gewalt, Perversion und Skrupellosigkeit. Sind David und Katja am Ende gar keine realen Figuren, sondern nur dämonische Gespinste seiner Fantasie?

Während Nietzsche dabei vom Apollinischen und Dionysischen spricht, wandert Wolfgang Fischer tiefer in Antons abgründige Seele und entblättert alle Fallgruben, die sich auf dem Weg ins Erwachsenwerden auftun. Verlockung, Verrat, Neugierde, Faszination und Aufbruch. Was sind Antons Gefühle? Was sind die Gründe für seine Gewaltbereitschaft? Der Regisseur und Drehbuchautor hält sich nicht lange mit Deutungen und Lösungen auf. Auch die Innenleben der anderen Protagonisten spielen nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um Anton, dessen Verlorenheit sich immer wieder in der kargen Landschaft spiegelt und durch klassisch chorale Klänge verstärkt wird. Am Ende kommt man ins Grübeln. Ein Vexierspiel, bei dem Fischer Bilder entwirft, die gleichsam enthüllen und verdecken. Großartiger Bilder für einen mutigen, intelligenten und spannenden Thriller. Da freut man sich direkt auf den nächsten Film. Wann hat man das zuletzt bei einem deutschen Regisseur sagen können?

 

Was Du nicht siehst



Dimitrios Athanassiou
Moviemaze.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann Wochenschau..., mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Münstersche Zeitung
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Bernhard Trecksel
Die Wochenschau
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 





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INHALT

Der 17-jährige Anton reist mit seiner Mutter Luzia und deren Liebhaber Paul in ein Ferienhaus an der rauen Atlantikküste. In der zerklüfteten Landschaft begegnet Anton dem mysteriösen David. David ist im Gegensatz zu Anton wild und ungestüm, scheint vor nichts Angst zu haben. Der charismatische David eröffnet Anton eine Welt ohne Regeln. Anton ist fasziniert von David, seiner Kraft und Selbstsicherheit. Über David lernt Anton Katja kennen. Anton fühlt sich vom ersten Moment an zu Katja hingezogen. Er spürt, dass sie in ihrer ganzen Verlorenheit und Verwahrlosung etwas mit ihm gemein hat. Die Begegnung mit Katja und David zieht Anton zunehmend in einen Strudel emotionaler Verwirrung – zwischen sexuellem Erwachen, subtiler Verführung und befremdender Gewalt. Sowohl Luzias als auch Pauls Bemühungen, sich Anton zu nähern, scheitern. Nach einer alptraumhaften Odyssee durch die Abgründe seiner eigenen Seele findet sich Anton in einer erschreckenden Realität wieder.
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